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Güstrower Anzeiger

04. Dezember 2016 | 02:59 Uhr

100 Jahre Mitropa – Erinnerungen : Süppchen für den Bundeskanzler

vom
Aus der Redaktion des Güstrower Anzeiger

Helmut Schmidt am 13. Dezember 1981 in Güstrow als Gast von Stasi-Vertrauten bedient

Der 100. Jahrestag der Gründung der Mitropa vor einer Woche lässt Reinhard Linda in Erinnerungen schwelgen. Ganz besonders erinnert sich der ehemalige Leiter der Güstrower Bahnhofsgastronomie in diesem Zusammenhang an ein prägendes Ereignis für Güstrow vor 35 Jahren: das deutsch-deutsche Gipfeltreffen mit seinem privaten Abstecher in die Barlachstadt.

Helmut Schmidt war zweifelsohne der berühmteste Gast in der Güstrower Mitropa. Für den Bundeskanzler wurde die Lokalität sogar extra mit Teppichen ausgelegt. Denn Schmidt schlürfte dort nach dem Besuch der Barlachstadt in den Abendstunden des 13. Dezember 1981 ein Süppchen, bevor er von SED-Chef Erich Honecker auf dem Bahnsteig 1 verabschiedet wurde. Bedient wurde er allerdings nicht von Mitropa-Mitarbeitern. „Die wurden am 12. und 13. Dezember über Nacht und ohne Begründung von ihrer Arbeit freigestellt. Ihre Posten nahmen von der Stasi ausgesuchte Leute ein“, erzählt Reinhard Linda, damals Betriebsleiter der Mitropa in Güstrow und Bützow. Auch der heute 64-Jährige, der von 1975 bis 1989 dort arbeitete, durfte erst wieder am 14. Dezember „seine“ Mitropa betreten.

Das ist Reinhard Linda natürlich besonders in Erinnerung. Aus Erzählungen seiner Vorgänger weiß er auch, dass Ernst Barlach regelmäßig in die Mitropa kam, um hier seinen Kaffee zu trinken, oft in Begleitung von Marga Böhmer, seiner Lebensgefährtin. „Am Alltag sollten die 70 Mitarbeiter natürlich vor allem für die Reisenden im Einsatz sein. Diese Anordnung konnte jedoch nicht umgesetzt werden, da die Mitropa ein zentraler Treffpunkt für die Einheimischen, um ihr Bier und ihren Köm zu trinken, Kaffee und Kuchen zu genießen oder etwas Deftiges zu essen“, erinnert sich Linda. Die Bedienung sei auch eine Art Klagemauer gewesen, die sich täglich die Probleme und Sorgen der Gäste anhören musste, so der Güstrower.

Geöffnet war die Mitropa von 6 bis 22 Uhr. Ab 22 Uhr wurde der Wartesaal bewirtschaftet. Viele Nachtschwärmer nutzten dort nach Tanzveranstaltungen die Versorgung, um eine kräftige Brühe mit Ei oder Kassler mit Kartoffelsalat zu essen. Reinhard Linda kennt noch heute die beliebtesten Speisen und Getränke und ihre Preise: Bauernfrühstück (2,40 Mark), Roulade mit Rotkohl und Kartoffeln (3,80 Mark), Soljanka (1,10 Mark), Bier (51 Pfennig), Deutscher Weinbrand (1,20 Mark), Brause (20 Pfennig).

„Die Mitropa war aber nicht nur das gemütliche Wohnzimmer von Güstrow, sondern hier gab es auch schon mal einen Satz heiße Ohren, wenn der Alkoholpegel überschritten war.“ Das erlebte Linda oft genug. Sehr beliebt war der Außer-Haus-Verkauf. Täglich gingen kalte und warme Platten über die Küchentheke oder wurden den Kunden geliefert. Die Mitropa und ihre Gäste profitierten dabei von Sonderkontingenten. „Darunter waren ungarische Salami, ungarische Knacker, Champignons in Dosen, Rumpsteak und Schildkrötensuppe“, zählt der Ex-Mitropa-Chef auf. Am 1. Mai, dem Kampftag der Arbeiterklasse, wussten die Güstrower, dass es in der Mitropa immer tschechisches Budweiser-Bier gab, ansonsten „Bückware“, also unterm Ladentisch und nur mit Beziehungen zu haben.

Es gab aber auch Zeiten, in denen Sonderkontingente nichts nützten, weil ganz einfach unzureichend Ware vorhanden war. Linda: „Hinzu kamen irrsinnige staatliche Anweisungen, z.B. in der Zeit als der Kaffee knapp war. Sämtliche Kännchen wurden aus dem Bestand genommen und es durften nur Tassen mit Kaffee verkauft werden.“ Das sei natürlich Schwachsinn gewesen, weil die Gäste sich dann zwei Tassen statt eines Kännchens bestellten“, erzählt Linda kopfschüttelnd. Schlimm war auch der Bierausschank. Das Bier lief in Strömen, aber es gab keine Kühlung. Linda: „Warmes Bier und kalter Schnaps. Aber trotzdem liefen schon mal vier Hektoliter am Tag durch die warme Bierleitung.“

Der strenge Winter 1978/79 stellte auch die Mitropa in Güstrow auf die Probe ihrer Belastbarkeit. „Es gab die staatliche Anweisung, alle Reisenden kostenlos mit warmen Getränken und Decken zu versorgen. Reisende saßen bis zu zwei Tage in der Mitropa fest. Alles klappte sehr gut“, was Linda trotz vieler Versorgungsengpässe auf die hohe Motivation der Belegschaft zurückführt.







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