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Gadebusch-Rehnaer Zeitung

10. Dezember 2016 | 02:04 Uhr

Klartext in Gadebusch : Extremismus-Experte nimmt Politiker in die Pflicht

vom
Aus der Redaktion der Gadebusch-Rehnaer Zeitung

David Begrich: Immer mehr Menschen haben das Gefühl, dass Abgeordnete nicht mehr auf Probleme eingehen

Haben es Politiker etablierter Parteien verlernt, Menschen zuzuhören? Ja, meint David Begrich. Der Rechtsextremismus-Experte ist Geschäftsführer des Vereins Miteinander aus Magdeburg. Am Wochenende nahm er in Gadebusch unter dem Dach der Kirchengemeinde an einem Männerbrunch teil. Dort warnte er vor einem Auseinanderbrechen der Gesellschaft, skizzierte Bruchlinien und forderte das Ende von Entmutigungs-Programmen.

„Viele Menschen haben den Eindruck, dass die Landespolitiker – ob nun in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern oder Brandenburg – nicht mehr zuhören, die Sprache der Menschen nicht mehr sprechen und auf die Probleme nicht mehr eingehen.“ Diese Bruchlinie, sei sehr viel tiefer, als manche, die sich mit der Tagespolitik beschäftigen, wahrhaben wollten. Das führe zu einer Politikverdrossenheit und zu einer Politikabstinenz mit einem großen Nicht-Wähler-Reservoire. Die Folge: „Genau diejenigen, die bei den vorletzten Wahl noch gesagt haben, das bringt überhaupt nichts zur Wahl zu gehen, sind jetzt von der AfD mobilisiert und sozusagen zur Wahlurne geführt worden“, verdeutlicht Begrich. Sein Appell: „Die Gesellschaft und auch die etablierten Parteien sollten so schnell wie möglich von dem hohen Ross der moralischen Überlegenheit gegenüber der AfD heruntersteigen und mit der inhaltlichen Auseinandersetzung beginnen.“

Eine zweite, soziale Bruchlinie sieht Begrich zwischen denjenigen, die immer mehr arbeiten und noch flexibler sein sollen und denjenigen, die sich abgehängt und ausgeschlossen fühlen. Diese Bruchlinie sei lange unter der Wasseroberfläche der Wahrnehmung geblieben – bis die „Flüchtlingskrise“ kam. Leute würden nun die Erfahrung machen, dass für sie scheinbar kein Geld da sein – wohl aber für Flüchtlinge. Daraus sei eine Art Brandbeschleuniger für zahlreiche Angriffe auf Geflüchtete und Flüchtlingsunterkünfte geworden.

Bruchlinie Nummer drei sieht Begrich in der Kommunikation. Für ihn stelle sich die Frage, ob die Kommunikation in der Gesellschaft zwischen Politik und vielen Menschen auf der Straße nicht inzwischen gestört oder gar abgebrochen sei. Dies könne zu einer Gefahr für jede Demokratie werden, wenn Leute meinten, es habe keinen Zweck, sich an der gesellschaftlichen Diskussion um die Zukunft des Landes zu beteiligen. Wenn sie sich dann auch noch in Paralell-Öffentlichkeiten begeben, bekämen sie mitunter nur noch ihre eigene Meinung bestätigt – ohne kontrafaktische Einsprüche.

Begrichs Forderung: „Wenn Politiker erwarten, dass Menschen sich für dieses Land, für Demokratie einsetzen und sich engagieren für den Zusammenhalt in der Gesellschaft, dann dürfen Politiker es nicht an Ermutigung fehlen lassen. Sie müssen auch damit aufhören, Entmutigungs-Programme voran zu treiben und den Leuten den Eindruck zu vermitteln, man könne nichts tun.“ Es komme vielmehr darauf an, wieder in einen gesellschaftlichen Diskurs einzusteigen, der Zusammenhalt ermögliche und Solidarisierungseffekte hervorrufe.

 

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erstellt am 07.Nov.2016 | 05:00 Uhr

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