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Bützower Zeitung

03. Dezember 2016 | 10:38 Uhr

Katelbogen : Wohlauf in Gottes schöner Welt

vom
Aus der Redaktion der Bützower Zeitung

Die 90-jährige Gertrud Frey aus Katelbogen hat die Erinnerungen ihres Lebens in zwei Büchern niedergeschrieben / Gestern las sie daraus vor

Gertrud Frey sitzt in der guten Stube ihres Wohnhauses. Auf dem Tisch liegt die SVZ, die sie morgens immer zum Frühstück liest. Und daneben zwei kleine Bücher. Eins mit einem braunen, das andere mit einem grünen Umschlag. Das eine zeigt auf dem Deckblatt ein Schwarzweißfoto einer jungen Frau, das andere Buch ein Farbfoto. Unverkennbar: Das ist Gertrud Frey. Doch auch die junge Frau in schwarzweiß ist die Katelbogenerin. Zwischen diesen beiden Fotografien liegen Jahrzehnte. Gefüllt mit Erinnerungen, Geschichten, Episoden. Und die hat Gertrud Frey in zweieinhalb Jahren aufgeschrieben. Gestern Nachmittag las sie im Pfarrhaus Baumgarten aus ihren Erinnerungen vor.

„Ich hätte nie gedacht, dass ich so viel Zuspruch erfahre“, sagt Gertrud Frey. Denn die Bücher, die von ihrem Leben und das ihrer Familie berichten, sind mittlerweile nicht nur im Familien- und Verwandtenkreis bekannt, sondern sie wanderten von Hand zu Hand. „Mittlerweile haben sicher weit mehr als 100 Personen darin gelesen“, sagt Tochter Barbara Frey. Sie gab auch den Anstoß, dass die Mutter ihre Erinnerungen niederschrieb.

Gertrud Frey war Bürokauffrau, kann Schreibmaschine schreiben und Stenografie. „27 Jahre lang, bis 1989, war ich Sekretärin im Bürgermeisterbüro in Katelbogen“, erzählt die heute 90-Jährige. Als im Januar 2014 ihr Ehemann Kurt verstarb, holte Barbara Frey eine elektrische Schreibmaschine hervor. Die habe rund 20 Jahre herumgestanden. Die Frage stand, sie entsorgen oder sie wieder in Bewegung bringen. Mutter Gertrud Frey versuchte es. Sie schrieb den Satz, den sie während der Ausbildung in der Handelsschule immer wieder auf der Schreibmaschine wiederholen musste. Auch heute noch kann sie ihn Wort für Wort vortragen.

Im Pommerschen Schneidemühl besuchte Getrud Frey die Handelsschule. In Kegelshöh, elf Kilometer entfernt, war sie Zuhause. „Jeden Tag bin ich mit dem Fahrrad zur Schule gefahren, quer durch den Wald“, erzählt die rüstige Senioren. Eine von vielen Episoden aus ihrem 90-jährigen Leben. Dabei sind ihre Erinnerungen nicht nur persönlicher Natur, sondern auch immer eingebettet in die geschichtlichen Ereignisse. Sei es das Pflichtjahr, das alle nach der Ausbildung absolvieren mussten, der Arbeitsdienst, die Vertreibung, der Neuanfang in Katelbogen 1945, die Bodenreform und so weiter.

„Als meine Eltern und ich im Jahr 1945 nach Krieg, Gefangenschaft und Flucht in Katelbogen ankamen, konnte ich nicht wissen, dass dieser Ort für mehr als siebzig Jahre zu meiner zweiten Heimat werden würde“, schreibt Frey auf dem Cover des zweiten Buches. Gespickt sind beide Bücher mit zahlreichen Fotos. Dafür wurden die Fotoalben durchstöbert. „Diese Fotos waren meine Stützpfeiler beim Schreiben“, sagt Gertrud Frey. Dann kamen die Erinnerungen, die sie zunächst selbst auf der Schreibmaschine zu Papier brachte. Beim zweiten Band ging Tochter Barbara mit zur Hand. Alles wurde in ein ordentliches Layout gebracht und gedruckt.

„So war das“ heißen die beiden kleinen Bände. Und Gertrud Frey ist froh, dass sie auch das schaffen durfte. „Wenn ich auf die vergangenen 90 Jahre zurückblicke, denke ich, dass ich ein erfülltes und glückliches Leben hatte“, schreibt sie am Ende. Sie könne auch jetzt im hohen Alter noch ein selbstbestimmtes Leben führen. So macht sie sich jeden Tag morgens, mittags und abends zu kleinen Spaziergängen auf den Weg. 4000 Schritte sind ihr Tagessoll. Davon rückt sie nicht ab, hat extra einen Schrittzähler dabei. „Nur bei Glatteis nicht“, sagt Gertrud Frey. Dann steige sie auf den Home-Stepper, der in der guten Stube steht. Und sie habe einen zweiten „Jungbrunnen“, wie Tochter Barbara verrät. Kreuzfahrtreisen. Mit 80 Jahren habe sie damit angefangen, gemeinsam noch mit ihrem Mann Kurt.

Trotzt der kleinen und manchmal größeren Widrigkeiten des Lebens lasse sie sich nicht unterkriegen. Und so heißt es ganz am Ende: „So beginne ich jeden Tag mit einem ,Wohlauf in Gottes schöner Welt’ und bitte darum, dass es bis zum Lebewohl noch ein Weilchen hin sein möge. Ich hoffe, Kurt dort oben hat Verständnis dafür.“

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erstellt am 16.Nov.2016 | 21:00 Uhr

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