zur Navigation springen

Der Prignitzer

28. Mai 2016 | 18:02 Uhr

Arbeitsmarkt : Attraktive Jobs sind nötig

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Gespräch mit der Arbeitsagentur über Quoten, Branchen mit schlechtem Image und das Scout-Projekt

Anders als erhofft hat die Prignitz im vergangenen Jahr bei der Arbeitslosenquote nicht die zehn Prozent-Marke unterschritten. Dennoch sei die Entwicklung positiv, sagt Cornelie Schlegel, Chefin der Neuruppiner Arbeitsagentur. Über die Situation auf dem Prignitzer Markt und das Erfolg versprechende Scout-Projekt sprach Redakteur Hanno Taufenbach mit ihr und mit Ina Kaiser-Hagenow, Teamleiterin Arbeitgeberservice Perleberg.

Frau Schlegel, im Gespräch vor einem Jahr waren Sie optimistisch, dass die Prignitz 2015 bei der Arbeitslosenquote unter zehn Prozent liegen wird. Das haben wir nicht geschafft. Sehen Sie dennoch Fortschritte?
Cornelie Schlegel: Knapp haben wir diese Marke verfehlt. Im November lagen wir bei 10,6 Prozent, immerhin 0,3 Prozent weniger als im Vorjahresmonat. 2013 waren es noch 11,4 Prozent. Wir sind auf einem guten Weg.

Sind 0,3 Prozent nicht etwas wenig, um von einem guten Weg zu sprechen oder gibt es weitere Argumente, die Ihre Aussage stützen?
Cornelie Schlegel: Die gibt es, zum Beispiel die Entwicklung der Unterbeschäftigungsquote.

Der Begriff taucht selten auf. Was müssen wir uns darunter vorstellen und warum ist diese Zahl wichtig?
Cornelie Schlegel: Das sind zum Beispiel Menschen, die an Maßnahmen und Weiterbildungen teilnehmen oder krankgeschrieben sind, aber nicht offiziell als arbeitslos gelten. Diese Quote ist im Jahresvergleich von 14,8 Prozent auf jetzt 13,5 gefallen. Das ist beachtlich, weil wir zeitgleich die Zahl der geförderten Maßnahmen reduziert haben. 2014 waren zum Beispiel 289 Menschen in Arbeitsgelegenheiten (1-Euro-Jobs) beschäftigt, in diesem Jahr nur 182, ein Rückgang um 37 Prozent.

Und dennoch ist die Arbeitslosigkeit nicht gestiegen, sondern gesunken. Denken Sie zehn, 15 Jahre zurück. Hätten wir damals im gleichen Umfang AB-Maßnahmen reduziert, wäre die Quote gestiegen. Dass dies jetzt nicht der Fall ist, zeigt, dass sich die Gesamtsituation erheblich verbessert hat.

Aber dennoch ist die Prignitz im Agenturbezirk Neuruppin das Schlusslicht.
Cornelie Schlegel: Das stimmt und wir geben uns auch nicht zufrieden mit der Situation.

Sondern machen was?
Ina Kaiser-Hagenow: Zum Beispiel das Job-Scout-Projekt, welches seit drei Jahren läuft und mit dem wir gezielt Arbeitslose qualifizieren.

Wie läuft das in der Praxis ab?
Ina Kaiser-Hagenow: Wir schauen sehr genau, ob der Arbeitslose ernsthaft interessiert und fähig für die Tätigkeit ist. Erst dann wird er entsprechend dem gemeldeten Bedarf von Firmen qualifiziert. Zum Beispiel haben wir gezielt Lkw- und Busfahrer ausgebildet, auch Maschinen- und Anlagenfahrer, die insbesondere im Raum Pritzwalk gesucht werden.

Welches Ergebnis steht unterm Strich?
Ina Kaiser-Hagenow: In drei Jahren haben wir dadurch 250 Personen zusätzlich in den Arbeitsmarkt integrieren können und wir setzen das Programm fort.

Die Gastronomie sucht nach eigener Aussage ständig Köche und Servicekräfte. Könnte das Scout-Programm helfen?
Ina Kaiser Hagenow: Die Hotel- und Gaststättenbranche hat ein schwieriges Image. Da muss man der Wahrheit ins Auge gucken und Aspekte offen ansprechen. Der Lohn ist nur ein Aspekt. In der Altenpflege oder im Krankenhausbereich wird auch an Sonn- und Feiertagen im Drei-Schicht-System gearbeitet. Es ist Aufgabe der Arbeitgeber, die Jobs attraktiv zu machen.

Cornelie Schlegel: Es gibt gute Beispiele im Nahverkehr. Unternehmer signalisieren immer häufiger die Bereitschaft, Teilzeitjobs anzubieten, unter anderem Früh- und Mittelschichten. Wenn eine Branche sich nicht oder nur wenig bewegt, ist die Not vielleicht noch nicht groß genug. Der Mindestlohn sollte auch nicht als Grenze gesehen werden, ich wünsche mir für die Zukunft, dass darüber gezahlt wird.

Unabhängig von der Attraktivität einer Branche fällt es Betrieben schwerer, Lehrlinge zu finden. Wie bewerten Sie die Situation? Cornelie Schlegel: In der Tat können sich die Bewerber eine Stelle aussuchen und die Arbeitgeber müssen sich präsentieren. In den vergangenen zehn Jahren gab es in der Prignitz nicht einen Bewerber, der am Ende keinen Ausbildungsplatz bzw. ein alternatives Angebot hatte. Seit etwa drei Jahren gibt es konstant rund 450 Stellen, aber nur 300 Bewerber. Diese Differenz wird bleiben.

Im Berliner Speckgürtel gibt es deutlich mehr Schulabgänger. Könnte man die nicht mit attraktiven Lehrstellen in die Prignitz locken?
Cornelie Schlegel: Das halte ich eher für unwahrscheinlich.

Wirkt sich die aktuelle Flüchtlingssituation auf den Prignitzer Arbeitsmarkt aus?
Ina Kaiser Hagenow: Bis jetzt nicht. Wir haben relativ konstant rund 80 anerkannt Flüchtlinge, die als arbeitslos registriert sind.

Cornelie Schlegel: Die Erfahrung zeigt auch, wenn ihr Asylantrag bewilligt wird, gehen sie in die Großstädte. Diesen Trend spüren selbst die Agenturbezirke im direkten Berliner Umland.

Frau Schlegel, ich möchte meine Frage vom letzten Jahr wiederholen: Wann unterschreiten wir die zehn Prozent Arbeitslosenquote?Cornelie Schlegel: Von 2010 bis jetzt sank die Quote im Bereich Perleberg von 14,7 auf 10,7 Prozent und in Pritzwalk von 13,3 auf 10,3 Prozent, beide Bereiche nähern sich an. Das ist aber nicht nur dem Markt geschuldet, sondern auch der Demografie zu verdanken. Der Trend zeigt, wir werden eines Tage unter zehn Prozent im Kreis liegen, aber es wird schwierig. Wir brauchen dafür auch einen Zuwachs an Arbeitsplätzen.

Reicht das der Agentur zur Verfügung stehende Geld, um gebotene Unterstützung leisten zu können?
Cornelie Schlegel: Wir haben genug Geld, zum Beispiel für Weiterbildungen. Eine Integration in den Arbeitsmarkt wird nicht am Geld scheitern.

zur Startseite

von
erstellt am 08.Jan.2016 | 00:40 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen