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Ludwigsluster Tageblatt

10. Dezember 2016 | 06:04 Uhr

Architektur Ludwigslust : Ein begeisterter Barca-Fan

vom
Aus der Redaktion des Ludwigsluster Tageblatt

Norbert Ertner hat sich intensiv mit dem einstigen Hofbaumeister befasst. Schweriner Straße mit variablen Typenbauten ein Barca-Werk

Was für viele Ludwigsluster nur ein Ärgernis im innerstädtischen Verkehr ist, sieht Norbert Ertner als eine der architektonischen Besonderheiten in der Stadt: die Schweriner Straße. Viele der Häuser dort hatte einst der großherzogliche Hof- und Landbaumeister, Johann Georg Barca, entworfen und gebaut. Was dabei zufällig erscheint, ist in Wirklichkeit Prinzip.

„Barca hat in der Schweriner Straße stinknormale Typenbauten errichten lassen, ohne dass man das den Häusern ansah“, erklärt Norbert Ertner, Architekt im Ruhestand. „Die Gebäude haben einen identischen Rohbau, identische symmetrische Grundrisse, die allenfalls mal gespiegelt wurden. Doch das äußere Erscheinungsbild hat Barca so variiert, dass jedes Haus anders erschien.“ Der Baumeister spielte mit Vor- und Rücksprüngen in den Fassaden. Türen, Fenster und Oberlichter unterschieden sich in der Farbgebung. Sohlbänke aus schariertem Eichenholz sollten teuren Sandstein imitieren.

Barca wollte und musste schnell und günstig bauen. „Weil die Masse seiner Häuser quasi gleich war, konnten die Dachstühle, Treppen, Fenster und Türen serienmäßig gefertigt und so Kosten gespart werden“, erklärt Norbert Ertner. „Er hat modern und rationell gebaut, ohne dass eine monotone Ansicht wie beim späteren Plattenbau entstand.“

 

Auch die Anordnung der Häuser in der Schweriner Straße half, die Uniformität zu verbergen. So ließ Barca an den Kreuzungen zweigeschossige Häuser für gut betuchte Bauherren errichten. An der Kreuzung mit der Seminarstraße ist das noch heute zu erkennen, auch wenn das einstige Hospital später für die Nutzung als Schule aufgestockt wurde. An die zweigeschossigen Bauten schlossen sich dann in einem festen Rhythmus eingeschossige Einzel- und Doppelhäuser an.

In den Augen Ertners war es Barca, der die Stadt Ludwigslust vollendet, abgerundet hat. Er habe die besten Traditionen der Straßenanlagen von Hofbaumeister Johann Joachim Busch übernommen, aber auch neue Straßen gezogen, die markante Sichtpunkte an ihren Enden haben sollten. Seine Ideen habe Barca konsequent verfolgt und dabei auch Häuser, die seinen Plänen im wahrsten Sinne des Wortes im Wege standen, kurzerhand abreißen lassen. „Für mich als Architekt ist es bemerkenswert, mit welcher Konsequenz und Vehemenz Barca seine Projekte verfolgt hat“, so Norbert Ertner. In seinen Augen war Johann Georg Barca für Ludwigslust ein Glücksgriff, der allerdings auch nur durch Glück – und aus finanziellen Gründen – gelang.

Barca war in Schwerin geboren worden und Sohn des Hofbauinspektors Cornelius Barca. Mit finanzieller Unterstützung durch den Landesherrn ging er auf Studienreise, besuchte Vorlesungen an der Berliner Bauakademie, an der auch Karl-Friedrich Schinkel studiert hat, und reiste bis nach Rom und Wien. „In Rom gewann er einen Wettbewerb mit Entwürfen für ein Justizgebäude und eine Strafvollzugsanstalt in Russland“, erzählt Norbert Ertner. „Doch obwohl der Zar ihn gern in seine Dienste übernommen hätte, kehrte Barca nach Ludwigslust zurück. Sein Vater hatte einen Vertrag unterschrieben, dass er die Studiengebühren an den Großherzog zurückzahlt, wenn sein Sohn nicht zurückkommt. Und das konnte er nicht.“ Für Norbert Ertner war der junge Barca dem jungen Schinkel absolut ebenbürtig. „Nur Schinkel konnte dann später mit dem Geld der preußischen Könige viel mehr machen als Barca im kleinen Mecklenburg“, so der Ludwigsluster. „Aber mit Fleiß und seinen Ideen hat er ein vorzeigbares Ergebnis in Ludwigslust hinterlassen.“

Barca war 1808 nach Ludwigslust gerufen worden, um nach dem Tod von Herzogin Louise das Louisenmausoleum zu projektieren. „Das war so gelungen, dass er gleich blieb“, so Norbert Ertner. Rund ein Jahr später wurde der dann 28-Jährige Leiter des Hofbauamtes. Die Vollendung der katholischen Kirche war sein erstes Werk in dieser Funktion. Später entwarf er für Ludwigslust unter anderem die Marställe, das Spritzenhaus neben dem Schloss und diverse Wohnhäuser. Neben denen in der Schweriner Straße auch sein eigenes und das für den Hofmaler Rudolph Suhrlandt in der Kanalstraße. Auch diese beiden Gebäude waren von der Bauweise her gleich, ihre Außenansichten jedoch sehr unterschiedlich. „In 18 Jahren seines Wirkens hat Barca 369 Wohneinheiten geschaffen“, sagt Norbert Ertner anerkennend. „Das macht 2,3 Einheiten pro Monat.“ Ludwigslust wuchs in dieser Zeit von rund 1500 Einwohnern (im Jahr 1785) auf 5145 (im Jahr 1830).

Auch angesichts des Erbes, das Johann Georg Barca hinterlassen hat, hält Norbert Ertner die Ambitionen einiger Ludwigsluster, die Stadt mit in die Schweriner Bewerbung um den Titel Unesco-Weltkulturerbe einzubeziehen, nicht für überzogen. „Wenn es gelingt, die Eigenheiten Ludwigslusts gut darzustellen, wäre das eine Bereicherung und würde meiner Meinung nach sogar die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass der Schweriner Antrag Erfolg hat.“ Norbert Ertner hält es nach ersten eigenen Untersuchungen für möglich, dass die Stadtanlage einem speziellen Bauprinzip folgt. „Möglicherweise gibt es eine Systematik auf Grundlage wiederkehrender geometrischer Formen, die einem Rhythmus von ausgewählten Zahlen mit besonderer Bedeutung in der Religion folgen“, erklärt der 74-Jährige. Das nachzuweisen, würde aber weitergehende spezielle Untersuchungen erfordern.
 

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erstellt am 18.Okt.2016 | 07:00 Uhr

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