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Ludwigsluster Tageblatt

05. Dezember 2016 | 09:31 Uhr

Grabow : In Erinnerung an Familie Sabielak

vom
Aus der Redaktion des Ludwigsluster Tageblatt

Stadt verlegt weitere Stolpersteine für jüdische Familie in Grabow / Künstler Gunter Demnig rief das Projekt 1992 in ganz Europa ins Leben

Messinggedenksteine erinnern an die jüdische Familie Sabielak - eingelassen in den Bürgersteig an ihrer letzten Adresse in Grabow. „Juden waren auch die Sabielaks, die in der Marktstraße 7 ein gutgehendes Schuhwarengeschäft betrieben. Noch heute habe ich trotz Krieg und Vertreibung einen Schuhlöffel mit der Aufschrift ,1. Sabielaks Schuhwarenhaus Grabow i/M Marktstraße 7’ in meinem Besitz“, so berichtet es Theodor Heinsius in seinen Erinnerungen „Meine Kindheit in Grabow/Mecklenburg“. „Einer ihrer Söhne, der mit mir zur Schule ging, trug den Vornamen Adolf’. In den von Josef Goebbels als Reaktion auf die Ermordung eines Mitgliedes der Deutschen Botschaft in Paris durch den Juden Herschel Grünspan inszenierten Ausschreitungen gegen die Juden, der ,Reichskristallnacht’ am 9. November 1938, wurden im Schuhhaus die Schaufenster zerschlagen und die in der Auslage befindlichen Schuhe auf der Straße verstreut. Das sah ich am nächsten Morgen, was ich aber nicht sah, war die Polizei. Ich lief zu meinem Vater ins Büro, um ihn zu fragen, was das alles zu bedeuten habe. Eine plausible Antwort erhielt ich nicht, sondern nur den Hinweis, möglichst schnell nach Hause zu gehen und mich um meine Schularbeiten zu kümmern“, so Theodor Heinsius Erinnerungen. „Die Sabielaks verließen danach unser und ihr Land, bevor es zu spät wäre. Sie gingen nach London und hatten dort später ein sehr schickes Schuhgeschäft in der eleganten Old Bond Street.“

Bereits im Februar 2014 wurden in Grabow die ersten Stolpersteine im Steindamm für Alfred Wolff verlegt. Das Projekt „Stolpersteine“, dem sich seit Jahren verschiedene Klassen der Regionalen Schule „Friedrich Rohr“ mit Unterstützung von Björn Kluger, Jugendbildungsreferent im Arbeit und Leben e. V., widmen, gibt es auf Initiative des Künstlers Gunter Demnig bereits seit 1992 in ganz Europa. Mit im Boden verlegten kleinen Gedenktafeln soll an das Schicksal der Menschen erinnert werden, die in der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt, ermordet, deportiert, vertrieben oder in den Suizid getrieben wurden. Diese quadratischen Messingtafeln werden meist vor den letzten frei gewählten Wohnhäusern der NS-Opfer eingelassen. Mittlerweile gibt es über 56  000 Steine nicht nur in Deutschland, sondern auch in 19 weiteren europäischen Ländern.

Mit der Verlegung der Steine gedenkt die Stadt nun auch der Familie Sabielak. In einer kleinen Präsentation zeigten die Mädchen und Jungen der 9. und 10. Klassen, was sie während ihrer Recherchen im Archiv der Stadt über die ehemalige Grabower Familie herausgefunden hatten. Darunter auch verschiedene Erinnerungen anderer Grabower an ihre ehemaligen Nachbarn. In Anwesenheit vieler interessierter Bürger ließen sie gemeinsam mit dem Künstler die vier Steine im Gehweg vor dem ehemaligen Haus der Familie ein. Kleine niedergelegte Blumensträuße gedenken stellvertretend der Verfolgung vieler Juden in der damaligen Zeit. „Ich wünsche mir, dass sowohl die Grabower als auch Besucher dieser Stadt künftig über diese Steine ,stolpern’ werden und sich damit an die Verbrechen in der Nazizeit erinnern oder vielleicht die Hintergründe der Steine erfragen und so den Opfern von einst die nötige Anerkennung geben“, erklärt Bürgermeister Stefan Sternberg abschließend.


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erstellt am 15.Okt.2016 | 07:00 Uhr

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