zur Navigation springen

Hagenower Kreisblatt

05. Dezember 2016 | 05:27 Uhr

Frischling in Steegen : Die drei Monate der kleinen Eva

vom
Aus der Redaktion des Hagenower Kreisblatt

Wie eine Steegener Familie drei Monate lang ein Wildschweinbaby mit enormer Mühe aufzog, um am Ende doch zu scheitern

Drei Monate lang hat ein kleines Wildtier das Leben von Jan Thomas, seiner Frau Madlen und der Söhne Janne (11) und Mathis (7) ziemlich  bestimmt. Drei Monate kämpften sie um das Überleben des kleinen Wildschweinmädchens, dem sie den Namen Eva gaben. Und dann, als das Tier aus dem Gröbsten raus war, als sie in einem Wildgatter  unter Artgenossen lebte, dann ging das kurze Leben der wilden Eva mit einem Mal doch zu Ende. „Es ist furchtbar für uns alle, aber sie hat dann doch ein paar schöne Monate bei uns gehabt“, gab sich Vater Jan Thomas nach dem Verlust gefasst.

Es begann im August, in einem Waldstück nahe Hagenow. Da fand Vater Jan, der bekennender Jäger mit Augenmaß ist, an einem Wegesrand den Frischling vor, der dann Eva heißen sollte. Ganz allein. „Ich weiß, dass das ein Wildtier ist. Ich habe auch einige Zeit in die Nachsuche der Bache investiert, aber nichts gefunden. So stand ich vor der Frage: Was tun?“, erzählt Thomas. Wenn er das offenbar nur wenige Tage alte Tier im Wald gelassen hätte, wäre es wenig später tot gewesen. Da ist er sich sicher. Und er war und ist auch wütend, denn in der Nähe des Fundortes war zuvor eine Überläuferbache geschossen worden. Normalerweise gilt bei Muttertieren, die gerade Junge haben, Zurückhaltung. Denn ohne die Sau haben die Kleinen eigentlich keine Chance.

Das kleine Wilschweinmädchen bekam seine Chance, Jan Thomas nahm das Tierchen mit in seine Jacke. Und Eva, sie bekam ihren Namen erst später, fühlte sich offensichtlich wohl und hielt still.

Doch zu Hause begannen die Probleme. Wie zieht man so ein Tierbaby groß? Erst probierten sie es mit Milch und Kindernahrung. Das klappte ganz gut, war aber nicht optimal. Dann kam der entscheidende Tipp von einem Jagdfreund: fettarme Milch mit eingerührten Schmelzflocken. Das klappt auf Anhieb. Doch so ein Tierbaby braucht sehr regelmäßig Nahrung. Alle zwei bis drei Stunden rund um die Uhr war ein Fläschchen fällig. Jan und Madlen Thomas wechselten sich mit dem Rhythmus ab, oft genug sanken sie danach wieder todmüde ins Bett. Nach jedem Trunk gab es dann auch noch eine frisch aufgefüllte Wärmflasche.

Wildschwein Eva durfte nur ganz am Anfang im Haus sein,  hatte später im Stall seine  eigene ausgepolsterte Kiste mit einem Katzenspielzeug, einem Igelkopf, mit dem es  viel spielte. Binnen weniger Tage avancierte das  gefundene Tier zum geliebten Familienmitglied. Bei den Söhnen Janne und Mathis stand sie hoch im Kurs.

Und schnell wurden auch die Nachbarn auf den ungewöhnlichen Gast aufmerksam. „Eva“ war der heimliche Star in Steegen, viele wollten sich das kleine Schwein einmal selbst ansehen. „Uns haben wirklich viele geholfen, sonst hätten wir das gar nicht geschafft“, bedankte sich Jan Thomas, der im Hagenower Holzwerk arbeitet.

Von vornherein war klar, dass das kleine Wildschwein nicht ewig würde im Hause der Familie Thomas  bleiben können. „Einfach in den Wald aussetzen, das ging nicht, da wäre sie eingegangen. Also habe ich mich dann, als Eva kräftiger wurde, an die Betreiber eines Wildgatters gewandt und die haben sie dann nach einer Eingewöhnungszeit auch gerne aufgenommen.“

Denn Wildschweine wachsen schnell und haben beachtliche Kräfte. Und so konnte Eva später  schon sehr deutlich werden, wenn sie Hunger hatte. Zum Schluss residierte sie im Zwinger von Hund „Molly“, der sein Domizil nur ungern räumte, obwohl die beiden sonst gut klarkamen. Ansonsten folgte das Schwein allen in der Familie auf Schritt und Tritt, reagierte auf Stimmen, war neugierig, forderte Aufmerksamkeit ein. Schließlich kam die Zeit der Trennung, die so erfolgreich anlief und schließlich so tragisch endete. Woran Eva im Gehege so plötzlich starb, das konnte bisher nicht geklärt werden. Der Schock in der Familie, die bei ihrem Ableben dabei war, sitzt tief.

Vater Jan denkt noch an das erste Treffen mit dem zitternden Frischling zurück. „Normalerweise gibt es im August gar keine Frischlinge. Dass es aber doch so war zeigt mir, dass etwas mit der Rotte nicht in Ordnung war. So etwas passiert, wenn Jäger einfach die Leitbachen weg schießen und das Gefüge durcheinander kommt. Es wäre schön, wenn sich alle einmal auf ihre jagdliche Verantwortung besinnen würden.“

zur Startseite

von
erstellt am 05.Nov.2016 | 05:00 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Themen zu diesem Artikel:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen