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Ludwigsluster Tageblatt

26. April 2017 | 09:49 Uhr

Ludwigslust : Die letzten Tage im Alstom-Werk

vom
Aus der Redaktion des Ludwigsluster Tageblatt

Zum 31. März schließt GE Messwandler: 110 Mitarbeiter wechseln in Transfergesellschaft. Nur zehn Kollegen gehen nach Kassel

Lange. Sehr lange hat Paul Erik Schröder überlegt. Soll er nach Hessen ziehen? Die Freunde und Familie zurück lassen? Bei der GE Grid GmbH in Kassel könnte er seinen Meisterlehrgang beenden. Er bekäme 100 Prozent Tariflohn und müsste dafür nur 35 Stunden in der Woche arbeiten. Auch an der Finanzierung der Wohnung würde sich sein Arbeitgeber beteiligen. „Was wäre denn die Alternative?“, fragt der 26-Jährige. „Hier bleiben und für weniger Geld arbeiten?“

Paul Erik hat sich für Kassel entschieden. Der Mechatroniker wird dort wie schon in Ludwigslust im großen Prüffeld arbeiten. Auf Fachkräfte wie ihn baut das Unternehmen. Als 2015 bekannt wurde, dass die Messwandlerproduktion aus Ludwigslust nach Hessen verlagert werden soll, hatte man in Kassel noch mit etwa 80 Kollegen aus Mecklenburg gerechnet. Jetzt kommen nur zehn - sieben Konstrukteure und drei Fachkräfte aus der Produktion. Der Rest der Belegschaft will Ludwigslust nicht verlassen. „Mehr als die Hälfte der Kollegen sind über 50 Jahre alt“, sagt Betriebsrat Frank Neumann. „Wer fängt denn in dem Alter nochmal von vorn an.“ Neumann hat seit 1994 als Maschinenbauer in dem Werk gearbeitet, bevor er 2006 für die Arbeit im Betriebsrat freigestellt wurde. Drei Mal haben in dieser Zeit die Eigentümer gewechselt. 2006 übernahm Areva T&D den Standort Ludwigslust, 2010 ging das Werk an Alstom, fünf Jahre später an General Electric. Neumann erinnert sich an viele Verhandlungsgespräche. „Oft saßen wir bis spät am Abend zusammen, um das Beste für die Kollegen herauszuholen. Vor allem für die 30 Kollegen, die schon 2006 beim Verkauf an Areva das Werk verlassen mussten.“

Letzter Blick auf die Wareneingangskontrolle. Schon zwei Stunden später sind die Möbel im Umzugslaster.
Letzter Blick auf die Wareneingangskontrolle. Schon zwei Stunden später sind die Möbel im Umzugslaster. Foto: Hennes
 

Jetzt gehen alle. Zum 31. März schließt das Werk offiziell. Die Produktion steht schon seit Wochen still. Umzugsfirmen räumen die Lager leer. Die Vakuumbühnen aus der Ölabteilung stehen zerlegt auf dem Hof, bereit für den Abtransport nach Kassel. Die schweren Öfen aus der Kesseltrocknung und die Hänel-Lifte sind bereits in Kassel. Fast alle Wickelmaschinen aus Halle 1 werden bald in Indien und Brasilien zum Einsatz kommen, erzählt Neumann. Geplant sei, die Produktion auszulagern und in Deutschland nur noch zu montieren und zu prüfen. Mit Wehmut geht der 55-Jährige durch die leeren Hallen. Dicke Staubflocken liegen in den Ecken. „Was hat es hier früher geblitzt und geblinkt. Sauberkeit war oberstes Gebot“, sagt Neumann. Von den Kollegen, die ihm in der Halle begegnen, kennt er kaum einen. Die meisten kommen aus Kassel und werden von Ludwigsluster Fachkräften, wie Paul Erik Schröder im Werk angelernt.

Von den Ludwigsluster Beschäftigten haben bereits 60 einen neuen Arbeitsplatz gefunden, 110 wechseln ab 1. April in eine Transfergesellschaft und erhalten dort für maximal zwölf Monate 80 Prozent ihrer bisherigen Bezüge. In Zusammenarbeit mit der Agentur für Arbeit will die Gesellschaft die Beschäftigten möglichst zeitnah in neue Arbeitsverhältnisse vermitteln. „Läuft aber der neue Job aus irgendwelchen Gründen nicht so, wie sich das der Arbeitnehmer vorstellt, kann er innerhalb der zwölf Monate wieder zurück in die Transfergesellschaft“, so Frank Neumann. Auch der Wöbbeliner Detlef Bars wechselt in die Transfergesellschaft. Trotz des Unmuts über die Werksschließung seien die Kollegen doch sehr zufrieden mit dem ausgehandelten Sozialplan, sagt Bars. Der 55-Jährige ist optimistisch, in der Region wieder Arbeit zu finden: „Der Markt gibt das her.“

Diese Wickelmaschinen sollen demnächst in Indien und Brasilien zum Einsatz kommen.
Diese Wickelmaschinen sollen demnächst in Indien und Brasilien zum Einsatz kommen. Foto: Hennes

Betriebsrat Frank Neumann wird die 23 Jahre in dem Werk in guter Erinnerung behalten. „Die Zusammenhalt stimmte. Wir waren schon ein gutes Team.“ Aus den Augen verlieren werden sich die ehemaligen Kollegen so schnell nicht. Ein nächstes Wiedersehen ist schon geplant: Am 30. März treffen sich alle ein letztes Mal - zum Bockwurst-Essen in ihrem alten Werk.

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erstellt am 18.Mär.2017 | 07:00 Uhr

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