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Der Prignitzer

24. Juli 2016 | 20:34 Uhr

Flüchtlinge in der Prignitz : Deutschstunde im Gemeinderaum

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

„Perleberg hilft“ – Ehrenamtler engagieren sich für Menschen, denen nur die Hoffnung auf ein Leben in Frieden und Sicherheit bleibt

„Wie heißt Du?“ Kader Kaderi deutet dabei auf Ahmad Fahim Panahi. Der nennt in recht passablem Deutsch seinen Namen. Vor drei Monaten kam der junge Afghane nach Deutschland und wohnt jetzt mit anderen Landsleuten bzw. jungen Pakistani in Sükow. Eine neue große Familie seien sie, verbunden durch gleiche Schicksale, „denn niemand verlässt seine Heimat, wenn er es nicht muss“, fügt Ahmad Fahim Panahi an. Neun Semester Medizin studierte er, bevor er sein Zuhause verließ, „verlassen musste“, wie er sagt. Mehr will er nicht erzählen. In Deutschland möchte er sein Medizinstudium, seine Ausbildung beenden, das sei sein großer Wunsch.

Die Chancen dafür sind aber alles andere als rosig, denn wie Pakistan gilt auch Afghanistan inzwischen als sicheres Herkunftsland. Und damit hat er, wie auch die anderen elf Flüchtlinge, die im Sükower Gemeinderaum der Kirche Alltagsdeutsch lernen, keinen Rechtsanspruch auf einen Sprachkurs. „Du musst Flüchtling aus Syrien sein, aber wir sind auch Menschen, sind ebenso vor Krieg, Verfolgung und Unterdrückung geflohen“, so der junge Afghane, der von sich sagt, dass er die Hoffnung nicht aufgibt.

Ihnen Hoffnung machen auf ein Leben in Deutschland, das können sie nicht. „Wir sagen ganz offen, wie die Chancen stehen. Aber wir wollen, dass sie mit einem guten Eindruck gehen. Ansonsten sind sie eine leichte Beute für die Rattenfänger“, betont Elisabeth Pietzsch. Gemeinsam mit Ingrid Schindler hat sie die Initiative „Perleberg hilft“ aus der Taufe gehoben. Keine leichte Geburt, wie sie einräumt.

Den Flüchtlingen helfen – viele Ehrenamtliche hatten sich in Listen eingetragen, doch letztlich fühlte sich niemand für die zuständig. So nahmen die beiden Frauen die Sache selbst in die Hand, besorgten sich Adressen anderer Ehrenamtler, recherchierten im Internet, wie man helfen kann und verständigten sich darüber, was sie leisten wollen und vor allem auch können.

13 Ehrenamtler sind sie jetzt bei „Perleberg hilft“ und sie engagieren sich in den unterschiedlichsten Projekten. In Sükow ist es der Deutschkurs für Flüchtlinge mit wenig Aussichten auf ein Bleiberecht. „Bis sie gehen müssen, sollen sie zumindest die Möglichkeit haben, unsere Sprache ein wenig zu lernen, etwas über unsere Kultur, unsere Gesellschaft zu erfahren“, greift Elisabeth Pietzsch den Gedanken auf. Für sie ist aus diesem Ehrenamt inzwischen ein unbezahlter Fulltime-Job geworden. Denn für alles braucht es Genehmigungen, immer wieder muss im Internet gescheckt werden, welche Möglichkeiten es gibt und wie man an diese kommt. Amir Hassian Sharifi war 16 Jahre, als er nach Deutschland kam, jetzt ist er 17 – für die Regelschule eigentlich zu alt, eine weiterführende komme nicht, jedenfalls jetzt noch nicht, in Betracht. „So versuche ich nun, dass er die Oberschule besuchen kann. Eine Entscheidung steht noch aus.“

Ein Problem von vielen, das Elisabeth Pietzsch hier anspricht. Verständlich ihr Stolz, als sie einigen der jungen Asylbewerber verkünden kann, dass sie einen Praktikumsplatz für sie hat. Gastronomen aus der Region nehmen sie, ein Elektromeister, ein Friseur und auch der Perleberger Altstadtverein. „Ich würde mir wünschen, ich könnte mehr solcher Nachrichten überbringen“, sagt die Düpowerin, denn wie lernt man eine Sprache, ein Land besser kennen, als im Umgang mit den Menschen, die hier leben.

„Perleberg hilft“ auch an der Schollschule. Drei Ehrenamtlerinnen bringen Flüchtlingskindern an drei Tagen die Woche spielerisch die Sprache ihres derzeitigen Zuhauses bei, Sprachhilfestellung geben andere in der Kita „Piccolino“ und demnächst auch in der Awo-Kita, um nur einige Beispiele zu nennen. Eigens für den Nachwuchs hat die Initiative entsprechende Lernmaterialien gekauft bzw. für die Sprachkursteilnehmer sich Material aus dem Internet heruntergeladen und dann vervielfältigt. „Über ,Demokratie leben’ haben wir im vergangenen Jahr ein paar Fördermittel bekommen“, so Elisabeth Pietzsch. Doch die reichen bei weitem nicht. Stapel von Papier muss bezahlt werden, Telefonrechnungen, Dolmetscher, und auch das Privatauto fährt nicht mit Wasser. „Wir sind dankbar für jede finanzielle Unterstützung.“ Über das Awo-Konto, mit Hinweis auf „Perleberg hilft“, kann man die Ehrenamtler unterstützen und erhält so auch die Spendenbescheinigung. „Und wir können auch noch jede Hand gebrauchen, die uns ehrenamtlich bei den Sprachkursen unterstützt.“ Zu erreichen ist die Initiative unter perleberghilft@web.de. 

Alles rund um die aktuelle Flüchtlingsdebatte lesen Sie in unserem Dossier.

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erstellt am 25.Feb.2016 | 08:00 Uhr

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