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Der Prignitzer

10. Dezember 2016 | 23:24 Uhr

Geschäftsaufgabe in Perleberg : 55 Jahre hinterm Ladentisch

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Heute letzter Tag für Heidemarie Nicolai, damit endet die Ära eines der letzten Geschäfte, das es schon zu DDR-Zeiten hier gab

Ein letztes Mal steht Heidemarie Nicolai heute hinter dem Ladentisch ihres Geschäftes für Kurz- und Modewaren in der Bäckerstraße 11. „Dann ist Schluss“, sagt sie, doch das Herzklopfen, das dabei mitschwingt, kann man förmlich hören. Natürlich freue sie sich auf die Zeit danach. Was sie bringt, weiß sie noch nicht so genau. Ein Einsiedlerkrebs sei sie aber nicht, insofern werde man sie auch weiter zu Gesicht bekommen. Und für ein Schwätzchen sei sie immer zu haben, gesteht sie lächelnd.

In der Stadt kenne sie jeden Stein, wen wundert’s, ist sie doch Ur-Perlebergerin. Als gelernte Verkäuferin für Textil- und Industriewaren stand sie 55 Jahre hinterm Ladentisch, 45 Jahre allein in dem Kurzwarengeschäft in der Bäckerstraße. Seit 1964 gibt es dieses, damals noch Konsum. Ob Knöpfe, Schlüpfergummi, Wolle, Nähgarn – die Bäckerstraße 11 war die Adresse, „den Laden kannte einfach jeder“, so die heute 71-Jährige. Sieben Kolleginnen waren sie damals, „eine tolle Truppe“ und „wir hatten alle Hände voll zu tun“. Denn wer mit der Mode mithalten wollte, der schneiderte oder strickte. So war der kleine Laden auch ein Treff, um die neuesten Schnittmuster und Strickanleitungen auszutauschen. „Es gab sicher nicht immer alles, aber leere Regale hatten wir auch nicht. Außerdem wurde da nicht ein Knäuel Wolle gekauft, sondern schon für 86 DDR-Markt. Das war viel Geld, wenn man den Verdienst betrachtet. Wiederum, wo bekam man für dieses Geld soviel Handwerkzeug.“

Dann kam die Wende und Heidi Nicolai, wie sie alle nennen, stand vor der Frage: Was tun? Sie fasste allen Mut zusammen und sagte sich: Ich mache mich selbstständig. Irgendwie wird es schon klappen. Der Laden wurde renoviert und dann ging es los. Die 90er waren schöne Jahre, gesteht sie. Die Kunden waren von den neuen Produkten begeistert. Kurzwaren, Handarbeiten, Fertigdecken – „das ging gut“. Einzig Wolle war nicht so gefragt. „Keiner hatte mehr Zeit zum Stricken, es gab so viel Neues.“

Inzwischen wird wieder gestrickt. Selbst die Jugend entdeckt diese Handarbeit für sich, wobei jene dennoch sich mehr fürs Basteln begeistern kann. „Es ist ein Generationswechsel – wir haben gestrickt und genäht und alles dann auch gleich angezogen. Heute wird sich anderweitig kreativ beschäftigt.“

Heidi Nicolai – sie war schon eine Institution in der Bäckerstraße, auch wenn sie sich das nicht eingestehen möchte. Mit Leib und Seele war sie Verkäuferin – stets einen flotten Spruch auf den Lippen oder einfach nur ein nettes Wort. Wer ihren Rat wollte, der bekam ihn, wer zweifelte, den versuchte sie nicht mit Macht zu überzeugen. „Wenn dem Kunden das Stück letztlich doch gefällt, weiß er ja, wo er es bekommt.“ Heute schließt sie die Ladentür für immer und damit endet auch die Ära eines der letzten Geschäfte, die schon zu DDR-Zeiten in der Bäckerstraße für Handel und Wandel sorgten. Für Heidi Nicolai geht das Leben weiter, nur etwas anders. Allerdings „gestrickt wird weiter“.

 

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erstellt am 18.Nov.2016 | 05:00 Uhr

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