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Gadebusch-Rehnaer Zeitung

09. Dezember 2016 | 04:57 Uhr

Wendezeit : „Die Menschen hatten Angst“

vom
Aus der Redaktion der Gadebusch-Rehnaer Zeitung

Ulrich Rudolph spricht im SVZ-Interview über sein Veröffentlichungs-Verbot, die Wendezeit und Demonstrationen

Er brachte die Mauer mit zum Einsturz: der Künstler und Galerist Ulrich Rudolph. Der heute 62-Jährige war im Kreis Gadebusch eine treibende Kraft. Er und seine Mitstreiter riefen 1989 zu einer Demo mit 3500 Teilnehmern auf. SVZ-Redakteur Michael Schmidt suchte Ulrich Rudolph in Testorf auf und sprach mit ihm über Ziele, Visionen und Enttäuschungen.

Herr Rudolph, wann war für Sie der Zeitpunkt erreicht, sich gegen das System aufzulehnen?
Das erste Mal richtig revoltiert habe ich 1976, als Wolf Biermann ausgewiesen wurde. Damals war ich Student in Berlin und habe bei studentischen Zusammenkünften in der Humboldt-Universität mächtig gewettert. Um ein Haar wäre ich als „ideologisch nicht tragbar“ der Uni verwiesen worden, wenn mich meine Dozenten und Mentoren nicht gedeckt hätten.
Auch später in meinem Beruf als Kunstwissenschaftler habe ich jede Gelegenheit genutzt, um mein Missfallen gegen die Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit und Reisefreiheit zu artikulieren. Das hat mir allerdings auch erhebliche Probleme bereitet, wie z.B. ein Veröffentlichungsverbot zwischen 1982 und 1986, einer der Gründe, 1983 von Berlin nach Mecklenburg „auszuwandern“.
Was machten Sie im Jahr des Mauerfalls?
Als zum Beispiel der Aufruf des Neuen Forums bekannt wurde, bin ich von Mecklenburg aus sofort in das Berliner Atelier von Bärbel Bohley gefahren, habe den Aufruf unterzeichnet, ihn mitgenommen, mit etwas vorsintflutartiger Technik vervielfältigt und bei uns hier verbreitet.
Zu der Handvoll Leute, die ich im September im Altkreis Gadebusch gewinnen konnte, diesen Aufruf zu unterstützen, gehörten in Carlow Holger und Regine Marquardt, er war damals dort Pastor und sie Katechetin, dann noch Christa Seidenstücker, Ina und Thomas Töllner sowie Albrecht Weiske und Elvi Thiele. Mit ihrer Hilfe beantragte ich die Zulassung einer eigenen politischen Vereinigung namens Medium Nordwest bei den Behörden des Kreises.
Die Frage mag banal klingen, wie knüpften Sie Kontakte, organisierten Sie Zusammenkünfte oder Demos, obwohl es – auch damals – keine abhörsicheren Telefonate gab?
Ich war eh der Überzeugung, dass ich immer beobachtet werde und keine Chance hätte, etwas Konspiratives zu organisieren, ohne dass die Firma (Stasi/Anm.d.R.) davon Wind bekommen würde. Deshalb sagte ich meine Meinung grundsätzlich offen und auch öffentlich, ignorierte weitestgehend die staatliche Überwachung und tat nicht so, als ob ich mich heimlich umstürzlerisch betätige. Das hat mich vielleicht teilweise auch geschützt. Um zur Frage zurückzukehren: Ich war sehr viel mit meinem Trabi, einem Kombi, unterwegs und besuchte die Menschen, um sie einzuladen, Telefon hatte ich eh keins…
Wie reagierten Ihre Freunde auf Ihre Aktivitäten?
Na ja. Ich hatte damals zum Beispiel 30 Leute aus dem Altkreis Gadebusch in mein Haus nach Bülow eingeladen. Etwa 20 waren nur erschienen. Als sie sich dann in eine Liste zur Unterstützung des noch verbotenen Neuen Forums eintragen sollten, waren alle bis auf zwei, drei Leute total entsetzt. Ich schaffte es zu meiner eigenen Verblüffung nicht, wenigstens diese 20 Leute zum Unterschreiben des Aufrufs zu bewegen. Sie hatten sich regelrecht gewunden, gedreht, gewendet, gewinselt: „Die Stasi ist doch dabei, die Stasi!“.

Ein Vorwurf war, dass ich sie mit in den Schlamassel hinein ziehen würde und sie als Dissidenten verhaftet werden könnten. Sie hatten Angst.
Welche Konsequenzen gab es für Sie?
Die Abteilung Inneres lud mich beim Rat des Kreises in Gadebusch vor. Dort standen mir dann drei, vier Offiziere gegenüber. Sie gaben mir zu verstehen, dass ich „meine unangemeldete, nicht erlaubte, politische Tätigkeit“ sofort einstellen müsste. Andernfalls hätte ich mit „entsprechenden Konsequenzen“ zu rechnen. Mir wurde schnell klar, dass sie über das Treffen in meinem Haus in Bülow bestens Bescheid wussten.
Um diese „unerlaubte Tätigkeit“ zu beenden, erarbeitete ich noch am selben Tag das Statut für die schon erwähnte Kreisvereinigung Medium Nordwest und beantragte die Zulassung. Das zog sich dann zwei Wochen hin und seine Kreise bis in die Akten der Stasi-Zentrale in Berlin. Verhaftet hat man mich nicht.
Welche Ziele hatten Sie?
Wir wollten die DDR wirklich demokratisieren. Mein größtes persönliches Ziel war, dafür zu sorgen, dass dabei Nichts gewaltsam eskalierte. Ich glaubte daran, dass sich das friedlich lösen lässt, so wie ich schon 1983 bei meinem Weggang von Berlin hierher nach Mecklenburg daran glaubte, vielleicht zehn Jahre später mitten in Deutschland leben zu können.
Sie haben den Mauerfall also vorhergesehen?
Ja, aber nicht, dass er sich auf diese Weise vollziehen würde. Ich hatte darauf hingearbeitet, zunächst im Osten unsere eigene Gesellschaft zu verbessern und wirklich demokratische Verhältnisse zu schaffen.
Sie und weitere, bereits erwähnte Mitstreiter hatten wenige Tage vor dem Mauerfall zu einer Demo in Gadebusch aufgerufen. Was dachten Sie, als 3500 Menschen zu der Demo kamen?
Es war ein großartiges Erlebnis! Es war aber auch das erste Mal, dass ich ganz persönlich mit meinem Namen dafür gerade stehen musste, wenn etwas schief gehen würde. Diese Verantwortung spürte ich.
Noch vor der Demo hatte ich deshalb von einer Telefonzelle aus den Gadebuscher Stasi-Chef angerufen und um ein persönliches Gespräch gebeten. Es war „herrlich“, denn so kam ich zum ersten Mal in eine Stasi-Dienststelle.
Es war herrlich?
Natürlich war es das nicht, es war erwartungsgemäß deprimierend. Der Gadebuscher Stasi-Chef bat mich nicht etwa in sein Büro, sondern ich musste unten in einem gruseligen Foyer-Raum mein Anliegen vortragen. Daraufhin wies ich auf unseren Flugblatt-Aufruf zur Demo hin, die ich bei den Behörden und auch bei der Polizei bereits „angemeldet“ hatte, und sagte sinngemäß, dass auch die Stasi dafür zu sorgen habe, dass es keinerlei Provokationen gebe. Um ein Haar wäre es nämlich zuvor in Schwerin zur Eskalation gekommen. Dort war eine Gegendemonstration mit angeblich „Linientreuen“ geplant. Man karrte dafür Leute mit Bus und Bahn nach Schwerin, hetzte Menschen gegeneinander auf – das Dümmste, was man tun kann. Zum Glück schlossen sich viele von denen der Demonstration des Neuen Forums an. Die ganze Sache war nicht mehr aufzuhalten.
Welcher Vision wurden Sie nach dem Mauerfall als Erstes beraubt?
Dass das Prinzip der Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit in die Politik zu überführen ist. Nachdem unsere aktive Truppe die Kommunalwahl im Kreis Gadebusch gewonnen hatte, für die ich als möglicher Landrat kandidierte, folgten prompt Versuche (m)eines Rufmords: Über mich wurden in übelster Stasi-Manier abstruse Lügen verbreitet, die ich zwar enttarnen und sogar per Gerichtsbeschluss öffentlich widerlegen konnte. Das Ganze hat mich aber grenzenlos schockiert, dabei vor allem meine angebliche Naivität, nicht zu wissen, dass solche Praktiken zur Normalität politischer Praxis gehören.

Solches konnte ich nicht und niemals akzeptieren, wohl weil ich ja ein Mann der Kultur war und bin. So beschloss ich für mich, dass ich mit Menschen, denen jedes Mittel recht ist, nichts mehr zu tun haben wollte und damit jedes Streben in eine wie auch immer geartete politische „Karriere“ für mich ausschied. Erhalten habe ich mir aber meinen Stolz auf das, was ich im politischen Sinne in der Vergangenheit, insbesondere am Ende der DDR, getan habe und auch darauf, trotz allem ein „politischer“ Mensch geblieben zu sein.

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erstellt am 08.Nov.2014 | 00:20 Uhr

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