zur Navigation springen

Brandenburger Firma zerstört Streubomben : Die Geächteten werden entschärft

vom

Heimtückisch und weltweit geächtet: Jahrzehntelang wurden Streubomben eingesetzt. Heute liegen noch tausende Blindgänger im Boden. Weltweit wurden etwa 100 000 Menschen durch Blindgänger verletzt.

Pinnow | Sie haben nur die Größe einer Lampenfassung und dennoch eine verheerende Wirkung. Ganze Landstriche sind durch sie praktisch für Jahre vermint. Daher werden Streubomben weltweit geächtet. Die Bundeswehr lässt derzeit ihren gesamten Bestand an Streumunition vernichten. Deutschland kommt damit einer UN-Konvention von 2008 nach, gemeinsam mit über 100 anderen Staaten. Der Großteil der Bundeswehr-Streubomben wird vom Unternehmen Nammo Buck im brandenburgischen Pinnow (Uckermark) zerstört.

Betriebsleiter Jörg Fiegert und seine Mitarbeiter haben dort viel zu tun: Über 200 000 Artilleriegeschosse (ICM) und rund 26 000 Raketen vom Typ MLRS-M26 gilt es unschädlich zu machen. Bis 2015 wird es dauern, dann soll die letzte Munition entschärft sein. Mehrere tausend der tödlichen Exemplare rattern täglich auf einem Fließband ihrer Vernichtung entgegen.

Streubomben gehören zu den schlagkräftigsten Waffen überhaupt. Zuletzt setzte sie die Nato 1999 im Krieg um das Kosovo ein, die USA im Irak 2003, Israelis und Hisbollah im Libanon 2006 und die Russen in Georgien 2008. Die Geschosse öffnen sich in der Luft und streuen viele Dutzend kleine Sprengsätze, sogenannte Bomblets, aus. So werden fußballfeldgroße Gebiete verwüstet.

Völkerrechtlich ein Problem ist die große Anzahl der Blindgänger. Nach Schätzungen von Human Rights Watch sind fünf bis zehn Prozent der Streubomben Versager. Sie explodieren oft erst Jahre nach einem Konflikt auf den Feldern, etwa wenn Bauern oder spielende Kinder auf sie treten. Hilfsorganisationen schätzen, dass durch den Einsatz von Streumunition weltweit mehr als 100 000 Menschen getötet oder verstümmelt wurden. Jedes vierte Opfer soll ein Kind sein.

Bei Nammo Buck in Pinnow öffnen Techniker die Geschosse zunächst, um an die einzelnen Bomblets zu kommen. In einer Art Bunker mit Wänden aus 60 Zentimeter dickem Stahlbeton werden die Mini-Bomben dann vollautomatisch entschärft und wie ein Ei geköpft. Der freiliegende Sprengstoff - hochbrisantes Hexogen - kann schließlich kontrolliert verbrennen. Verwertbare Munitionsbestandteile wie Aluminium, Kunststoff oder Stahl werden von der Nammo Buck GmbH gesammelt und an Recyclingunternehmen verkauft. "Das ist ein Teil unserer Einnahmen", sagt Geschäftsführer Christoph Rüssel, ein gebürtiger Rheinländer. In Pinnow an der Grenze zu Polen werden schon seit den 1930er Jahren Geschäfte mit Waffen gemacht. Lange Zeit produzierte man dort Spreng- und Kampfmittel, das brachte dem Dörfchen den martialischen Namen "Raketen-Pinnow" ein. Auch Jörg Fiegert fertigte zu DDR-Zeiten Waffen. Heute vernichtet er sie. Den Eindruck eines Pazifisten erweckt der 51-jährige Ingenieur nicht, die Zeiten haben sich einfach geändert. Nammo AS, der skandinavische Mutterkonzern, lässt indes nicht nur Munition entschärfen: Projektile, Handgranaten, Raketen - hauptsächlich werden Waffen produziert. Potenziell todbringend, aber eben nicht geächtet.

zur Startseite

von
erstellt am 05.Jul.2012 | 11:01 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen