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Bützower Zeitung

05. Dezember 2016 | 11:25 Uhr

Rühn : Forschung auf dem Holzweg

vom
Aus der Redaktion der Bützower Zeitung

Dendrochronologe Tilo Schöfbeck hält Vortrag im Rühner Kloster und stellt vor, was er aus Holz in historischen Bauten erfährt

Die Ringe eines Baumes zählen – und schon kennt man das Alter. Jedes Kind weiß das. Und laut Tilo Schöfbeck stimmt das auch. Ihm reicht das aber nicht, er will auch wissen, wann der Baum gefällt und wann das Holz in einem Bauwerk verbaut wurde. Tilo Schöfbeck ist promovierter Dendrochronologe. Er entnimmt Informationen aus Holz in Kirchen, Burgen, Schlössern und Kunstgütern. „Ich lese in einem Bau, wie ein Historiker in seinen Schriftquellen.“ Im Rühner Kloster stellte er seine Arbeit an Kirchen im Bützower Land vor.

Auch wenn es schwer vorstellbar ist, Holz verrät so einiges. So ranken sich um viele Gebäude Geschichten um Jahreszahlen, in denen sie erbaut wurden. Als seinen „größten Coup“ bezeichnete Tilo Schöfbeck sein erforschtes Ergebnis, dass das Doberaner Münster 70 Jahre älter ist, als angenommen und in der Literatur vermerkt. In Laase fand er außerdem Hinweise auf eine Stabkirche von 1243d (also dendrochronologisch ermittelt).

Das Doberaner Münster und Laase sind zwei von unzähligen Bauten in der Umgebung, die der Dendrochronologe untersucht hat. In seiner Doktorarbeit vor 15 Jahren befasste er sich mit Architektur- und Siedlungsgeschichte sowie den Dachkonstruktionen von historischen Gebäuden in Bützow und der gesamten Umgebung. Laase, Bernitt, Baumgarten, Bützow, Rühn – er war in allen alten Gebäuden und gewann dort Erkenntnisse. In der Größenordnung habe noch niemand derartige Untersuchungen in der Region durchgeführt.

Aber wie funktioniert das Lesen im Holz eigentlich? „Das Jahrringmuster ist der Fingerabdruck der Zeit“, so Tilo Schöfbeck. Das Klima ist für die Ringe verantwortlich. In anderen Regionen wäre ein Dendrochronologe also arbeitslos. Die Ringe werden dann mit bekannten Mustern verglichen und entsprechend zeitlich eingeordnet. Für Eichen gibt es beispielsweise eine 12 000 Jahre zurückreichende Kurve. Die Muster von Holz, das in einem Giebel oder an anderer Stelle eingearbeitet wurde, lässt sich irgendwo in der historischen Kurve einordnen. So kann das Jahr des Fällens ermittelt werden. In der Regel wurde im Herbst und Winter gefällt und in den warmen Monaten im Folgejahr gebaut.

Das Bützower Umland ist „auf jeden Fall interessant“, wie Tilo Schöfbeck findet. Es gäbe viele Wälder und viele Bauten, die aus dendrochronologischer Sicht äußerst interessant seien. Im Labor von Karl-Uwe Heußner in Berlin, mit dem Schöfbeck eng zusammenarbeitte, gibt es mittlerweile eine eigene Bützower Vergleichskurve, da Schöfbeck so viele Proben mitbrachte. „Das ist eine lohnende Ecke und bietet eine interessante historische Bausubstanz“, so der gebürtige Görlitzer.

Wie lange das noch der Fall ist, weiß Schöfbeck nicht. An der Denkmalpflege spare die Landesregierung nämlich unwahrscheinlich ein. „Es gibt eine Diskrepanz zwischen der Unterdrückung der Denkmalpflege und einem großen allgemeinen Interesse“, moniert der Dendrochronologe. Auf der einen Seite tue die Landesregierung zu wenig für Kulturgüter, auf der anderen werbe sie als Tourismusland.

Etwa 25 Besucher lauschten Schöfbecks Worten und verfolgten die Präsentation gespannt. „Auf dem Land ist das eine gute Resonanz“, freute sich Tilo Schöfbeck. Da er viel auf architektonische und bautechnische Dinge einging, wurden auch Besucher angesprochen, die sich für Kunst nicht so interessieren. Untersuchungen an Altaren beispielsweise würde nicht jedermann interessieren.

Der Dendrochonologe hätte aber noch viel länger und ausgiebiger berichten können, denn die Lehren seines Fachgebiets reichen noch viel weiter. Die Klimawissenschaft gehe beispielsweise damit einher. „Im 13. Jahrhundert war es schon einmal so warm. Und nun kommt es wieder zu einer Warmzeit. Aber beschleunigt und in einer noch nie da gewesenen Geschwindigkeit.“ Der Mensch habe den Klimawandel um ein x-faches beschleunigt.

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erstellt am 18.Nov.2016 | 09:00 Uhr

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