zur Navigation springen
Ludwigsluster Tageblatt

30. April 2017 | 10:51 Uhr

ludwigslust : Herzklopfen im Schlosspark

vom
Aus der Redaktion des Ludwigsluster Tageblatt

Die Ludwigslusterin Antje Buchholz lebt mit einem Herzfehler, findet bei Spaziergängen aber neue Kraft

Wenn Antje Buchholz (29) mit ihrem Mann Stefan (30) spazieren geht, muss sie viele Pausen machen, sich kurz setzen, Luft holen, zur Ruhe kommen. Darum schlendert die gelernte Kauffrau für Bürokommunikations am liebsten durch den Schlosspark: „Er ist nicht nur wunderschön, sondern es gibt auch genügend Bänke“, sagt sie. Natürlich sieht man ihr nicht an, dass sie nicht gesund ist. Aber Antje Buchholz spürt es – auch beim Spazierengehen. „Für eine Strecke, die andere in einer halben Stunde zurücklegen, brauche ich zwei, drei Stunden.“ Grund hierfür ist ihr Herz: Die 29-Jährige lebt mit einer Verdickung des Herzmuskels, in der Fachsprache Hypertro¬phische obstruktive Kardiomyopathie genannt. Vereinfacht ausgedrückt nimmt der Herzmuskel zu viel Platz im Inneren des Herzen ein, weshalb weniger Blut hindurch gepumpt und in den Körper geleitet werden kann. Das führt u.a. zu Bluthochdruck, der mit Medikamenten reguliert werden muss. Die Erkrankung ist nicht heilbar, nur therapierbar. „Und irgendwann wird eine Transplantation nötig sein“, weiß Antje Buchholz. Dann braucht sie ein Spenderherz. Es muss einen Menschen geben, der nach seinem Tod leben retten will und dies in einem Organspendeausweis vermerkt hat. Bei Organspenden stehen nach Auskunft der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung 773 Herzkranke auf der Warteliste. Eines – hoffentlich fernen – Tages wird Antje Buchholz wahrscheinlich eine von denen sein.

Angefangen hat alles, als sie anderthalb Jahre alt war. Ein quirliges, normales Kind. Eigentlich. „Doch plötzlich lief ich blau an, wurde ohnmächtig“, erzählt die 29-Jährige. „Zum Glück wusste meine Mama, was zu tun ist.“ Kurz darauf diagnostizierten Ärzte die Krankheit und das Leben des Kindes änderte sich schlagartig. Anstrengung war fortan verboten, Eltern und Erzieher mussten den natürlichen Bewegungsdrang der kleinen Antje zügeln – zu ihrem eigenen Schutz. „Während die anderen im Kindergarten tobten, durfte ich nur zusehen“, erinnert sich die junge Frau. „Ebenso in der Schule. Da saß ich in der Turnhalle immer am Rand...“

1998, gegen Ende der Grundschulzeit, kam Antje Buchholz erstmals ins Deutsche Herzzentrum Berlin (DHZB). Hier arbeiten renommierte Spezialisten rund um die Uhr, retten Leben, lindern Leid; Kranke aus aller Welt lassen sich hier behandeln. Mehr als 108  000 Herz-Operationen haben die Mediziner in den rund 30 Jahren seit Bestehen der Klinik schon durchgeführt, über 2400 Herzen und / oder Lungen transplantiert.

Dutzende Male war Antje Buchholz bis heute im DHZB, teilweise bis zu fünf Mal pro Jahr. 2010 bekam sie einen Herzschrittmacher mit Defibrillator eingesetzt. „Ich hatte Herzrhythmusstörungen und es war klar, dass es so nicht weitergeht“, sagt sie.

In der anschließenden Reha wurde dann ein Rentenantrag für Antje Buchholz gestellt, der 2011 in Kraft trat. Da war sie gerade erst 23 Jahre alt, hatte drei Monate in ihrem Job arbeiten können. „Das war zunächst ein Schock. Aber auch eine Erleichterung, denn ich habe gespürt, dass ein Acht-Stunden-Tag zu anstrengend für mich ist. Nach Feierabend bin ich nur noch ins Bett gefallen, kam selbst am Wochenende nicht mehr hoch.“

Solche Tage gibt es auch heute noch. Manchmal fühlt sich selbst die kleinste Bewegung an wie ein Marathonlauf. Das Herz rast, der Atem wird schneller, der Körper schwer. Es ist die totale Erschöpfung. „Dann brauche ich viel Ruhe. Zur Not habe ich einen Rollstuhl da“, so die Ludwigslusterin. Es sind schon banale Alltagsdinge, die Stress bedeuten und der jungen Frau viel abverlangen.

Wenn sie beispielsweise ein Konzert besuchen will, schont sie sich die Tage davor und plant auch danach lange Ruhezeiten ein. Antje Buchholz nennt das ihr Kompromissleben. Jammern käme ihr aber nie in den Sinn. Sie findet: „So vielen Leute geht es schlechter als mir. Und es gibt Menschen, die an der Herzmuskelverdickung sterben, weil die Krankheit nicht erkannt wird.“

Mittlerweile hat die 29-Jährige ihr Abitur am Abendgymnasium in Schwerin nachgeholt, möchte studieren. „Ich bin gern unter Leuten. Aber ob ich die vorgeschriebenen Praktika schaffen würde, ist fraglich“, sagt sie.

Seit zwei Jahren lebt Antje Buchholz mit ihrem Mann in Winsen an der Luhe, eine knapp 34  000-Einwohner-Stadt in Niedersachsen, gute 100 Kilometer von Ludwigslust entfernt. „Mein Herz schlägt aber immer noch in der Heimat“, sagt sie mit einem Lächeln. „Es ist einfach zu schön hier.“ Jeden Monat besucht sie ihre Eltern, hat auch ihre Ärzte noch hier. Zudem muss sie regelmäßig nach Berlin ins Herzzentrum zur Kontrolle. Sie achtet auf ihre Ernährung, gönnt sich aber auch mal eine Pizza, und sie geht auch gern zum Pilates, wenn ihr Zustand es zulässt.

„Ich lasse mich von meiner Krankheit nicht runterziehen, habe aber auch tolle Freunde und eine Familie, die mich super unterstützt“, sagt sie. „Von wegen krankes Mäuschen – nicht mit mir!“ Typisch Nordlicht eben: Tapfer, optimistisch, lebensfroh.


zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen