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Gadebusch-Rehnaer Zeitung

04. Dezember 2016 | 02:52 Uhr

Historische Akten : Gadebusch kauft den König frei

vom
Aus der Redaktion der Gadebusch-Rehnaer Zeitung

Dokumente aus 800 Jahren Stadtgeschichte neu entdeckt. Schüler des Gymnasiums übersetzen lateinische Schriften

Ein schwedischer König in Gefangenschaft und klamme Kassen bei den Edelleuten – um das Jahr 1391 war auch der Adel durchaus von Geldnot gezeichnet. Eine Zeit, in der die Stadt Gadebusch aber anscheinend finanziell gut aufgestellt war. Während der Stadt heute die Taler für die Aufstellung eines „Throns“ am Busbahnhof fehlen, finanzierte die Kommune in damaliger Zeit kurzerhand die Freilassung von Schwedens König Albrecht von Mecklenburg und Schweden aus der Gefangenschaft. Dafür gab es 1391 ein Dankesschreiben aus der Hansestadt Wismar und reichlich neue Privilegien. „Es gibt sogar Anhaltspunkte, dass unsere Stadt die älteste von Mecklenburg sein könnte“, meint der Gadebuscher Klaus Leuchtemann.

Auskunft über solche Begebenheiten und Anreiz zur geschichtlichen Aufarbeitung geben die jetzt wiederentdeckten historischen Stadturkunden, die Leuchtemann gemeinsam mit Gerhard Schotte und dem Historiker Dr. phil. Andreas Röpcke aufarbeiten.

„Kaum zu glauben, aber hier liegen 800 Jahre Stadtgeschichte auf dem Tisch“, sagt Leuchtemann. Seine hochmoderne Lampe inklusive Digitalkamera bietet perfektes Licht zum Lesen der auf Pergament geschriebenen Dokumente. Sie seien so gut erhalten, dass nur ausgesuchte in die Werkstatt eines Leipziger Buchrestaurators gehen. Dass einzelne Schriftstücke lediglich geringe Fraßspuren von Mäusen aufwiesen, ist beinah ein Wunder. Denn in Gadebusch schienen die Dokumente längst in Vergessenheit geraten, lagen nach der letzten Sichtung in den 20er und 40er Jahren bis vor der Wende in einer alten Truhe in der Kämmerei des Rathauses.

„Über deren Existenz erhielten wir im Landesarchiv Schwerin beim Lesen der Urkundenbücher von 1871 Hinweise. Statt historischer Fotos fanden wir konkrete Anhaltspunkte für die Unterlagen“, sagt Leuchtemann. In den Tiefen des Gadebuscher Archivs fanden sich kurz darauf bislang nicht beachtete Metallkisten. Ihr Inhalt: Teils unbewertete Urkunden mit lateinischen Schriftzeichen. Darunter das älteste vorhandene Schriftstück über die Stadtrechte aus dem Jahre 1271.

Der Schweriner Historiker Dr. phil. Andreas Röpcke brachte nun Licht ins Dunkel. „Er kam mehrfach vor Ort, deutet die Aufzeichnungen und eine sich über die Jahrhunderte verändernde Schrift“, sagt Leuchtemann. Im Ergebnis wurde deutlich, dass Gadebusch bereits vor dem Freikauf des Königs mit Privilegien zum Handeln und der Rechtsprechung ausgestattet war. „Darin entdeckte Siegel geben aus unserer Sicht Hinweise darauf, dass Gadebusch sogar älter als 800 Jahre sein könnte“, so Leuchtemann. Ihm sei bewusst: Der „neue Schatz“ dürfe nicht erneut in der Versenkung verschwinden. Gadebuscher Gymnasiasten übersetzen im Lateinunterricht nun die Dokumente. „Geschichtsunterricht zum Anfassen“, meint Leuchtemann und begrüßt die Kooperationsmöglichkeiten.

Für Schotte, Röpcke und Leuchtemann geht die kleinteilige Forschungsarbeit weiter. Sämtliche Dokumente erhalten eine säurefreie Schutzverpackung. Gibt es möglicherweise noch Fördergelder von öffentlichen Stellen, erhalten das Handwerksbuch von 1609 bis 1739, das Stadtbuch über das Armenhaus von 1614 eine Auffrischung. Voraussichtlich in 2017 erhalten die Unterlagen bei einer geplanten Fachkonferenz eine Bewertung und die Stadt Gadebusch die Möglichkeit, mit den Unterlagen ihre Geschichte und den historischen Stadtrundgang um zahlreiche Bilder und Fakten zu bereichern.

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erstellt am 19.Okt.2016 | 05:00 Uhr

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