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Hagenower Kreisblatt

01. Oktober 2016 | 06:56 Uhr

Wittenburg : Die Zirkuswelt nimmt Abschied

vom
Aus der Redaktion des Hagenower Kreisblatt

Über 300 Trauergäste bei Beerdigung von Familienoberhaupt Harry Frank. Überwältigende Anteilnahme am Grab hält ungebrochen an

Wittenburg Nach 83 Jahren hat ein großes Zirkusherz aufgehört zu schlagen. Es gehörte Harry Frank, dem Oberhaupt der Zirkusfamilien Frank aus Lehsen und Huppertz aus Boddin. Unter großer Anteilnahme von rund 300 Trauergästen aus ganz Deutschland wurde der Senior vor einigen Tagen auf dem örtlichen Friedhof beigesetzt. Geschmückte Pferdeattrappen, ein buntes Zirkus-Zelt, Gebinde und Aufsteller zeugen immer noch von der enormen Hochachtung der Zirkuswelt, die nun zünftig  Abschied nahm.

Zu ihr gehört auch Margot Huppertz, eine geborene Frank und Tochter des Verstorbenen. „Ich hätte ihn gern noch etwas länger gehabt, denn er war ein sehr guter Vater“,  gesteht die 58-Jährige, die nun ja auch kein Kind mehr sei. „Meine Mutter starb vor zwei Jahren. Jetzt sind sie beide wieder vereint“, sagt die Boddinerin, die ihren Vater bis zuletzt bei sich daheim aufopfernd pflegte. „Neben einer Herzkrankheit, musste er in den letzten Jahren dreimal die Woche zur Dialyse. Er ließ sich von seinen Krankheiten nie unterkriegen und wollte immer überall dabei sein. Er konnte nie lange stillsitzen“, erinnert sich  Margot Huppertz gestern im SVZ-Gespräch.  Beim letzten Schweriner Weihnachtszirkus, den die Huppertz betreiben, habe er sich die Proben und fast alle Aufführungen angeschaut. Auch habe ihm das Wohlergehen der Tiere immer sehr am Herzen gelegen. Noch im hohen Alter habe er sich täglich zur Kontrolle in den Stall bringen lassen.

Sie selbst, Mutter von fünf Söhnen, sei in den Zirkus hineingeboren worden. Je etwas anderes zu machen, diese Frage habe sich für sie niemals gestellt. „Ich war Artistin, Kunstreiterin und habe Dressuren mit Pfauentauben gemacht“, verrät sie. Doch das sei schon lange her.

Das Leben zwischen Wohnwagen und Manege hatte Harry Frank als Kind  einer ostdeutschen Zirkusfamilie schon ab 1933 kennengelernt. Mit 18 Jahren machte er rüber in den Westen, gründete dort seinen Zirkus.

„Er lebte für seine Tiere, besonders hatten es ihm die Pferde angetan. Die liebte er“, sagt seine Tochter, während sie aufmerksam die vielen Sprüche auf den Trauerschleifen liest. Von den Getreuen aus der Branche, die wie eine riesige und weltweite Familie sei.

„Man hält zusammen,  unterstützt sich und steht füreinander ein“, betont auch Ralf Huppertz, der einst in den Zirkus-Clan einheiratete. Mit 18 Jahren habe er „zum großen Schrecken seiner Familie“ beim Schweizer Zirkus „Fliegenpilz“  mit Musik und Artistik begonnen. „Mich hatte ein Wanderzirkus mit seiner Atmosphäre und dem Virus infiziert. Da war ich 17 Jahre alt“, schmunzelt der 56-Jährige heute noch. Die Solidarität unter der Zeltkuppel sei national und  international. „Bei Hochzeiten und Beerdigungen bringt jeder Gast einen Geld-Umschlag mit,“ verrät Huppertz, der die letzte Ehre, die man seinem Schwiegervater erwiesen habe, als „überwältigend und grandios“ bezeichnet.   „Es war eine sehr schöne und würdige Trauerfeier. Noch heute kommen Menschen aus nah und fern, um sich die Grab-Dekoration anzusehen.“

Wie sehr der Senior mit der Zirkusfamilie verheiratet war, bewies der 83-Jährige noch 2016. „Er war zur Gala beim Internationalen Circus-Festival in Monte Carlo eingeladen. Dort trat sein Neffe Rene Cassely auf, der vor zwei Jahren mit seiner Mischung aus Elefantendressur und Artistik den Goldenen Clown gewonnen hatte. Trotz morgendlicher Nierenwäsche in Nizza hielt er die sechs Stunden Gala bis morgens um zwei Uhr aufmerksam durch. Er freute sich über jeden Zirkusbesuch“, weiß Ralf Huppertz weiter zu berichten. Seine Frau Margot nickt traurig. „Ich hätte ihn auch niemals ins Pflegeheim gegeben. Da mein Vater  binnen zwei Tagen gestorben ist, musste er auch nicht lange leiden. Er hatte einen gnädigen Tod. Und das Zirkusleben  geht weiter. Muss es ja auch.“  Sie werde regelmäßig die Eltern auf dem Friedhof besuchen gehen, um mit ihnen zu reden. Auch über die Sorgen und Nöte, die das Zirkusdasein so mit sich bringen. Über das Sparen an allen Ecken und Enden. Und die beunruhigende  Tatsache, dass die Zuschauer immer schwerer ins Zelt zu locken seien. „Wir kämpfen weiter. So wie auch meine Eltern schon“, bekräftigt Margot Huppertz, die  früh genug lernen musste, dass nicht nur das Leben im Zirkus  ein kniffliger Akt auf dem Drahtseil ist.

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erstellt am 22.Sep.2016 | 21:00 Uhr

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