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Gadebusch-Rehnaer Zeitung

05. Dezember 2016 | 11:32 Uhr

Klein Thurower in Portugal : Auf den Spuren des Königs

vom
Aus der Redaktion der Gadebusch-Rehnaer Zeitung

Der Klein Thurower Andreas Lausen erfüllte sich einen Jugendtraum und wurde Fremdenführer im Palast von Mafra in Portugal

Er war noch niemals in New York und noch niemals auf Hawaii, doch dafür erfüllte sich der Klein Thurower Andreas Lausen im Alter von 63 Jahren einen Jugendtraum. Der preisgekrönte Autor plattdeutscher Geschichten und ehemalige Gadebuscher Verwaltungschef ist zudem Vorstandsmitglied der deutsch-portugiesischen Gesellschaft. Jetzt war er als Fremdenführer im Palast von Mafra in Portugal aktiv. Mit ihm sprach SVZ-Redakteur Michael Schmidt.

Herr Lausen, warum Mafra?
Andreas Lausen: Weil dieser Nationalpalast und Monumentalbau mit 1200 Räumen und fast 5000 Fenstern und Türen einzigartig ist. Außerdem befasse ich mich seit Jahren mit diesem Bauwerk und seiner Geschichte. Also bewarb ich mich als ganz normaler Fremdenführer und durfte diese ehrenamtliche Tätigkeit einen Monat lang ausüben.

Was zeigten Sie den Besuchern besonders gerne und woher kamen die Gäste?
Zum Beispiel die Bibliothek mit fast 40 000 historischen Bänden. Diese Bibliothek enthält quasi das gesamte Wissen der damaligen Zeit. Ein Teil davon war sogar vom Papst auf den Index gesetzt und in Rom sowie in Mafra aufbewahrt und unter Verschluss gehalten worden. Die damals verbotenen Bücher enthielten obszöne Inhalte – heute würde man von Pornografie sprechen – oder Abbildungen des menschlichen Körpers, die heutzutage in jedem Schulbuch für Biologie enthalten sein könnten.
Was die Besucher angeht, sie kamen aus 14 Nationen, nicht nur aus Europa, sondern auch den USA, Kanada und Neuseeland. Die Führungen bot ich in deutscher und englischer Sprache an. Zwei Mal pro Tag lotste ich die Gäste für anderthalb bis zwei Stunden durch diesen Monumentalbau. Jede Führung bedeutete zwei Kilometer Strecke zu Fuß.

Was war das Kurioseste, was Sie in Mafra erlebt haben?
Zum Beispiel diese skurrile Feststellung eines amerikanischen Gastes: Er habe gar nicht gewusst, dass es zwischen Spanien und dem Atlantik noch ein Land wie Portugal gebe.
Was mich persönlich überrascht hat, waren winzige Mauer-Öffnungen in diesem Bauwerk. Sie sind dafür da, dass auch heute noch nachts Fledermäuse in die Bibliothek gelangen können, um Bücher vor Ungeziefer zu schützen. Das war einst die Idee der Mönche, die hier mal gelebt und Fledermäuse dafür sogar gezüchtet haben.

Was ist mit Geheimgängen oder gar Folterkammern?
Nun ja, Letztere habe ich nicht entdeckt. Dafür stand ich aber vor einer Totenkammer. Hinein durfte ich zwar nicht. Aber ich weiß, dass dort die Überreste von 1500 Mönchen aufbewahrt werden. Schließlich war aus diesem ursprünglichen Klösterchen einst ein Konvent für 330 Mönche, eine Basilika und königlicher Palast geworden. Bis zu 45 000 Arbeiter waren nötig, um den Bau fertigzustellen. Der König steckte alle Steuereinnahmen aus der reichen Kolonie Brasilien in sein Vorhaben.

Wer hatte dafür den Grundstein gelegt?
Es war João V., der von 1689 bis 1750 lebte und 1706 König wurde. Nach kinderlosen Ehejahren legte er einst das Gelübde ab, ein kleines Kloster für die Franziskaner aus dem Arrábida-Gebirge zu bauen, wenn seine österreichische Gattin, Königin Maria Ana, den dringend nötigen Thronfolger zur Welt bringen sollte. Als dem Herrscherpaar 1711 ein Mädchen geboren wurde, stockte der König sein Gelübde auf. Das war der Startschuss für diesen Monumentalbau in der portugiesischen Provinz, dicht an kleinbürgerlicher Kulisse, fernab vom höfischen Leben, von Diplomaten und Staatsbesuchen. 1714 wurde tatsächlich der Kronprinz José geboren.

Das klingt nach Happy End...
Fast. Denn der damalige König hatte auf seinen Reisen mit der Kutsche von Lissabon ins 60 Kilometer entfernte Mafra wegen der Strapazen oft einen Zwischenstopp eingelegt.

Doch nicht etwa für eine Affäre?
Formulieren wir es mal so: Er ließ sich im Nonnenkloster von Odivelas verwöhnen – so sehr, dass die Äbtissin im Laufe der Jahre drei Söhne bekam. Der König verschaffte den drei Sprösslingen gute Posten im Reich, und seine Geliebte behielt ihr Amt als Äbtissin. Was Königin Maria Ana dazu sagte, ist zwar nicht überliefert. Aber von wem die drei Söhne der Äbtissin stammten, dürfte klar sein.


 

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erstellt am 11.Nov.2016 | 23:00 Uhr

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