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Hagenower Kreisblatt

04. Dezember 2016 | 04:57 Uhr

Boizenburg : Frauen gegen Gewalt stark machen

vom
Aus der Redaktion des Hagenower Kreisblatt

Sieben Gleichstellungsbeauftragte aus Westmecklenburg trafen sich zum Aktionstag gegen Gewalt an Frauen

Um gemeinsam ein Zeichen gegen Gewalt an Frauen zu setzen, trafen sich die Gleichstellungsbeauftragten aus Schwerin, Ludwigslust, Hagenow, Wismar sowie den Landkreisen Ludwigslust-Parchim (LUP) und Nordwestmecklenburg (NWM) gestern bei ihrer Boizenburger Kollegin Beate Benz. Zusammen mit den Mitarbeiterinnen des Frauenhauses Ludwigslust, Ursula Dippold und Anja Dittmann, Bürgermeister Harald Jäschke, Stadtvertreterin Renate Zettwitz (Die Linke) und Christian Hameister von den Versorgungsbetrieben hissten sie vor dem Rathaus ein Banner anlässlich des weltweiten „Tag es für die Beseitigung von Gewalt gegen Frauen“, der am 25. November stattfindet.

Im Anschluss fuhr Udo Paetow die Gruppe mit einem Bus der VLP zu den drei Standorten in Boizenburg, an denen für zehn Tage jeweils ein großes Plakat zu sehen ist mit der Aufschrift: „Boizenburg bricht das Schweigen“ und der Nummer der bundesweiten Hotline 08000 116 016, die jeder anrufen kann, wenn es um Gewalt gegen Frauen bzw. Mädchen geht, insbesondere um häusliche Gewalt. Die Plakataktion wird von den Versorgungsbetrieben Elbe gesponsert.

„Geschlechtsbezogene Gewalt trifft Frauen jeden Alters und jeder Herkunft in Deutschland“, sagte Beate Benz in ihrer Rede zum Aktionstag. „In Mecklenburg-Vorpommern sind im ersten Halbjahr 2016 1  968 Fälle häuslicher Gewalt registriert worden. 1  932 Kinder und Jugendliche sind von häuslicher bzw. sexualisierter Gewalt betroffen. Das allein ist schon zu viel, aber die Dunkelziffer derjenigen, die gar nicht erst zur Polizei gehen, ist natürlich noch deutlich höher.“

Mit dem Aktionstag wollen die Gleichstellungsbeauftragten allen Frauen, die von Gewalt betroffen sind, Mut machen, sich zu wehren und sich aus ihrem gewalttätigen Umfeld zu lösen. Sie wollen damit auch die Bürger ermutigen, nicht wegzusehen, wenn die Nachbarin schreiend aus der Wohnung läuft. Heidrun Dräger, die Gleichstellungsbeauftragte des Landkreises LUP, erzählte die Geschichte einer Frau mit vier Kindern, die schon sieben Jahre von ihrem Mann geschlagen wurde und eines Tages aus Angst vor ihm aus dem Haus rannte. Der Mann folgte ihr mit einer Motorsäge in der Hand durchs Dorf und verprügelte sie auf der Straße. Niemand im Dorf half der Frau, alle Fenster und Türen blieben geschlossen.

„Hinschauen und Handeln, das ist mein heutiger Aufruf an alle Boizenburgerinnen und Boizenburger“, appellierte Beate Benz daher an die Einwohner der Elbestadt.

„Ich empfehle immer, die Polizei zu holen“, antwortete Anja Dittmann, Mitarbeiterin des Frauenhauses Ludwigslust und Psychologin, auf die Frage der SVZ, was Nachbarn denn tun sollten, wenn sie Zeugen von Gewaltausbrüchen würden. „Das ist auch ein Signal an die Männer: Wir registrieren, was Du da tust!“

Häusliche Gewalt sei immer ein Gemisch aus verschiedenen Gewalt-Typen, erklärte Kollegin Ursula Dippold, seit 21 Jahren Leiterin des Frauenhauses. „Das ist nicht nur physische Gewalt, sondern auch psychische Gewalt. „Wenn eine Frau jahrelang das Opfer von Gewalt war, hat sie vergessen, wie klug sie ist, ihr Selbstbewusstsein geht gegen Null.“ Typisch sei für eine von Gewalt beherrschte Beziehung, dass der Mann die Frau als sein Eigentum betrachtet, sie vollständig kontrollieren will, sie einsperrt, ihr verbietet, sich mit Freunden zu treffen und ihr außerdem sagt, dass sie weder kochen noch die Kinder erziehen kann und zudem hässlich sei. Problematisch sei vor allem, dass nach Gewaltausbrüchen immer wieder Phasen der Zuwendung und Liebesbezeugung folgten, weshalb es den Frauen oft so schwer fiele, sich aus solchen Beziehungen zu lösen.

Mit 35 Frauen hatte das Frauenhaus Ludwigslust im Jahr 2016 einen besonders starken Zulauf. Die Hälfte davon waren Frauen mit Migrationshintergrund, viele aus Afghanistan und Syrien, erklärte Ursula Dippold. „Das stellt uns kulturell, personell und räumlich noch einmal vor ganz neue Herausforderungen.“

„Die Gewalt in deutschen Familien ist aber ungebrochen hoch“, ergänzte Petra Steffan. Im Frauenhaus Wismar hätten 2016 nur drei Frauen mit Migrationshintergrund Schutz gesucht.

Wer in MV Hilfe sucht, kann die Website www.gewaltfrei-zuhause-in-mv.de aufrufen. „Wir haben hier ein sehr gutes Netztwerk“, so Heike Schweda, die Gleichstellungsbeauftragte aus Hagenow. Das Frauenhaus Ludwigslust ist unter der 038751/21 270 zu erreichen.

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erstellt am 24.Nov.2016 | 12:00 Uhr

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