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Güstrower Anzeiger

09. Dezember 2016 | 14:32 Uhr

Güstrow : Was passiert im ex Stadtwerkehaus?

vom
Aus der Redaktion des Güstrower Anzeiger

Neues Flüchtlingsheim soll mehr als nur Unterkunft sein: Eine eigene Werkstatt und ein Erlebnisparcours sind geplant

Jeden Tag, oft genug bei Dunkelheit, fährt Klaus Gehrmann aus Liessow nach Güstrow zur Arbeit und zurück. Immer wieder falle ihm, wenn er die Glasewitzer Chaussee entlang fährt, auf, dass Licht im und am ehemaligen Gebäude der Stadtwerke brenne. „Die gesamte Mittelsektion ist erleuchtet, ohne dass man jemanden sieht“, sagte uns der Liessower am Telefon. Wenn er das sehe, mag er nicht glauben, dass die Stadt Güstrow jedes Jahr aufs Neue Spender für das Licht der Beleuchtung auf dem Weihnachtsmarkt sucht.

Den Stadtwerken gehört das Gebäude nicht mehr. Besitzer ist Guido Nawroth, ein Architekt aus Mönchengladbach, der seit sechs Jahren in Güstrow wohnt. Das nächtliche Leuchten ist also zunächst einmal Privatsache. „Damit der Wachmann was sieht“, heißt es lapidar. Was aber soll mit dem Komplex geschehen? Bekannt ist, dass der Landkreis hier eine neue Unterkunft für Asylbewerber einrichten will. 200 Menschen sollen hier gleichzeitig maximal unterkommen. Am 1. Oktober hat Nawroth das Objekt an den Landkreis übergeben. Gerechnet wird mit dem ersten Bezug für Mitte des Monats.


Ursprünglich andere Pläne für Bürohaus


Pläne hatte Nawroth jedoch andere, wie er berichtet. „Meine Idee war es, preiswerte Büroräume anzubieten, damit Startups in Güstrow eine günstige Bleibe finden.“ Der griffige Name „StarTTower“ prangt deshalb auf einem Schild vor dem Objekteingang. Doch es kam gar nicht erst dazu, seine Angebote an den Markt zu bringen, da sei der Landkreis auf ihn zugekommen mit der Anfrage, ob das Gebäude als Flüchtlingsunterkunft zur Verfügung stünde. „Damit war ich grundsätzlich einverstanden. Ich wollte aber auch, dass die Leute dann hier nicht nur herumsitzen, sondern eine sinnvolle Beschäftigung haben“, sagt Guido Nawroth.

Zu diesem Ansatz passte ein zweiter Baustein, der mit dem früheren Stadtwerke-Komplex angedacht ist. Der in Güstrow von verschiedenen Bauprojekten bekannte Günter Strüwing, der inzwischen in Laage wohnt, will sich mit den im Rückraum gelegenen Werkstatthallen einbringen. Ein „Experimentarium“ soll hier entstehen. Strüwing stellt sich eine Erlebniswelt vor, die Kindern die verschiedensten Sinneswahrnehmungen ermöglichen soll: Tasten, Riechen, Fühlen, Hören, Gleichgewicht… ein großer Experimental-Parcours. „Technik wie iPhones und so weiter sind okay. Aber unsere Kinder sind unsere Zukunft, und sie dürfen auch nicht die Verbindung zur Realität verlieren“, denkt der Ingenieur Strüwing. Die Werkstattbereiche erscheinen ihm dafür als sehr geeignet. Der Bauantrag für das Vorhaben laufe noch, Strüwing hofft auf 2017 mit den Anfängen.

Und ob nun Jungunternehmer oder Flüchtlinge im vorgelagerten Bürogebäude einziehen – die Verknüpfung beider Einrichtungen böte sich so oder so an und sollte ein schlüssiges Konzept ergeben, stimmen die beiden Investoren überein. Wenn in einigen Tagen Flüchtlinge das Haus beziehen, haben die Betreiber mit dem Verein „Gemeinsam leben“ einen Partner gefunden, der das Konzept mit umsetzen soll. „Wenn die Flüchtlinge schon mal hier sind, wollen wir ihnen Angebote machen“, sagt Hartmut Kowsky. Sein Leben lang habe er als Entwicklungshelfer in verschiedenen Teilen des Erdballs gearbeitet, erzählt der Gülzower, zuletzt für die Welthungerhilfe im Sudan. Ein Bürger-Café in der Glasewitzer Chaussee 56 etwa könnte als Treffpunkt verschiedener Generationen und Kulturen dienen.


Verein möchte Kulturen zusammenführen


„Wir möchten die Menschen verschiedener Kulturen zusammenbringen, einer kann vom anderen lernen. Güstrower Familien mit eigener Fluchterfahrung könnten dazu beitragen“, denkt Steffanie Edelberg. Die Hausfrau aus Wilhelminenhof stellt sich auch ein Theaterprojekt vor. Kostüme und Requisiten könnten in der eigenen Werkstatt gefertigt, das Stück in der Halle aufgeführt werden. Ein anderes Projekt heißt „MüllArtDesign“. Ausrangierte Haushaltsgegenstände verschiedenster Art und Materialien könnten durch Reparatur oder Umarbeitung einer Wiederverwendung zugeführt werden. Eine Fahrradwerkstatt in dem etwas abgelegenen Objekt wäre schon so etwas wie ein Klassiker für Asylsuchende in Güstrow. Und keineswegs nur für Flüchtlinge gedacht, schwebt Edelberg ein sogenanntes Freebike vor: Ein auffälliges Fahrrad also, das frei in der Stadt steht und auf einen Nutzer wartet… „Man muss dann sehen, wie es funktioniert“, ist Steffanie Edelberg schon jetzt gespannt.

Die Vereinsmitglieder, die in Gülzow Ähnliches im kleinen Maßstab schon praktizieren, können Unterstützung noch gebrauchen. Hartmut Kowsky: „Leute aus verschiedenen Fachbereichen als Ausbilder zum Beispiel wären sehr willkommen.“

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erstellt am 04.Okt.2016 | 21:00 Uhr

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