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Hagenower Kreisblatt

26. September 2016 | 05:38 Uhr

Fliesenwerk Boizenburg : Wie Phönix aus der Asche?

vom
Aus der Redaktion des Hagenower Kreisblatt

Der neue Geschäftsführer der Kooperationsgemeinschaft „Keramische Partnerschaft Boizenburg“ hat Visionen, die Fliesenwerker haben Sorgen

Es sind erstaunlich wenige Menschen zu sehen, wenn man derzeit durch die Fabrikhallen des Boizenburger Fliesenwerks geht. Der Betrieb wirkt aber weniger wie das schlafende Dornröschen-Schloss, sondern eher wie ein schlafender Drache, der nur einmal den Staub abschütteln muss und dann ist er wieder voll da. Die gigantischen Produktionsanlagen wie die Fliesenpresse, die Fabrikstraße mit den Brennöfen und die endlosen, meterhohen Palettenreihen im Lager erzählen davon, zu welchem Produktionsausstoß dieses Werk eigentlich in der Lage wäre. Dieses Potential sieht offenbar auch Alexander Stenzel, der neue Geschäftsführer der „Keramischen Partnerschaft Boizenburg“, der Kooperationsgemeinschaft aus seiner bisherigen Fliesenhandels-Firma „t.trading“ und „Boizenburg Fliesen“.

Die Verbindung eines seit 2003 international erfolgreichen Großhändlers mit einem deutschen Fliesenhersteller wie Boizenburg mit über 100-jähriger Tradition ist ein Novum in der deutschen Fliesenbranche (SVZ berichtete). „Wir wollen Boizenburg zu einem erfolgreichen deutschen Fliesenstandort machen“, verspricht Faouzi Kabbani, der Marketingchef der neuen Kooperationsgemeinschaft. „Das Werk hier soll wie Phönix aus der Asche steigen“.

Doch erst einmal muss der Fliesen-Riese in Boizenburg wieder zum Leben erweckt werden. Wie sich beim Besuch der SVZ im Werk herausstellt, wurde bereits im Juni das Werk I für Kleinstformate geschlossen, seitdem haben allein die dort bis dahin arbeitenden 40 Mitarbeiter nicht mehr viel zu tun.

„Die Produktion hier ist ein wenig angestaubt. Andere Anbieter haben ein deutlich höhere Produktivität“, erklärt Alexander Stenzel. Zum Vergleich nennt er zwei deutsche Konkurrenzunternehmen mit 200 bzw. 160 Mitarbeitern, die jährlich 200  000 bzw. 450  000 Euro Umsatz pro Mitarbeiter machen würden und 14  000 bzw. 3  000 Euro Gewinn erwirtschaften. Die 257 Mitarbeiter in Boizenburg haben zuletzt 77  600 Euro umgesetzt und ein Minus von 6  000 Euro eingefahren ...


Ehrfurcht vor 100 Jahren Fliesen-Tradition


„Seit dem Insolvenzverfahren 2012 hat sich die Firma nicht mehr erholt“, meint Stenzel. „Eigentlich seit der Wende nicht mehr.“ Das Unternehmen habe finanziell immer mit dem Rücken zur Wand agiert und nie seine Stärken ausgespielt. Dabei hat der Name „Boizenburg“ anscheinend einen Klang in der Branche, das weiß der sehr angesehene Fließenhändler gut. „Raab Karcher und andere große Player am Markt waren sehr froh zu hören, dass durch uns der Standort hier mit dieser langen Tradition erhalten bleibt“, erzählt er. Ihn reize die Herausforderung und er habe große Ehrfurcht vor der 100-jährigen Geschichte des Werkes.

Doch erst einmal müsse mit dem bisherigen Produktions-Missmanagement aufgeräumt werden. Die Produktion wird verschlankt und von 26 auf sechs Formate reduziert.

„Das spart Zeit und Zeit ist Geld“, sagt auch Produktionsleiter Rainer Beyer. „Durch die vielen verschiedenen Formate gab es durch die häufigen Umbauten zu viele Zeitverluste.“ Er sieht die geplanten Veränderungen in der Produktion als absolut notwendig, auch wenn das heißt, dass er demnächst einen zweiten Produktionsleiter mit dem für die Modernisierung notwendigen Know How an die Seite gestellt bekommt. „Wenn nicht so wie jetzt, dann gar nicht“, ist er überzeugt.

Diejenigen, die durch die Veränderungen im Fliesenwerk ihre Arbeit verlieren, sind naturgemäß weniger euphorisch. Alexander Stenzel hat die Zahl der Entlassungen nun auf 69 korrigiert. „Wir haben uns entschlossen, doch mit jedem Betroffenen ein persönliches Gespräch zu führen, und nicht nur einen blauen Brief zu verschicken“, informiert er im Gespräch. In den Werkhallen kam die gute Absicht anscheinend nicht so an.

„Wir haben Fragen, die nicht beantwortet wurden“, hieß es da. Die Fragen seien zum Beispiel: „Werden die Gekündigten von der Arbeit freigestellt? Wird es Abfindungen geben? Warum mussten von einem Ehepaar beide Partner gekündigt werden? Musste es sein, dass die Mutter einer krebskranken Tochter entlassen wird?“

„Die Gekündigten werden nicht von der Arbeit freigestellt“, beantwortete Alexander Stenzel der SVZ diese Fragen. Die Kündigungsfrist dauere bei vielen sechs Monate. „Wir arbeiten nach Sozialplan, und das heißt, dass es Abfindungen geben wird“, erläuterte der Hamburger weiter. Das Schicksal der Entlassenen würde nicht spurlos an ihm vorüber gehen, gibt der 44-Jährige zu und sieht in diesem Moment älter aus. Aber er müsse nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten handeln. Das Schicksal der Frau mit der krebskranken Tochter habe ihn auch sehr bewegt. „Ich habe ihr gesagt, dass sie ab morgen zu Haus bleiben darf und sich um ihre Tochter kümmern soll.“

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erstellt am 21.Sep.2016 | 12:00 Uhr

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