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Hagenower Kreisblatt

05. Dezember 2016 | 17:34 Uhr

Boizenburg : Leben mit dem Tod

vom
Aus der Redaktion des Hagenower Kreisblatt

Am Totensonntag wurden vielerorts die Namen aller Verstorbenen des Kirchenjahres verlesen. Alexander Jordt ist seit fast einem Jahr Friedhofswart in Boizenburg

Dem Thema Tod stellt man sich nicht gern. Wer nicht gerade einen Angehörigen oder Freund betrauern muss, blendet das Ende des Lebens lieber aus. Doch eines ist sicher: der Tod ereilt Jeden.

Die Kirche hat verschiedene Rituale, um mit dem Thema Tod umzugehen, eines davon ist der Totensonntag und die öffentliche Verlesung aller Namen der seit dem Totensonntag des vergangenen Jahres Verstorbenen. Vielerorts werden inzwischen nicht nur die Namen der beerdigten Kirchgemeinde-Mitglieder verlesen, sondern die von allen, die sich auf den letzten Weg gemacht haben. In Boizenburg waren es 142.

120 davon hat Alexander Jordt beerdigt. Er ist seit Jahresbeginn der neue Friedhofswart in Boizenburg. Für den 37-Jährigen gehört der Tod zu seinem Leben. Und das schon lange, denn vor ihm oblagen seinem Vater Manfred 17 Jahre lang die Boizenburger Beerdigungen. Es hört sich vielleicht seltsam an, aber der gelernte Zimmermann mag seine Arbeit. Den Kontakt zu den vielen Leuten, die Arbeit an der frischen Luft. Und nicht zuletzt deshalb, weil das ein sicherer Arbeitsplatz ist. „Das ist jetzt nicht ein Job wie jeder andere“, findet Jordt. „Ich zeige den Trauernden mein Mitgefühl, lasse meine Emotionen aber nicht ausufern. Und nach einer Zeit der Trauer machen viele auch gern Scherze mit mir, wenn sie auf den Friedhof kommen, um das Grab zu pflegen.“

Dass er eher ein fröhlicher Mensch sei, würde bei den meisten Leuten gut ankommen.

Da Alexander Jordt in Neu Gülze wohnt, kennt er auch nicht wie sein Vater, der zuvor 30 Jahre auf der Elbewerft gearbeitet hatte, so viele derjenigen, die er zu Grabe trägt. Weinen musste der junge Mann noch nie bei einer Beerdigung. Doch eine Frau, die mit nur 32 Jahren an Krebs starb, die habe er gekannt und deren Tod sei ihm auch sehr nahe gegangen.

Die meisten Gräber, die der Vater von zwei Kindern aushebt, sind für Urnenbestattungen gedacht. „Seitdem ich hier bin, gab es nur 25 Erdbestattungen“, erzählt er. Um ein Grab für eine Erdbestattung zu schaufeln, brauchen er und sein Kollege Alexander Engels drei bis vier Stunden, für ein Urnengrab deutlich weniger. „Wir finden beim Graben immer Gebeine früherer Verstorbener. Den Knochen kann man nicht ansehen, ob sie dreißig, sechzig Jahre oder älter sind. Die sehen alle gleich aus.“ Wenn das Grab ausgehoben sei, würden diese Gebeine unter dem Sarg oder der Urne erneut beerdigt.

Für Ehefrau Andrea Jordt und die Kinder Nele (13) und Nils (10) sei es selbstverständlich, dass das Thema Tod zu Hause immer präsent ist. „Wir wohnen ja mit meinen Eltern in einem Mehrgenerationen-Haus“, erklärt Alexander Jordt. „Und weil mein Vater vorher Friedhofswart war, sind meine Kinder damit aufgewachsen.“

Am Tag seiner zweiten Urnen-Bestattung sei der Familienvater morgens aufgewacht, weil ihm eingefallen sei, dass an der Urne nicht wie sonst üblich eine Überurne mit einem Band war, um das Gefäß mit der Asche würdevoll ins Grab zu lassen. „Da haben wir alle am Frühstückstisch gesessen und überlegt, was ich machen könnte.“ Letzten Endes habe er sich im entscheidenden Moment mit einem Bein hingekniet, die Urne so tief wie möglich in die Gruft gesenkt und sie dann die letzten Zentimeter aus den Händen hinabgleiten lassen. Den leisen Aufprall hätten die Angehörigen zum Glück nicht gehört.

Wenn Alexander Jordt, der in seiner Freizeit die D  2-Jugend von SG Aufbau trainiert, mit seinen Freunden zusammen sitzt, ist seine Arbeit mindestens einmal am Abend Thema. „Einmal habe ich gerade ein Urnengrab ausgehoben, da fiel mir ein, dass ein Kumpel von mir Geburtstag hat und ich ihm noch gratulieren muss. Ich rief ihn an und als er erfuhr, was ich gerade mache, musste er lachen.“

Alexander Jordt möchte seine Arbeit als Friedhofswart noch möglichst lange machen. „Ich behandle das Gelände hier, als ob es mein eigenes wäre. Da guckt man dann anders drauf.“ Fünf Hektar wollen in Ordnung gehalten werden. Neben Alexander Engels hilft dabei noch Grabpflegerin Sieglinde Gonda.

Auf die Frage, wie der junge Friedhofswart selbst einmal begraben werden möchte, antwortet er: „Ich möchte eine Erdbestattung. Die Kollegen sollen sich richtig quälen.

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erstellt am 21.Nov.2016 | 12:00 Uhr

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