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Ludwigsluster Tageblatt

03. Dezember 2016 | 01:21 Uhr

Wöbbelin/Warschau : KZ-Zeitzeuge ist gestorben

vom
Aus der Redaktion des Ludwigsluster Tageblatt

Janusz Kahl, regelmäßiger Gast des Treffens der Generationen in Wöbbelin und gefragter Gesprächspartner, in Warschau beerdigt

Janusz Kahl ist tot. Der Verein Mahn- und Gedenkstätten im Landkreis und der Förderverein der Wöbbeliner Erinnerungsstätte sind tief betroffen. Er wurde 89 Jahre alt.

Janusz Kahl hat die Gräuel des Konzentrationslagers Wöbbelin, das Anfang 1945 zehn Wochen bestand, überlebt und besonders der Jugend immer wieder davon berichtet. Er tat das in einer Weise, die auch die Herzen derer anrührte, die die Zeit des Nationalsozialismus nur aus Geschichtsbüchern kennen.

Nach der Befreiung aus dem KZ Wöbbelin am 2. Mai 1945 wog Janusz Kahl aus Warschau nur noch 43 Kilogramm. Vor der Deportation waren es 77 gewesen. Sichtlich betroffenen Ludwigsluster Berufsschülern erzählte er bei einem seiner Besuche von ständigem Hunger. „Mittags gab es einen halben Liter Wasser mit Rüben. Ein Kilo Brot mussten sich am Ende zwölf Häftlinge pro Tag teilen. Mehr gab es nicht. Das Wort Fleisch musste aus dem Gedächtnis gestrichen werden.“ Dennoch sei es den Häftlingen nicht gelungen. Wenn sie morgens zur Arbeit gezogen seien, hätten sie geträumt, was sie nach dem Krieg kochen würden.

Janusz Kahl hat viele junge Herzen erreicht, weil seine Berichte nicht die Spur von Sensationshascherei enthalten haben. Sachliche Worte waren seine Art, aber auch Eindringlichkeit schwang mit. Stets hat er den jungen Leuten mit auf den Weg gegeben, dass das Leid und die vielen Toten nicht umsonst gewesen sein mögen. „Deshalb komme ich immer wieder her, um mit jungen Menschen zu sprechen. Persönliche Erlebnisse und Gedanken sind ungleich wertvoller als nur Geschichtsbücher“, sagte Janusz Kahl beispielsweise Anfang Mai 2013 in Ludwigslust.

Nun schweigt seine Stimme. „Am 2. November ist unser Zeitzeuge und Freund Janusz Kahl, trotz seiner Krankheit für uns alle unerwartet, verstorben. Er war mit den Mahn- und Gedenkstätten Wöbbelin auf eine ganz besondere Weise verbunden“, heben Rolf Christiansen, Dr. Carina Baganz und Ramona Ramsenthaler im gemeinsamen Nachruf des Vereins Mahn- und Gedenkstätten im Landkreis und des Fördervereins der Mahn- und Gedenkstätte Wöbbelin hervor.

Am gestrigen Montag ist Janusz Kahl in seiner Heimatstadt Warschau beerdigt worden. Mitglieder des Vereins Mahn- und Gedenkstätten sind dazu in die polnische Hauptstadt gereist. In der Stadt, in der er während der deutschen Besetzung viel Schreckliches erlebt hat, findet Kahl nun seine ewige Ruhe.

Die Niederschlagung des Warschauer Aufstandes, der am 1. August 1944 gegen die Nazi-Besetzung ausgebrochen war, sollte zum Ausgangspunkt des Martyriums der Familie von Janusz Kahl werden. Der damals 17-Jährige hatte sich mit seinem Vater daran beteiligt. Der junge Mann wurde verhaftet und über das Durchgangslager Pruszków in das KZ Sachsenhausen deportiert. Von dort kam er in das Außenlager Alt Garge des KZ Neuengamme. Mitte Februar 1945 wurde dieses Außenlager aufgelöst und die KZ-Häftlinge in das KZ Neuengamme gebracht. Mit dem dritten Transport wurde Janusz Kahl am 23. März 1945 in das Außenlager Wöbbelin deportiert, wo er beim Aufbau des neuen Steinbarackenlagers Schwerstarbeit verrichten musste. „Dass ich überlebt habe, verdanke ich vielen Zufällen und glücklichen Umständen“, hat Janusz Kahl einmal gesagt.

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erstellt am 07.Nov.2016 | 17:53 Uhr

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