zur Navigation springen

Der Prignitzer

25. September 2016 | 22:49 Uhr

IFA-Treffen in Perleberg : Der Damenstrumpf als Keilriemen

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Beim IFA-Treffen in Perleberg kamen Freunde von DDR-Kultfahrzeugen zusammen – und ins Gespräch über alte Zeiten

Den Fan von IFA-Fahrzeugen erkennt man an seiner Leidenschaft und auch an seinem Fachwissen, das von der Schraubertechnik bis zur etwa 40-jährigen Produktionsgeschichte reicht. In der Regel kennen Simsonpiloten, Wartburgritter oder W50-Kapitäne ziemlich jede Schraube an ihrem Gefährt. Und wenn ein Treffen ansteht, lassen sie sich von angekündigtem Regenwetter, wie zum Wochenende prognostiziert, erst recht nicht abschrecken.

So auch Axel Rudolf, der aus Brüsenhagen bei Kyritz mit einem ’89er QEK-Junior-Wohnanhänger hinter einem taubenblauen ’87er Trabant auf das Gelände am Eichhölzer Weg kam. Der Wohnanhänger sei als einer der letzten vom Band gegangen, zuletzt war Rudolf mit dem Fahrzeug beim Ostblocktreffen in der Nähe von Ribnitz-Damgarten bei Rostock, an die Nordsee fuhr er auch schon mal, aber bei 190 Kilometern Autobahn werde man mit einem Trabant vorne dran schnell zum Hindernis, gibt er lachend zu.

Die Inneneinrichtung seines QEK lädt dazu ein, sich in vergangene Tage zurückzuträumen, heimelig und bescheiden, wie es viele Campingenthusiasten zu DDR-Zeiten kennen und lieben gelernt haben: Ein Tisch, der sich zum Mittelstück einer Schlaffläche absenken lässt und Platz für drei Erwachsene bietet, sowie ein kleiner Gasherd.

Was macht den Reiz der alten IFA-Fahrzeuge aus? „Wir kommen aus dem Osten und wollen ihn nicht so ohne weiteres untergehen lassen“, so Rudolf. Während er die Motorhaube des Trabant öffnet, schwärmt er von den Vorzügen der Zugänglichkeit. Alles könne man an diesen Fahrzeugen selber machen. „Den Motor habe ich letztens rausgeholt, vier Schrauben lockern und schon war er draußen.“ Zum Sinnbild für das Improvisationstalent von damals hat es der Damenstrumpf geschafft, der auch schon mal einen Keilriemen beim Trabant ersetzen könne. „Das funktioniert wirklich“, klärt er auf.

Rudolf ist überzeugt davon, dass die Wende erst das Überleben der IFA-Fahrzeug ermöglicht habe. Denn „damals gab es gar keine Ersatzteile, auf die hat man mitunter Ewigkeiten gewartet. Und heute kriegt man alles, was man will. In Ungarn wird viel nachgebaut.“ Das nächste Treffen am 1. Oktober ist zugleich für ihn das letzte in diesem Jahr, sein Trabbi hat ein Saisonkennzeichen, Ende Oktober muss er in den Winterschlaf.

Reinhard Fraenkel aus Plate bei Schwerin fuhr mit seiner orange-weißen Erstausführung des Kugelporsches, Baujahr 1961 vor. Über 60 Pokale hat er für seine Fahrzeuge schon eingesammelt. Er und seine Kumpels Fred Hagemann und dessen Sohn Martin aus Bandekow bei Boizenburg und Eckhard Bühler aus Groß Rogahn bei Schwerin haben ihre Wohnanhänger im Karree aufgestellt, sitzen gemütlich in Campingstühlen davor. „Wir sind damit groß geworden“, erklärt Eckhard Bühler die Faszination für die Ostmobile. An modernen Fahrzeugen könne man nicht so viel machen, da fehle der direkte Draht.

Da man mittlerweile im Westen eingesehen habe, dass ein „Goggomobil oder eine Isetta auch nur überdachte Motorräder sind“, so Fraenkel, haben die Kleinfahrzeuge aus Zschopau, Eisenach, Suhl oder Zwickau im Rest der Republik in den letzten 25 Jahren den Ruf, nur Notprodukte zu sein, längst abgestreift.

Kennengelernt haben sich die Herren übrigens früher bei Ralleyfahrten. „Eigentlich haben wir damals Fahrzeuge systematisch kaputt gemacht“, so Eckhard Bühler. Damals ein nicht weniger exzentrisches Hobby als heute, nur, so Martin Hagemann, würde man das „mit seinem eigenen Auto heute nicht mehr machen“. Sein Vater Fred Hagemann hat seinen Wartburg mal auf einer tschechischen Rennstrecke arg beschädigt. Trotzdem „hat er mich immer heil nach Hause gebracht“. Ralley sei ein Mix aus „die Sau rauslassen und Gemeinschaft“ gewesen, umreißt Eckhard Bühler die Zeit z.B. in Schleiz oder Goldberg. Oft sprangen nur Anerkennung, ein Pokal oder ein Sachpreis bei raus. Das Wichtigste überhaupt sei aber das, was die Ralley von damals mit dem IFA-Treffen von heute verbindet, die „Party hinter den Fahrzeugen“, so Eckhard Bühler.


zur Startseite

von
erstellt am 19.Sep.2016 | 10:00 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Themen zu diesem Artikel:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen