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Parchimer Zeitung

29. Mai 2016 | 00:03 Uhr

Kriegsflüchtlinge : In Parchim den Frieden gefunden

vom
Aus der Redaktion der Parchimer Zeitung

Kriegsflüchtlinge aus Syrien werden im Übergangsheim in der Parchimer Weststadt betreut / Faraj Alaward und seine Familie gehören dazu

Die Familie von  Faraj Alaward  hat durch den Krieg in ihrer Heimat Syrien alles verloren:  Haus, Möbel, Kleidung. Doch jetzt ist die sechsköpfige Familie in Sicherheit in Parchim.  Faraj Alaward hebt den Daumen: „Super“ sei es hier.  Der 36-Jährige  schwärmt vom   See, vom  Wetter, von der Stadt.

Zusammen mit seiner Frau Lina Alalloush, den Töchtern Roua (12), Rawan (10) und den Söhnen Bakr (8) und Mohamed Zien (2) wohnt Faraj Alaward im Übergangswohnheim für Kriegsflüchtlinge in der Parchimer Weststadt. Zwei Schlafzimmer, Küche und Bad stehen den Sechs zur Verfügung. „Ein Palast“, scherzt Sozialarbeiter Jürgen Gardas. Das gilt zumindest im Vergleich zu dem, was die Kinder zuletzt durchgemacht haben.

Die Familie besaß bis zum Bürgerkrieg in der Heimat ein Haus. Alles, was Faraj Alaward    übrig hatte aus seinem Verdienst als Verkäufer, steckte er sein Zuhause in der Nähe von Homs. Er hatte auch drei Jahre lang in Saudi-Arabien als Getränkeverkäufer Geld verdient. Doch plötzlich standen Truppen vor seiner Tür. Mit Maschinengewehren im Anschlag forderten sie die Familie auf, das Haus zu verlassen.   Mobiliar und Kleidung konnten die Vertriebenen nicht mitnehmen. Die Familie mit ihren Kindern kam zunächst bei einem Bruder in einer anderen Stadt in der Nähe unter.  Nur Tage später informierten   Freunde, das Haus sei geplündert. Waschmaschine, Kühlschrank, Kleider - alles war weg. Später kam die nächste  Schreckensnachricht. Eine Bombe hatte das Haus platt gemacht. Alles, was sich die Familie aufgebaut hatte, war dahin.

Drei Monate nach der Flucht aus dem eigenen Haus hatte der Krieg auch die Stadt des Bruders erreicht. Die Familie floh zusammen mit vielen anderen in den benachbarten Libanon, wo sie zwei Jahre ausharrte. „Das Leben im Libanon war sehr schwer“, sagt der Familienvater. Die Kriegsflüchtlinge aus Syrien waren nicht gern gesehen. Arbeit gab es keine. Zum Glück schickte ein anderer Bruder, der in Istanbul arbeitet, Geld. 200 Euro im Monat mussten die Flüchtlinge für ein kleines Zimmer bezahlen. 500 Euro kostete das Schulgeld pro Kind und Jahr. 100 Dollar galt es zu berappen, wenn es mit einem kranken Kind zum Arzt ging.

 Der Familienvater stellte einen Antrag bei der UN-Flüchtlingshilfe  und freute sich riesig, als er nach Monaten die Nachricht erhielt, dass er mit seiner Familie nach Deutschland darf.

Das sei ein typisches   Schicksal der Kriegsflüchtlinge aus Syrien, die nach Parchim kommen, sagt Jürgen Gardas, Sozialarbeiter bei den Maltesern. Er hat von anderen Flüchtlingen aus der Heimat von Faraj Alaward schreckliche private Videos gesehen. In Homs sehe es aus wie in Dresden nach dem zweiten Weltkrieg, so Gardas. Ihn schockierten Videos, die zeigen, wie Militärs auf Menschen schießen, die  auf dem Boden kriechen.

Die Malteser betreiben in der   Weststadt im Auftrag des Landkreises das   Übergangswohnheim für die Kriegsflüchtlinge. Es ist das einzige im Landkreis Ludwigslust-Parchim. Im Februar wurden hier die ersten Flüchtlinge aufgenommen. Mittlerweile wurden 80   gezählt,  die nach einer Übergangszeit in eine andere Wohnung ziehen. Das Heim ist momentan an seiner Grenze: 53 Plätze gibt es, 46 sind belegt. In dieser Woche werden sechs neue Kriegsflüchtlinge erwartet.

Für die Familie von  Faraj Alaward kehrt   Normalität ein. Die drei älteren Kinder   haben die ersten Monate Schulzeit in der Weststadt erlebt und lernen dort Deutsch. Der Familienvater   war in seinem Deutschkurs so emsig, dass er mittlerweile andere Flüchtlinge aus dem Heim bei Behördengängen begleiten und das Nötigste für sie mitregeln kann. Auch kann die Familie bald eine eigene größere Vier-Zimmer-Wohnung außerhalb des Heimes beziehen. Es hapert nur noch mit der Einrichtung, sagt Betreuer Jürgen Gardas. „Das Sozialkaufhaus  ist so gut wie ausgebombt.“ 

Die Kriegsflüchtlinge aus dem Parchimer Raum können sich in ganz Mecklenburg-Vorpommern ansiedeln, erfuhr SVZ. Während Ehefrau Lina   auch gern in Hamburg oder Berlin wohnen würde, sagt der Familienvater:  „Wenn ich hier Arbeit finde,  bleibe ich hier.“ Sein Traum ist es,   Dolmetscher zu werden. „Alles ist schön hier“ strahlt Faraj Alaward. „Vielen Dank!“ Zwei seiner Kinder tragen beim Zeitungs-Foto   Deutschland-T-Shirts.

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erstellt am 20.Jul.2014 | 15:43 Uhr

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