zur Navigation springen

Der Prignitzer

07. Dezember 2016 | 21:18 Uhr

Reportagen aus dem Tschad : „Das beste ,tote Schaf‘ der Welt“

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

900 Kilometer quer durch den Tschad: Ein Roadtrip durch weite Ebenen, vorbei an Autowracks, ärmlichen Hütten und bewaffneten Kontrolleuren

Seit zehn Jahren arbeitet der Eldenburger Urban Britzius für die Hilfsorganisation Help! im Tschad. „Am Arsch der Welt“ – wie er das afrikanische Land – einst selbst bezeichnet hat, betreut er rund 14  000 Flüchtlinge im Lager Am Nabak nahe der sudanesischen Grenze. In dieser Woche ist er wieder nach Afrika geflogen, und ich begleite ihn, um über seine Arbeit zu berichten. Ich werde mit Flüchtlingen sprechen, den Sultan treffen, Brunnen besichtigen, die Britzius mit seinem Team im Flüchtlingslager und in Dörfern baute.

 


Die Maschinenpistole baumelt locker über seine Schulter. Seine Augen verstecken sich hinter der Sonnenbrille. Zwei weitere Polizisten stehen im Hintergrund. Auch sie tragen schussbereite Waffen. Skeptisch liest er das Blatt Papier, welches ich durch das Fenster reiche. Er vergleicht unser Kennzeichen mit dem Dokument, gibt mir das Blatt zurück. Wir stehen an einer Polizeikontrolle, müssen nachweisen, dass wir im Auftrag der Hilfsorganisation Help fahren. Der Schlagbaum öffnet sich, Ahmat gibt Gas.

Wir sind mit der Sonne aufgestanden, um 6.30 Uhr gestartet. 900 Kilometer liegen vor uns, das Ziel heißt Abéché. Die Provinzhauptstadt im Osten ist die zweitgrößte des Landes. Help hat dort ein Büro, welches zugleich als Unterkunft für Urban und Mitarbeiter dient.
Mit 150 Sachen sausen wir über die Asphaltstraße, die sich schnurgerade bis zum Horizont erstreckt. Wir überholen Mopeds und Lastwagen, deren Ladung bedrohlich weit in den Himmel ragt. Obendrauf sitzen und liegen Fahrgäste. Mal ist es nur einer, mal sind es zehn und mehr – tschadisches Taxi.

Kinder laufen über die Straße, Frauen in bunten Kleiden tragen auf ihren Köpfen Lasten aller Art: Wasserkrüge, Stoffballen, Tabletts mit Früchten. Kühe drehen erschrocken um, wenn Ahmat hupt, Ziegen springen zur Seite. Nur die Esel bleiben stur auf der Straße stehen, zwingen uns zum Bremsen. „Minister für Straßentransport“ nennen die Einheimischen sie.


Die besondere afrikanische Würze


Das Gelände ist flach wie ein Topfboden. Selbst eine Wasserwaage würde nichts anderes anzeigen. Wir fahren über dem Boden des Tschadsees, der sich einst bis hierher erstreckte und dessen Ufer heute gut 100 Kilometer entfernt liegt. Dennoch gibt es Wasser. Mal sehen wir Tümpel, mal sind es Löcher in ausgetrockneten Flussbetten. Der Grundwasserspiegel liegt bei vier Metern, sagt Urban. In seinem Flüchtlingslager ist es gut das Doppelte. Grüne, teils richtig mächtige Bäume bedecken die Ebene zu beiden Seiten der Straße, fast so, als hätte jemand grüne Puzzleteile regnen lassen.

In Mongo biegen wir von der Hauptstraße ab, halten auf einem staubigen Platz voll mit Menschen. Was in Deutschland eine Raststätte an der Autobahn wäre, ist hier ein Mix aus Markt, Imbiss und Werkstätten. Der Duft gegrillten Fleisches mischt sich mit dem Gestank von Abgasen. Frauen verkaufen Obst, daneben ist die Erde schwarz und ölgetränkt. An der offenen Motorhaube eines Lkw schrauben Männer. Ein Bus rast auf den Platz, bremst, wirbelt Dreck und Sand auf, der sich garantiert als letzte Würze auf unsere Fleischportion legt.

Unsere Mittagspause verlegen wir wohlweislich nach außerhalb der Stadt unter einer einladenden Baumkrone. „Das ist das beste ,tote Schaf‘ im ganzen Land“, preist Urban die mundgerecht geschnittenen Stücke an, die wir uns mit den Fingern nehmen. Es schmeckt und, wer weiß, vielleicht liegt es ja an der speziellen afrikanischen Würze.

Weiter geht es durch die Savanne. Rebhühner picken im Sand, ein Erdmännchen entkommt unseren Vorderreifen, Affen rasen durch die Büsche. Wir halten an Mautstationen, zahlen jeweils rund 70 Cent. Grüne Zweige auf der Straße dienen als Warndreieck. Wir sehen sie oft, genau wie ausgebrannte Wracks neben der Straße, die von den vielen Unfällen zeugen.

Wir kommen durch Städte, die aus nicht mehr als ein paar Lehmhütten bestehen. Stroh trocknet in Astgabeln und auf eigens errichteten kleinen Dächern. Am Fluss waschen Frauen Kleider und Teppiche, zum Trocknen werden sie auf dem sandigen Boden ausgebreitet. Manchmal kommen uns gepanzerte Fahrzeuge entgegen, auch richtige Panzer russischer Fabrikation sind darunter. Unheimlich wirken die restlos vermummten Männer auf Pickups mit ihren Gewehren in den Händen. Das Militär scheint allgegenwärtig zu sein.

Die Sonne steht tief, als wir Abéché erreichen. Das Help-Büro ist ein helles Haus abseits der Hauptstraße, von einer mit Stacheldraht gespickten Mauer umgeben. Internet gibt es nicht, aber fließend Wasser und Strom. Das ist viel in einem Land, in dem ein Brunnen ein ganzes Dorf versorgt und in dem abends Petroleumlampen ihr spärliches Licht verbreiten.

 

zur Startseite

von
erstellt am 19.Jan.2015 | 12:00 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Themen zu diesem Artikel:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen