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Gadebusch-Rehnaer Zeitung

26. September 2016 | 19:20 Uhr

Nordwestkreis : Flüchtlinge: Landrätin in Not

vom
Aus der Redaktion der Gadebusch-Rehnaer Zeitung

Wismars Bürgermeister Thomas Beyer wirft der Verwaltungsspitze vor, sich um anerkannte Asylbewerber nicht mehr zu kümmern

Böse Überraschung für Kerstin Weiss (SPD). Die Landrätin des Nordwestkreises musste in der Kreistagssitzung vom Donnerstagabend in Wismar schwere Vorwürfe über sich ergehen lassen. Absender war mit Thomas Beyer ausgerechnet ein Genosse aus den eigenen Reihen. „Mit ihren Aussagen zur Flüchtlingssituation wird suggeriert, dass sich einiges entspannen würde und  alles paletti wäre. Dem ist nicht so!“

Der Wismarer Bürgermeister wirft der Verwaltungschefin und ihrer 2. Stellvertreterin Karla Krüger verantwortungsloses Handeln vor, das dazu führe, dass anerkannte Asylbewerber in die Obdachlosigkeit getrieben werden. In Wismar zentral untergebrachte  Asylbewerber dürfen nach dem Erhalt ihres Aufenthaltstitels noch bis zu drei Monaten diese Unterkünfte bewohnen, müssen die Zeit aber nutzen, sich um eigenen Wohnraum zu kümmern. „Der Landkreis muss sie dabei unterstützen. Und genau das tut er nicht“, sagt Thomas Beyer und sieht seine Stadt mit dem Problem bewusst allein gelassen. Beyers Forderung  an Karla Krüger und Kerstin Weiss: „Steuern und koordinieren Sie, fühlen Sie sich verantwortlich!“

Wenn anerkannte Asylbewerber in ihrem Wohnort keine Wohnung finden, werden sie obdachlos. Und für Obdachlose ist nun mal diejenige Gemeinde zuständig, in der diese gemeldet sind. Der Landkreis ist dann aus der Pflicht und fein raus. Woanders hinziehen dürfen diese Asylbewerber aber auch nicht, da sie wegen der sogenannten Residenzpflicht drei Jahre in dem Ort leben müssen, in dem sie zum Zeitpunkt ihrer Anerkennung gemeldet waren.

„Wenn wir aber keinen Wohnraum zur Verfügung haben, müssten wir für diese Leute Pensionen oder Hotels suchen, wir dürfen Obdachlose nicht in Sporthallen unterbringen“, malt Michael Berkhahn (CDU) ein Szenario, dass der 1. Stellvertreter des Wismarer Bürgermeisters nicht erleben möchte. Denn die Kosten dafür müsste wiederum das Jobcenter übernehmen. Und spätestens dann fürchte er um den sozialen Frieden in der Kreisstadt.

Über einen ähnlich gelagerten Fall berichteten wir in unserer Ausgabe vom 21. September. Hier stand der syrische Asylbewerber Malek Al Karki plötzlich vor seiner geräumten Wohnung in Kirch Grambow, von seinem persönlichen Hab und Gut keine Spur. Den Auftrag dazu hatte der Landkreis gegeben. „Warum kümmerte sich keiner der zuständigen Sozialarbeiter um eine neue Bleibe?“, fragt Dirk Endrulat vom Verein Kastanienhof Bülow, der sich um den 26-Jährigen  kümmert.

Nach Veröffentlichung unseres Artikels ist zumindest in diese Geschichte etwas Bewegung gekommen. „Seine Sachen hat er noch nicht zurück. Aber das Jobcenter hat zugesagt, ihn jetzt zu unterstützen“, freut sich Dirk Endrulat. So soll der Syrer eine Erstausstattung für eine Wohnung und auch Geld für Kleidung  bekommen. Der Landkreis sei jetzt sehr bemüht um eine Schadensbegrenzung, so der Bülower.

Wie allerdings der Konflikt zwischen der Hansestadt Wismar und der Verwaltung des Nordwestkreises ausgehen wird, ist offen. Kurz vor Redaktionsschluss erreichte uns dazu noch eine Nachricht von Kerstin Weiss.  Darin weist sie Beyers Kritik entschieden zurück. „Der Streit, den es bisher so nicht gegeben hat, hat sich an den Flüchtlingen entzündet, die  zum 1. Oktober die Unterkünfte verlassen müssen. Es wurde hier für fast alle eine Unterkunft gefunden. Und für die wenigen, für die das noch aussteht, habe ich Herrn Beyer in einem Gespräch am Dienstag zugesichert, dass wir auch hier eine Lösung  finden werden. Wir haben ja noch ein paar Tage Zeit.  Herr Beyer und ich haben uns diese Woche am Montag, am Dienstag und am Mittwoch gesehen. Also jeden Tag vor der Kreistagssitzung. Dass er die Situation so empfindet, dass er vor den Kreistag treten muss, hat er mit keiner Silbe erwähnt. Ich halte sein Vorgehen für keinen guten Stil“, so die Landrätin.

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erstellt am 23.Sep.2016 | 21:00 Uhr

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