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Gadebusch-Rehnaer Zeitung

25. März 2017 | 06:50 Uhr

Klützer Kaffeebrenner : Renaissance auf schmaler Spur

vom
Aus der Redaktion der Gadebusch-Rehnaer Zeitung

Touristen und Einheimische entdecken im Landkreis Nordwestmecklenburg die Langsamkeit

Der historische „Kaffeebrenner“ geht als Schmalspurbahn seit einem Jahr wieder auf Fahrt. Auf der kurzen Strecke im Klützer Winkel gilt Tempo 20. Touristen und Einheimische entdecken die Langsamkeit.

Mit schrillem Pfeifton und dichtem Qualm kündigt sich der „Lütt Kaffeebrenner“ an. Vor einem Jahr wurde die historische Bahn im Klützer Winkel nahe der Wismarbucht wiederbelebt. Der Zug macht das Trio von Kleinbahnen in Mecklenburg-Vorpommern komplett. Neben dem „Rasenden Roland“ auf der Insel Rügen und dem „Molli“ zwischen Bad Doberan und Kühlungsborn ist die Schmalspurstrecke im Westen die dritte ihrer Art im Land.

Anlässlich des ersten Geburtstages wurde die Klützer Kleinbahn zum Sommeranfang am Wochenende von einem uralten Dampfross gezogen. Extra zum Jubiläum hatte die polnische Staatsbahn eine 20 Tonnen schwere, Steinkohle beheizte Schlepptenderlokomotive „Px 38-805“ aus dem Baujahr 1939 per Tieflader nach Mecklenburg geschickt, samt Maschinist Lescek Musial und Lokführer Slawomir Mistkiewicz.

Die schwarze Lok fährt sonst im Schmalspurbahn-Museum Wenecja bei Znin und dampfte jetzt erstmals im idyllischen Klützer Winkel. Eine bahntechnische Wiedervereinigung sozusagen, denn auch im Regelverkehr rollt der „Kaffeebrenner“ mit originalen, rund hundert Jahre alten Waggons der früheren „Zniner Kreisbahn“. Am heutigen Montag sind noch vier Touren mit dem polnischen Dampfzug geplant.

Nur zu besonderen Anlässen fährt der „Kaffeebrenner“ unter Dampf, im Normalverkehr wird er von Dieselloks gezogen. Dabei bringe es der Zug mit seinen offenen Wagen auf der gerade einmal sechs Kilometer langen Strecke zwischen Klütz und Reppenhagen nur auf gemütliche 20 Stundenkilometer, erklärt Bahnunternehmer Ludger Guttwein. „Sinn ist nicht, von A nach B zu fahren, sondern nur der Spaß an der Freude.“ Die historischen Waggons würden ordentlich schaukeln und klappern. „Holzklasse eben, Kleinbahnromantik wie vor hundert Jahren.“

Die Bahnstrecke in Nordwestmecklenburg hat eine bewegte Geschichte. Am 6. Juni 1905 als „Großherzoglich-Mecklenburgische Friedrich-Franz-Eisenbahn“ eröffnet, diente der Zug zunächst dem Transport von Getreide zu den Mühlen, die das Korn auch zu Malzkaffee verarbeiteten. Bald wurde die Bahn im Volksmund „Kaffeebrenner“ genannt. Ab den 1920ern nutzten Ausflügler die Verbindung im Binnenland.1995 stellte die Deutsche Bahn AG die Strecke ein. Auch später als privater Touristenzug auf der Regelspur hatte es der „Kaffeebrenner“ auf den ursprünglichen 16 Kilometern zwischen Klütz und Grevesmühlen schwer. 2005 standen alle Signale auf Rot. Die verschlissenen Schienen wurden abgerissen, eine Erneuerung konnte niemand bezahlen.

Guttwein, alleiniger Vorstand der Stiftung Deutsche Kleinbahnen und Chef der Deutschen Privatbahn GmbH (Hameln/Niedersachsen), investierte rund zwei Millionen Euro in die Renaissance der Teilstrecke und ließ 600 Millimeter breite Schmalspur-Schienen verlegen. Restauriert wurden auch der historische Bahnhof, der Lokschuppen und die denkmalgeschützte, manuell betriebene Segmentdrehscheibe für das Bewegen tonnenschwerer Lokomotiven.

„Wir sind aus Lübeck extra angereist, das nächste Mal bringen wir die Enkel mit“, sagen die Oldtimerfans Karin und Hans-Joachim Nehring. Auch der achtjährige Florian aus Uelzen (Niedersachsen), der mit Bruder und Eltern einen Kurzurlaub an der nahen Ostsee verbringt, meint: „Die ganze Technik ist toll.“

Letzte Saison zählte der „Kaffeebrenner“ von Juni bis Oktober knapp 10 000 Fahrgäste, von April bis Mitte Juni dieses Jahres kauften schon 4400 Fans Tickets. Nicht nur Touristen entdeckten auf der neuen Schmalspur die Langsamkeit, sondern auch zunehmend die Bewohner der Region, sagt Initiator Ludger Guttwein. „Der lütt Kaffeebrenner ist halt kein normales Verkehrsmittel, sondern ein Exot im Hinterland der Ostseeküste.“

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