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Güstrower Anzeiger

04. Dezember 2016 | 17:19 Uhr

Güstrow : „Warum so viele junge Männer?“

vom
Aus der Redaktion des Güstrower Anzeiger

Güstrower Schüler testen ein UN-Flüchtlingszelt und haben viele Fragen rund um Flucht und Migration in Deutschland und der Welt.

Es ist schon ein beklemmendes Gefühl in einem original Flüchtlingszelt auf einer dünnen Matte auf dem Boden zu sitzen – eine Matte, die den Flüchtlingen üblicherweise als Matratze dient. Schüler der Freien Schule in Güstrow durftendies gestern selbst einmal austesten und nutzten die Gelegenheit alle ihre Fragen rund um das Thema Flucht einer Expertin zu stellen. Katharina Allendorf vom Flüchtlingsrat MV brachte das Zelt gestern mit und sprach mit den Schülern über Fluchtursachen, mangelnde Privatsphäre und die Lagersituation weltweit.

„In einem Zelt wie diesem hier vom UNHCR, dem Hoher Flüchtlingskommissar der Vereinten Nationen, leben acht bis zehn Menschen“, erklärt Katharina Allendorf, die sich im „Projekt gegen Rechts“ engagiert. Für die Jugendlichen unvorstellbar. „Das wäre so, als wenn ihr auf unbestimmte Zeit mit eurer ganzen Familie in eurem Kinderzimmer leben würdet“, beschreibt Allendorf weiter. Das es – beispielsweise in Kenia – Flüchtlingslager gibt, die mehr als 20 Jahre bestehen, hatten viele der Schüler nicht gewusst. „In Dadaab an der Grenze zu Somalia leben heute rund 300 000 Menschen – mehr als in Rostock“, macht Katharina Allendorf deutlich und schaut dabei in erstaunte Gesichter. Diese Dimensionen waren vielen Schüler nicht so präsent.

Viel näher ist den Schülern indes die aktuelle Flüchtlingssituation in Deutschland. Ein paar Jungen erzählen, dass ihre Eltern in Flüchtlingsunterkünften arbeiten, sie Freunde haben, die aus Syrien stammen. Trotzdem haben die Jugendlichen noch viele Fragen. „Warum kommen eigentlich so viele junge Männer nach Deutschland“, fragt Annemarie Bachmann frei heraus. Die Schülerin hat das schon häufig jemanden sagen hören und ist neugierig. „Die Gründe sind vielfältig“, erklärt Allendorf. Einige hätten Angst in den Krieg ziehen zu müssen. Andere seien die einzige Chance für ihre Familien auf ein sicheres Leben. „Die Familien schicken den Kräftigsten los auf die Fluchtroute und hoffen darauf, dass er sie nachholen kann“, sagt Allendorf weiter. „Können Kinder ihre Eltern nachholen“, will Tabea Bader daraufhin wissen. Das sei auf Antrag hin möglich, erklärt Allendorf. „Aber das klappt nicht immer“, ergänzt sie.

Traurig findet Annemarie Bachmann die Vorstellung, die eigene Familie lange Zeit nicht sehen zu können. „Ich berate viele Flüchtlinge und die sind wirklich traurig – besonders, wenn es um das Thema Familie geht“, bestätigt Katharina Allendorf. Aber sie beobachte auch, dass sich die Flüchtlinge Perspektiven schaffen, um hier in Deutschland anzukommen. „Ich finde das so spannend und möchte selbst gerne helfen“, erklärt Tabea Bader ihre Motivation sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. „Viele finden ja auch, dass die Flüchtlinge uns die Jobs wegnehmen – das finde ich nicht“, sagt die Schülerin. Das könne doch auch eine Bereicherung sein, sagt Tabea Bader, die selbst gerne mehr über die fremden Kulturen erfahren möchte.

Auch nach der Unterrichtseinheit im Flüchtlingszelt haben die Schüler noch viele Fragen und löchern die Mitarbeiterin des Flüchtlingsrats. Eine gute Basis für die weitere thematische Auseinandersetzung. „Wir haben gerade Themenwoche und in den Gesellschaftswissenschaften und behandeln das Thema Leben ohne Dach über dem Kopf – Flucht und Flüchtlingslager sind ein Teil dessen“, erklärt Lehrerin Hanka Gatter. In einem weiteren Schritt setzen sich die Schüler auch mit der Verantwortung in der Weltgemeinschaft auseinander. „Dabei wird es um Fluchtursachen und die Rolle Deutschlands dabei gehen“, erklärt die Pädagogin weiter. Seit 2013 trägt die Freie Schule den Titel „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ – Flucht und Migration sind daher auch thematische Schwerpunkte der Güstrower Bildungseinrichtung.

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erstellt am 13.Okt.2016 | 05:00 Uhr

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