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Hagenower Kreisblatt

27. April 2017 | 09:14 Uhr

Landflucht : Bald keine Landärzte mehr?

vom
Aus der Redaktion des Hagenower Kreisblatt

Das klassische Landarztdasein verliert an Attraktivität

Etwa 50 Jahre lang wirkten Dr. Claus Kortum und Dr. Astrid Kortum als Ärzte rund um Hagenow und Lübtheen. Vor gut einem Jahr suchten sie einen Nachfolger für ihre Praxis. Vergeblich.

Damit sind sie nicht allein. Während Praxisnachfolgen in den Städten begehrt sind, zieht es immer weniger junge Ärzte in ländliche Regionen. Derzeit gibt es 5,5 freie Stellen für Allgemeinmediziner in Hagenow und Umland (alter Kreis). Das klingt vielleicht nicht viel. Das hohe Durchschnittsalter der Ärzte, viele sind über 60, zeigt jedoch, dass sich dieses Problem verschärfen könnte.

Bei dem Ärztepaar hätte es dennoch fast mit der Übergabe geklappt. Ein Arzt aus Hannover interessierte sich für die Praxis. Doch nach ein paar Tagen Probearbeit kam Claus Kortum zu dem Schluss: „Dem kann ich meine Praxis nicht überlassen. Da hätte ich weiter viel arbeiten müssen, aber unter seiner Ägide. Das hatte ich mir so nicht vorgestellt.“

Landärzte haben eigentlich immer Bereitschaft und arbeiten oft 70 Stunden in der Woche. Gerade junge Ärzte, und die sind zu 7o Prozent weiblich, wollen aber auch Zeit für ihre Familie haben.

Zeitgemäße Konzepte für die Versorgung in der Fläche müssten her, heißt es denn auch in Fachdiskussionen wie am Dienstag auf demSchweriner AOK-Forum.

Medizinische Versorgungszentren, sogenannte MVZ, sind ein Lösungsansatz. Ärzte arbeiten hier auf Angestelltenbasis. Ihre Zahl ist seit 2004 bundesweit von rund 200 auf etwa 2000 gestiegen. Zukünftig können auch Kommunen MVZ gründen und damit aktiv gegen Unterversorgung vorgehen, sieht das geplante GKV-Versorgungsstärkungsgesetz vor.

Denkbar sei es auch, dass Ärzte tageweise in unterversorgten Gebieten tätig seien, meint Dr. Dieter Kreye. Bevor er stellvertretender Vorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Mecklenburg-Vorpommern (KVMV) wurde, habe er neben der Praxis in Neubrandenburg eine Zweitpraxis in Woldegk gehabt. Das sei aber keine Dauerlösung, resümiert er seine Erfahrungen.

Krankenhäuser sollen, so steht es im Entwurf, stärker in die ambulante Versorgung einbezogen werden.

Entlastend wirken sollen auch Gemeindeschwestern. Die heißen in Mecklenburg-Vorpommern „Verah“ bzw. „Verah-Care“. Rund um Hagenow gibt es von den letztgenannten etwa acht, in ganz MV 107. Angestellt von den Hausärzten, versorgen sie kranke Menschen zu Hause. Gleichzeitig sind sie der direkte Draht zum Arzt. Besonders qualifizierte Verah-Care-Kräfte dürfen zudem Verbände wechseln, Injektionen geben und Blutzuckerwerte messen. Allerdings nur bei AOK- Versicherten. Andere Kassen übernehmen diese Leistungen nicht. „Wir würden eine Beteiligung anderer Krankenkassen an diesem Programm sehr begrüßen“, kommentiert Kerstin Alwardt, Pressesprecherin der KVMV.

Doch auch für die Niederlassung als Landarzt wurden zusätzliche Anreize geschaffen. Für Niederlassungen in entlegenden Gegenden gibt es zum Beispiel bis zu 50 000 Euro Investitionskostenzuschuss. Von dieser Förderung haben einige Ärzte in Boizenburg und Wittenburg Gebrauch gemacht.

Zudem gibt es Zuschüsse für Weiterbildungen, Unterstützung bei der Kinderbetreuung und vieles mehr.

Denn ein Landarztdasein kann, besonders wenn die Rahmenbedingungen verbessert werden, sehr befriedigend sein. Das sieht auch Prof. Attila Altiner vom Institut für Allgemeinmedizin an der Uni Rostock so. Er arbeitet täglich mit Nachwuchsmedizinern zusammen. „Gut ein Drittel der Studierenden kann sich vorstellen, Facharzt für Allgemeinmedizin zu werden. Am Ende entscheiden sich dennoch viele anders. Dabei macht die Arbeit als Landarzt sehr zufrieden“, zitiert er in seinem Vortrag eine Umfrage. Auf dem Land behandeln die Ärzte oft ganze Familien über einen langen Zeitraum hinweg. Das schaffe Vertrauen und Wertschätzung.

Das sieht auch Claus Kortum so. Dabei sind er und seine Frau nicht ganz freiwillig in die Niederlassung gegangen. Der Arzt war bis zur Wende Leiter des Landambulatoriums Hagenow. Seine Frau wirkte dort als Allgemeinmedizinerin. Ab 1990 wurde die Poliklinik abgewickelt. „Zur Niederlassung gab es damals keine Alternative“, kommentiert der Arzt. Bereut habe er es nie und bekräftigt: „Ich würde noch einmal Mediziner werden.“

Was die künftige Versorgung im ländlichen Raum angeht, ist er pessimistisch. „Der Hausarzt wird wahrscheinlich in einigen Jahrzehnten nicht mehr existieren.“

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erstellt am 21.Nov.2014 | 17:09 Uhr

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