zur Navigation springen

Güstrower Anzeiger

07. Dezember 2016 | 21:11 Uhr

Kundgebung in Güstrow : „Wir wollen Frieden und Glück“

vom
Aus der Redaktion des Güstrower Anzeiger

In Güstrow lebende Flüchtlinge richten Appell an Bevölkerung und Behörden / Rechts- und Linksextreme prallen aufeinander

Bisher wurde immer nur über sie geredet, obwohl sie seit knapp zwei Jahren hier sind. Rechtsextreme marschierten zudem einige Male in Güstrow gegen vermeintlichen „Asylmissbrauch“ auf. Doch jetzt melden sich Asylbewerber und Flüchtlinge, von denen aktuell knapp 500 in der Barlachstadt leben, erstmals selbst zu Wort. Unter dem Motto „Wir wollen Frieden und Glück“ kamen mehr als 150 Flüchtlinge und Güstrower am Sonnabend zu einer Kundgebung gegen Rassismus und für Flüchtlingsrechte auf dem Marktplatz zusammen. Kurzzeitig versuchten Rechtsextreme die ansonsten friedliche Veranstaltung zu stören.

Kurzzeitig flogen Stühle auf Markt

Rund 15 teils vermummte Neonazis machte die Güstrower Polizei aus, die ihre Kräfte während der Kundgebung bewusst im Hintergrund hielt. Linksautonome, die sich unter die friedlichen Demonstranten gemischt hatten, stürmten den Rechtsextremen auf dem Markt entgegen. Es flogen Stühle eines Cafés durch die Luft. Polizisten schmissen sich zwischen die Fronten. Innerhalb weniger Minuten war der Spuk vorbei. „Die rechtsextremen Störer sind gerannt wie die Hasen“, so Jens Wilke, stellvertretender Güstrower Revierleiter. Dennoch konnte die Polizei deren Identität feststellen. Personen wurden nicht verletzt. Es entstand jedoch Sachschaden.

Im Mittelpunkt standen bei der Kundgebung aber die Anliegen der Flüchtlinge. „Wir wollen die Situation der Flüchtlinge in Güstrow aus unserer Sicht schildern und mithelfen, sie zu verbessern“, sagte Khalid Mohammednur stellvertretend für viele Flüchtlinge in Güstrow. „Akzeptiert uns! Wir sind Menschen, die hier Zuflucht suchen und gemeinsam mit euch in Frieden und Sicherheit leben wollen“, so der Appell des 26-Jährigen aus Eritrea, der seit sechs Monaten in der Flüchtlingsunterkunft in der Südstadt lebt. Gemeinsam mit anderen Asylbewerbern hatte er den Anstoß zu der Kundgebung gegeben, unterstützt von Senta Schmatzberger von der Initiative „Güstrow Global“.

Oftmals würde den Flüchtlingen Rassismus in Güstrow begegnen. „Aber wir erfahren auch viel Hilfe hier“, sagte Khalid Mohammednur. Er forderte für die Flüchtlinge mehr Rechte und bessere Lebensbedingungen, u.a. Internetzugänge und mehr Platz pro Person in den Unterkünften, mehr Sozialarbeiter, Deutschkurse vom ersten Tag an, ausreichend Dolmetscher und langfristig eine Unterbringung in Wohnungen und nicht in Heimen.

SVZ konfrontierte Rainer Boldt, 2. stellvertretender Landrat und zuständig für die Unterbringung der Flüchtlinge im Landkreis, mit diesen Forderungen. „Internetzugänge müssen abgelehnt werden, da die Frage der rechtlichen Haftung nicht geklärt ist. Wenn es einen Missbrauch gibt, muss der Kreis haften. Dieses Risiko werden wir nicht eingehen“, so Boldt. Dass jedem Flüchtling per Gemeinschaftsunterkunftordnung in MV nur sechs Quadratmeter Wohnraum zur Verfügung stehen, sieht auch Boldt problematisch. „Aber das ist Landesrecht. Da können wir nichts machen. Es gibt ja noch Gemeinschaftsräume und Kinderspielzimmer“, sagt er. Den Betreuungsschlüssel hält Boldt ebenso wie die Flüchtlinge für viel zu gering: eine Stunde täglich für zehn Asylbewerber. „In Gesprächen mit dem Land wollen wir hier eine Verbesserung herbeiführen.“ Bei der Unterbringung in Wohnungen statt in Heimen sei der Landkreis schon weit. „Knapp die Hälfte der Flüchtlinge ist bereits dezentral untergebracht“, so Boldt. Dennoch könne auf zentrale Heime nicht verzichtet werden.

Die Veranstalter freuten sich Sonnabend über die große Resonanz ihrer Kundgebung. „Wir sind bereit, uns auch als Bürger Güstrows einzubringen, aber wir fordern von der Politik und der Bevölkerung, dass uns die Chance gegeben wird, am öffentlichen und sozialen Leben als vollwertige Mitglieder teilzunehmen“, so Khalid Mohammednur, der sich ein klares Bekenntnis Güstrows zu den Flüchtlingen wünscht.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen