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Hagenower Kreisblatt

03. Dezember 2016 | 20:44 Uhr

Lebensmittelindustrie Hagenow/Wittenburg : Nach Tarifstreit drohen Gewerkschafts-Austritte

vom
Aus der Redaktion des Hagenower Kreisblatt

„Schön geredet“ findet der Oetker-Betriebsrat die Tarifeinigung in der Lebensmittelindustrie. Der geforderte Ost-West-Angleich ist vorerst nicht in Sicht. Gewerkschaft will dran bleiben

Die Einigung in den Tarifverhandlungen der Lebensmittelindustrie stößt in der  Region auf Kritik. „Das ist nichts“ und nur „schön geredet“, sagt Steffen Ockert, Betriebsratsvorsitzender bei Oetker in Wittenburg, gestern auf Nachfrage. Für ihn und seine Kollegen sei das Klassenziel nicht erreicht. Weder Arbeitgeber noch die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) hätten ernsthaft das geforderte Ziel der Ost-West-Angleichung verfolgt.  Seine Vorstellung: Ein Stufenplan, der in den kommenden Jahren den  Lohn-Unterschied von   360 Euro für gleiche Arbeit ausmerzen soll. Dafür seien sie  vor wenigen Monaten mehrmals auf die Straßen gegangen. Stattdessen eine Lohnerhöhung, die für ihn nur auf den ersten Blick  gut aussieht. Aber „man kann nicht ewig vor dem Problem weglaufen“.

Seit dem Frühjahr brodelt es hinter und vor den Kulissen der Branche (SVZ berichtete mehrfach). 15 mal sind die Mitarbeiter  seitdem auf die Straße gegangen. Im zweiten Schlichtungsgespräch Ende letzter Woche nun  eine Einigung zwischen den Fronten. Mit einer teils zufriedenen Gewerkschaft: „Mit fünf Lohnsteigerungen in binnen von drei Jahren und einem Einstieg ab 2017 in die Altersvorsorge haben wir einen wichtigen Schritt für die Angleichung der Entgelte erreichen können“, sagt Jörg Dahms, Geschäftsführer der NGG Mecklenburg-Vorpommern.  Betroffene Werke sind Dr. Oetker Wittenburg, Carl Kühne KG Hagenow, Nestle Schwerin, Nestle Conow, Emsland Food Hagenow und Pfanni Stavenhagen.

Die mehr als 1500 Mitarbeiter bekommen demnach rückwirkend zum 1. Mai  2,4 Prozent mehr Lohn, zum 1. März 2017  2,2 Prozent und zum 1. Juli 2017 nochmal  2,2 Prozent mehr Geld. Plus die Altersvorsorge macht das pro Mitarbeiter etwa 250 Euro mehr, rechnet Jörg Dahms vor. „Dieses Ergebnis haben wir nur durch die vielen Aktionen und Warnstreiks  erreichen können“, sagt er.

Auf Arbeitgeberseite sieht man das Ergebnis positiv. Für den Personalleiter des Pizza-Herstellers Dr. Oetker Wittenburg, Tom Boenigk, sei  gemeinsam ein gutes Ergebnis erreicht worden. „Ich begrüße die Einigung, weil der Konflikt doch lange und hart geführt wurde. Jetzt kann wieder Ruhe in die Belegschaft einziehen. Ich denke, dass sich auch Spannungen unter den Kollegen auflösen werden“, sagte er gestern Nachmittag auf SVZ-Nachfrage. Bei Kühne und der Emsland-Gruppe war gestern niemand für eine Stellungnahme bereit oder zu erreichen. Der Arbeitgeberverband der Ernährungsindustrie Nord sieht die Angleichung aber als geglückt an. Zumindest an die bevölkerungsarmen Flächenländer sei man herangekommen, so Hauptgeschäftsführer Uwe Teuschert. Am Ende sei das vereinbart worden, was für die Unternehmen verkraftbar sei. Im Tarifverbund gebe es schließlich stärkere und schwächere Betriebe. Der Tarifverbund wäre deshalb sogar beinahe auseinandergebrochen, so Teuschert. Letztlich sei es ein Kompromiss geworden, der beiden Seiten wehtue.

Unterdessen immer noch frustrierte Stimmung bei den Mitarbeitern. „Wir tragen das so nicht mit“, sagt Steffen Ockert vom Oetker-Betriebsrat. Das Kollegium hätte dem jetzigen Tarifergebnis deshalb auch nicht zugestimmt. Aus ihrer Sicht sei es für die Mitarbeiter im Osten nach wie vor nicht  plausibel, warum sie nach 26 Jahren immer noch so viel weniger verdienen, als ihre Kollegen  im Westen. Und das für die gleiche Arbeit. Beim jetzigen Stand sieht Ockert die Angleichung in weiter Ferne, denn auch im Westen gibt es regelmäßig Tariferhöhungen. Die Stimmung ist deshalb so schlecht, dass „haufenweise Austritte“ aus der Gewerkschaft drohen.

„Ja, wir haben zwar unser Ziel verfehlt“, sagt  Jörg Dahms von der Gewerkschaft. Die Arbeitgeber seien zäh gewesen und hätten nicht über Angleichung sprechen wollen. Aber es sei der stärkste Tarifabschluss in der Ernährungsindustrie in ganz Deutschland erzielt worden. „Das ist schon ein Erfolg.“ Im Übrigen habe nicht die NGG, sondern die Tarifkommission mit Mitgliedern aus allen betroffenen Firmen dem jetzigen Tarifvorschlag zugestimmt, entgegnet Dahms der Kritik aus Wittenburg.

Für ihn ist der Weg in Richtung Ost-West-Angleich noch nicht zu Ende.  „Wir bleiben dran.“ Aber wenn es jetzt zu vielen Austritten aus der Gewerkschaft kommt, „dann werden wir dieses Ziel  nicht weiter verfolgen können.“

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erstellt am 01.Nov.2016 | 21:00 Uhr

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