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Hagenower Kreisblatt

28. März 2017 | 02:24 Uhr

Boizenburg : „Man hat durchgehalten“

vom
Aus der Redaktion des Hagenower Kreisblatt

Ingeborg Melke blickt auf ein bewegtes Leben zurück. Sie hat unter anderem miterlebt, wie Gartenschlägers Leiche abtransportiert wurde

Der Blick in die Vergangenheit fällt ihr nicht leicht. Gern möchte Ingeborg Melke aus ihrem Leben erzählen, doch immer wieder stockt die 79-Jährige: „Es war ’ne schlimme Zeit“. Die Erlebnisse im Krieg, die Umsiedlung im Viehwaggon, die Ankunft im Nirgendwo. Und mit allen Worten wird deutlich – die Seniorin ist nie ganz angekommen in ihrer neuen Heimat.

Sie sitzt in ihrem Zimmer in einem Boizenburger Pflegeheim. Im Rollstuhl – Arthrose in den Gelenken, ein schwerer Unfall im letzten Jahr. Doch ihr Geist ist wach. Und damit auch die Erinnerungen an ein bewegtes Leben in der damaligen Tschechoslowakei, an das Hausen in Erdhöhlen irgendwo in Mecklenburg-Vorpommern, an den Abtransport von Michael Gartenschlägers Leiche im Sperrgebiet bei Leisterförde. Gern hätte sie ihre Gedanken, ihre Lebensgeschichte aufgeschrieben. Doch der Stift wird ihr schnell zu schwer.

Bis zum neunten Lebensjahr wohnt sie mit ihrer Familie bei Liberec/Reichenberg. Der Vater im Krieg, die Mutter arbeitet viel. Die junge Ingeborg wächst bei der Oma auf. Und auch wenn Krieg herrscht, empfindet sie die Zeit als eine glückliche. Wenn der Alarm dröhnt, muss sie in den Keller. Soldaten nehmen sich das Leben, steuern ihre Flieger zu Boden und verbrennen am lebendigen Leib. Sie hat vieles erlebt. Und doch: „Ich hab’ eine schöne Kindheit gehabt“, sagt Ingeborg Melke. Die Familie hätte in dieser schweren Zeit zusammengehalten und trotz aller Umstände viele Ausflüge gemacht.

„Schlimm“ wird es für sie, als ihr Vater im Krankenhaus liegt, schwer verletzt durch Granatsplitter. Und, als die Familie irgendwann vor die Wahl gestellt wird: Bleiben, und die tschechische Staatsbürgerschaft anerkennen, oder nach Deutschland gehen. Ihr Vater und sie wollen bleiben, der Rest der Familie nicht. Und so heißt es, schnell die nötigsten Sachen packen und mit dem Viehwaggon nach Mecklenburg-Vorpommern. Drei Wochen sind sie unterwegs, ihre Schwester ist da noch ein kleines Baby. Zwischendurch hausen sie in Erdhöhlen. „Das war ’ne Zeit“, sagt Ingeborg Melke. Sie vergleicht es ein bisschen mit der heutigen Flüchtlingssituation. Auch damals muss ihre Familie viel Geld für den Transport bezahlen, wie die Flüchtlinge heute an ihre Schleuser.

Auf dem Boizenburger Bahnhof angekommen, warten die Bauern mit ihren Pferdewagen. Es geht nach Leisterförde. „Das war schlimm. Wir dachten, wir kommen ans Ende der Welt“, erinnert sich die Seniorin. Nichts, außer Wald.

Die Familie findet sich irgendwie zurecht, lebt in einer Wohnung, die Eltern bekommen Arbeit. Ingeborg geht sogar das erste Mal zur Schule und arbeitet nebenbei auf einer Plantage. Und selbst, als 1952 die ersten aus der 500 Meter breiten Sperrzone ausgesiedelt werden, weil sie der Grenze zu nahe kommen, darf die Familie bleiben. „Die haben damals alle beobachtet.“

Doch das Leben abseits im Sperrgebiet wird auch später nicht einfacher. Ingeborg Melke heiratet, bekommt vier Kinder. Ihr Mann muss dreimal zur Armee und darf nie nach Hause. „Ich hab’ die Kinder fast alleine groß gezogen“, sagt die Boizenburgerin. Der Konsum mehr als ein Kilometer entfernt im Dorf, zwei große Gärten zur Versorgung, die schwere Arbeit. Sie habe damals jeden Job angenommen. „Aber man hat durchgehalten und gedacht, vielleicht kommt nochmal eine andere Zeit.“ Der Gedanke an Flucht kommt ihr nie. „Ja, wir waren eingesperrt“, sagt sie. „Der Zaun war da, sie haben immer geharkt davor und regelmäßig nach Spuren gesucht“, erinnert sie sich. Aber „man hat sich damit abgefunden.“

Ein schlimmes Erlebnis im Sperrgebiet ist für sie der Tod von Michael Gartenschläger, der beim Versuch, eine Selbstschussanlage abzumontieren, erschossen worden ist. „Sie sind bei uns vorbeigefahren, als er schon tot war.“ Mit seiner Leiche im Auto. Und sie hat gesehen, wo er erschossen worden ist. Ingeborg Melke ist schon damals klar gewesen, „das waren keine Soldaten, die hier stationiert waren. Das waren Oberste, die haben ihn beobachtet.“

Momentan denkt die Seniorin viel über ihr Leben nach, das oft „schwer war“, aber „auch schöne Zeiten hatte“. Sie sieht Bilder aus der Tschechoslowakei, wo sie groß geworden ist. „Das war Heimat“, sagt sie. Boizenburg habe sie nie so richtig als solche angenommen.

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erstellt am 11.Okt.2016 | 12:00 Uhr

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