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Ludwigsluster Tageblatt

28. September 2016 | 13:58 Uhr

Assistenzhunde in Alt Jabel : Vierbeinige Helfer fürs Leben

vom
Aus der Redaktion des Ludwigsluster Tageblatt

Judith Bartels aus Alt Jabel bildet gemeinsam mit Partnern Assistenzhunde aus. Einsatz bei verschiedenen Krankheitsbildern

Wenn der Blutzuckerspiegel bei seinem kleinen Herrchen gefährlich sinkt, soll Bounty sich sofort bemerkbar machen. Das ist zumindest das Ziel. Noch aber befindet sich der Australian Shepherd in seiner Ausbildung zum Assistenzhund. „Bounty lebte schon in einer Familie und hatte sich gut auf die Tochter, die an Diabetes leidet, eingestellt“, erzählt Judith Bartels. „Wir glauben, dass sie auch schon vor einer drohenden Unterzuckerung gewarnt hatte.“ Doch weil sich die Familie das Zusammenleben mit Hund anders vorgestellt hatte, ist Bounty jetzt auf dem Hof von Judith Bartels in Alt Jabel. Dort hat sich die Mutter dreier Kinder mit dem „Assistenzhunde Campus Pfotenbande“, den sie mit Hundetrainer Bernardo A. Miranda aufbaut, einen Traum erfüllt. „Mit der Ausbildung von Assistenzhunden kann ich beruflich drei Dinge, die mir wichtig sind, verbinden: die Arbeit mit Tieren, den Kontakt zu Menschen und Kreativität“, sagt Judith Bartels, die seit rund anderthalb Jahren in Alt Jabel lebt. „Gerade bei der Ausbildung von Assistenzhunden für Menschen mit Beeinträchtigungen kann man nicht nach einem festen Schema vorgehen, sondern muss für jeden einzelnen Fall Wege finden.“

Judith Bartels ist in Hamburg und im ländlichen Diepholz aufgewachsen. „Seit ich sieben war, hatte ich immer Tiere“, erzählt sie. „Um Sonderpädagogik und später Innenarchitektur zu studieren, ging sie nach Berlin. Doch als bei zwei ihrer Kinder auditive Wahrnehmungsstörungen und Störungen aus dem autistischen Spektrum diagnostiziert wurden, wollte und musste sie etwas ändern. „Ein normaler Arbeitsalltag war nicht möglich“, sagt Judith Bartels. Sie entschied sich, beim Deutschen Assistenzhundezentrum in Berlin eine Ausbildung zu machen, und suchte nach einem Grundstück auf dem Lande. In Alt Jabel wurde sie fündig. „Hier werden die Kinder nicht mit einer Geräuschkulisse wie in Berlin konfrontiert, hier können sie herumtüddeln und keiner beschwert sich, wenn sie mal lauter sind“, erklärt sie.

Um Assistenzhunde auszubilden, hat sie sich mit Bernardo A. Miranda zusammengetan, der seit mehr als 20 Jahren bei Hamburg eine Hundeschule betreibt. „Wir ergänzen uns super. Er hat umfangreiche Erfahrungen bei der Ausbildung von Hunden, ich kann mein pädagogisches Wissen aus dem Studium in die Arbeit mit den Menschen einbringen“, erklärt die Alt-Jabelerin. Bei der Assistenzhundeausbildung kommt es auf beides an. Denn sie werden nicht nur als Warnhunde bei Diabetes und sogar Erdnussallergie eingesetzt, sondern auch bei psychischen Erkrankungen. Judith Bartels und Bernardo A. Miranda bilden Hunde vor allem für Menschen mit Autismus bzw. Asperger-Autismus, für Epileptiker, Patienten mit eingeschränkter Mobilität oder mit Posttraumatischer Belastungsstörung (PTBS) aus. Die Aufgaben des Hundes sind dabei unterschiedlich. In einem Fall soll er warnen, bevor es zum epileptischen Anfall kommt. Im anderen Fall hilft er, Dinge vom Boden aufzuheben oder zu bringen. „Bei einem Autisten spürt der Hund, wenn die Reizüberflutung zu stark wird und ein Wutausbruch oder der totale Rückzug droht“, erklärt Judith Bartels. „Der Hund führt Herrchen in eine ruhige Ecke, wo sich der Mensch sicher fühlt und wieder selbst agieren kann.“

Den Hund suchen Patienten und Ausbilder gemeinsam aus. Die Ausbildung erfolgt dann in der Regel beim und durch den Patienten, der dabei von den Ausbildern angeleitet wird. Dabei bekomme der Hund nicht erst beigebracht, wie er ein medizinisches Problem wahrnehmen kann und wie er reagieren soll, erklärt Bernardo A. Miranda. „Hunde nehmen viel mehr wahr, als wir denken. Der Mensch muss erkennen, dass das Tier in der bestimmten Situation reagiert hat und diese Reaktion verstärken und für den Hund positiv verknüpfen.“ Und dann werden zusätzliche „Aufgaben“ gelernt. „Zum Beispiel, dass er sich in der Tür querstellt, wenn ein Kind mit frühkindlichem Autismus weglaufen will“, so Judith Bartels.

Sechs Hunde befinden sich derzeit in der Ausbildung beim „Assistenzhunde Campus Pfotenbande“. Für Bounty wird jetzt ein neues Herrchen gesucht. Die Finanzierung ist – anders als sonst – schon geregelt: Eine Stiftung übernimmt die Kosten, sofern der Hund zu einem Kind mit Diabetes kommt. Ansonsten gebe es zum Status von Assistenzhunden und zur Kostenübernahme in Deutschland noch viel Regelungsbedarf, so Judith Bartels. 

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erstellt am 15.Sep.2016 | 11:45 Uhr

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