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Güstrower Anzeiger

08. Dezember 2016 | 01:15 Uhr

Sensation in Güstrow : Brisanter Fund im Hexenhaus

vom
Aus der Redaktion des Güstrower Anzeiger

Dokumente führender NS-Kunsthändler am Güstrower Inselsee aufgetaucht. Briefe geben Auskunft über Handel mit „entarteter Kunst“.

Überraschender und brisanter Fund am Inselsee: Bei Abrissarbeiten des so genannten Hexenhauses an Güstrows beliebtester Badestelle kamen jetzt – versteckt unter der Terrasse – zahlreiche Schriftstücke der beiden führenden Kunsthändler im nationalsozialistischen Deutschland zum Vorschein: Bernhard A. Böhmer (1892 bis 1945) und Hildebrand Gurlitt (1895 bis 1956). Beide pflegten Kontakte zu ranghohen Nazis wie Joseph Goebbels und waren am NS-Kunstraub und maßgeblich am Handel mit als „entartet“ diffamierter Kunst beteiligt. Kunsthistoriker Dr. Volker Probst, Geschäftsführer der Ernst-Barlach-Stiftung Güstrow mit Sitz am Inselsee, spricht bereits vom „Güstrower Fund“. „Dieser Fund kommt völlig unerwartet. Plötzlich tauchen unmittelbar neben der Wirkungsstätte Ernst Barlachs Dokumente auf, die mit den Kernfragen unserer Einrichtung zu tun haben. Das ist sehr bedeutend“, sagt er.


Seit 70 Jahren unter Veranda versteckt


Probst hat drei flache Pappkartons vor sich, voll mit Papieren, mehrseitigen Schriftstücken sowie Fotos von Kunstwerken. Vieles verschmutzt, nur Bruchstücke, fragile Fragmente – immerhin lagen die Dokumente seit mehr als 70 Jahren versteckt in einem Postsack unter der Veranda des Hexenhauses. Aber vier Briefe aus den Jahren 1943/44 von Gurlitt an Böhmer, der seit 1924 in Güstrow lebte und eine enge Beziehung zu dem 1938 gestorbenen Bildhauer Ernst Barlach hatte, sind gut zu entziffern. „Die Schriftstücke sind ein Indiz dafür, dass es sich um den Komplex ,Entartete Kunst’ handelt“, sagt Probst.


Lukrativer Handel mit „entarteter Kunst“


Darin will Gurlitt von Böhmer zwei Barlach-Plastiken – „Vergnügtes Einbein“ und „Spaziergänger“ – kaufen. Nach eigenem Bekunden für sich persönlich. „Aber das glaube ich nicht“, schätzt Probst ein. „Gurlitt ist Kunsthändler und will die Werke natürlich weiterverkaufen.“ Hier wird mitten im Dritten Reich mit „entarteter Kunst“ gehandelt, denn Barlachs Gesamtwerk war von den Nationalsozialisten als „entartet“ eingestuft. Zudem fordert Gurlitt Böhmer in den Briefen, in die unsere Zeitung Einblick hatte, eindringlich dazu auf, endlich für einige Gemälde zu bezahlen. Der Kunstmäzen und Millionär Böhmer hatte offenbar eine schlechte Zahlungsmoral.

Für Volker Probst steht fest: „Dieser Güstrower Fund gibt zu einigen Fragen über die Beziehung Böhmer/Gurlitt in der NS-Zeit Auskunft.“ Er erwartet neue, ergänzende Erkenntnisse und die Beantwortung bisher ungeklärter Fragen. Doch dazu müssten die Papiere zunächst in Ruhe gesichtet, geordnet und ausgewertet werden. Das will Probst noch in diesem Jahr bewerkstelligen und zudem Kontakt mit der Forschungsstelle „Entartete Kunst“ der Freien Universität Berlin aufnehmen. „Da müssen Fachleute ran“, sagt er.


„Ebenso sehr mein guter wie mein böser Engel“


Bernhard A. Böhmer ist eine widersprüchliche Figur im NS-Kunstbetrieb. Zusammen mit Gurlitt, bei dessen Sohn Cornelius im Jahr 2012 Hunderte Kunstwerke aus der Sammlung seines Vaters beschlagnahmt wurden, war er einer von nur vier Kunsthändlern, die im Auftrag der Nazis „entartete Kunst“ ins Ausland zwecks Devisenbeschaffung verkaufen durften. Böhmer wohnte mit seiner Familie in Güstrow direkt neben dem Hexenhaus, im Atelierhaus am Inselsee. Hier nahm er auch den Bildhauer Barlach auf und richtete ihm im Erdgeschoss ein Atelier ein. „Böhmer war ein sehr wohlhabender Mann. Er hat sich am Handel mit ,entarteter Kunst’ bereichert“, stellt der Geschäftsführer der Barlachstiftung fest. „Auf der anderen Seite hat er auch viel für die Rettung der Kunstwerke Barlachs vor der Vernichtung getan. Ihm ist es zu verdanken, dass Barlachs Werke noch heute im öffentlichen Raum stehen.“ Barlach und Böhmer hätten eine Zweckgemeinschaft gehabt. Barlach selbst nannte ihn „ebenso sehr mein guter wie mein böser Engel“. Böhmer sei ein großer Bewunderer von Barlachs Kunst gewesen, habe aber als Vermarkter seiner Werke auch sehr gut an Barlach verdient, so Probst. Beim Einmarsch der Roten Armee beging Böhmer mit seiner Frau in Güstrow Selbstmord.


Dokumente vor Russen gerettet?


Entdeckt hat den Güstrower Fund Erich-Alexander Hinz, Inhaber des Hotels „Kurhaus am Inselsee“. Er hatte das Grundstück mit dem seit Jahrzehnten leerstehenden und maroden Hexenhaus vor kurzem erworben und das Holzhaus abreißen lassen. „Dabei tauchten unter der Veranda die alten Reichspostsäcke auf, die ich dann der Barlachstiftung übergeben habe“, schildert er. Hinz hat seine eigene Version von dem Fund: Das Hexenhaus habe im Dritten Reich Heinrich Schippmann gehört, damals Postamtsleiter in Güstrow. Der sei als Nachbar nicht nur gut mit Barlach, sondern auch mit Böhmer bekannt gewesen. So habe Barlach mit Schippmann auf dessen Veranda oft „Türkenblut“ getrunken, Rotwein mit Sekt. „Ich vermute, dass Schippmann nach dem Selbstmord von Böhmer zu ihm rübergegangen ist, seinen Schreibtisch wahllos abgeräumt und alles in Postsäcke gesteckt hat, damit die Dokumente nicht in die Hände der Russen fallen“, sagt Hinz. Dann habe er alles unter der Veranda seines Hauses versteckt.

 

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erstellt am 16.Okt.2016 | 21:00 Uhr

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