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Bützower Zeitung

05. Dezember 2016 | 05:27 Uhr

Bützow : Der heimliche Weg in den Westen

vom
Aus der Redaktion der Bützower Zeitung

Geschichten aus dem Schuhkarton – Teil 133. aus dem Leben des Hofklempnermeisters Max Engel (Teil 1)

Das Baugerüst ist gefallen, die Vorderfront der Jugendstilvilla mit seinem dominierenden Erker erstrahlt in altem neuen Glanz. Nur die markanten Fenster mit dem farbigen Glas im Oberlicht warten noch auf eine Erneuerung. Am Ende könnte eine gediegene, schlicht gestaltete Platte mit folgendem oder ähnlichem Text einen historischen Hinweis geben: Hofklempnermeister Max Engel, geb. 18. 04. 1850 Bützow - gest. 12. 07. 1942 Ghetto Theresienstadt, ließ diese Jugendstilvilla 1906 nach seinem Entwurf von Maurermeister Friedrich Nagel und Zimmermeister Johann Roß erbauen.

92 Jahre alt ist Max Engel geworden. Stationen seines interessanten Lebens von seiner unbeschwerten Kindheit in der kleinen Ackerbürgerstadt an der Warnow bis zum schrecklichen Tod im böhmischen Nazi-Ghetto lassen sich anhand von Dokumenten und Artikeln in Archiven seiner Heimatstadt, des Landes Mecklenburg, der Hansestadt Hamburg, von New York, Chicago und Berlin nachzeichnen.

Aufgewachsen ist Max Engel in der vermögenden jüdischen Familie des Hofklempnermeisters Louis Engel mit seinen drei Geschwistern Heinrich, Albert und Berta. Kaufleute oder Klempner sollten die Jungens werden, wenigstens einer sollte den Handwerksbetrieb einmal fortführen. So die Vorstellungen des Vaters. Nachdem seine beiden älteren Brüder sich bereits in Hamburg und Ratzeburg als Kaufleute niedergelassen hatten, wusste Max, was von ihm erwartet wurde.

Mit der Schulgründung der Realschule zu Michaelis 1860 wurde der Zehnjährige auf die höhere Schule geschickt. Bereits vier Jahre später nahm ihn der Vater zu Johannis 1864 wieder von der Schule. „Um Klempner zu werden“, ist in der Matrikel vermerkt. In der Werkstatt seines Vaters erlernte er den Beruf von der Pike auf. Als frischgebackener Geselle sollte der Sohn nun für Jahre auf Wanderschaft gehen. Bis nach Tahore in Rumänien, so der Wunsch von Louis Engel, denn von dort seien die Vorfahren einst hergekommen. Für Ausreisen über die Grenzen des Norddeutschen Bundes unter preußischer Führung, dem sich das Großherzogtum Mecklenburg angeschlossen hatte, wurde eine Ausreisegenehmigung benötigt. Über den Sekretär der Stadt wurde sie beim Großherzoglichen Innenministerium beantragt. 1870 hatte Max Engel endlich die gewünschten Papiere in der Hand und verließ mit allen guten Wüschen seiner Eltern und Freunde die Heimatstadt. Sein Weg führte jedoch nicht nach Südosten sondern nach Westen. Amerika rief. Wie verdattert müssen die Eltern und Geschwister gewesen sein, als das erste Lebenszeichen 1871 aus New York kam. Während die Eltern zu Hause den Sieg über Frankreich bejubelten, hielt sich der Sohn mit vielen Gleichgesinnten, die alle ihr Glück im gelobten Land der Freiheit suchen wollten, jenseits des Ozeans in einem Quarantänelager auf. Überwältigt von der Großstadt und den vielen Deutschen in Brooklyn, beschloss Max Engel, sich hier fürs Erste anzusiedeln. Denn gut ausgebildete Klempner, die hier Tinsmith hießen, wurden bei dem Bauboom händeringend gebraucht.

Am Scheideweg stand der Migrant zwei Jahre nach seiner Ankunft. Sein guter Freund Joseph Kühl, der ein paar Blöcke weiter neben einer kleinen Kneipe einen Tabak- und Spirituosen-Laden betrieb, sich nach zehn Jahren in New York ein kleines aber feines Haus gekauft hatte, für das man gut und gerne 15 000 Dollar hinblättern musste, hatte ihn dringend geraten, sich um die Naturalisation, also Einbürgerung, zu bemühen. Nur als Amerikaner könne er erst richtig durchstarten und ein eigenes Unternehmen gründen. Was sollte er nur tun, war die bange Frage von Max Engel. Eigentlich wollte er doch irgendwann wieder zurück nach Mecklenburg, das nun föderal zum Deutschen Reich gehörte. Schließlich ging er mit seinem Freund als Bürgen zum Amtsgericht von New York City und stellte „ bona fide (mit bestem Gewissen) den Antrag, Bürger der Vereinigten Staaten von Amerika zu werden und erklärte für alle Zeiten alle Treueverhältnisse zu ausländischen Prinzen, Potentaten, Regierungen, Souveräns wie auch immer, insbesondere zum König von Preußen, dessen Subjekt ich bin, nicht mehr anzuerkennen.“ Zwei Jahre sollte es noch dauern, bis er 1875 den Eid auf die amerikanische Verfassung ablegen durfte und mit allen Rechten und Pflichten Amerikaner wurde. Drei Dokumente waren nun in seinem Besitz, mit denen er sich nach Belieben ausweisen konnte: die preußische Ausreisegenehmigung, das amerikanische Certificate of Naturalization und das Wanderbuch, in dem er sich alle Arbeitsstellen in New York abstempeln ließ. Und noch ein Viertes sollte hinzukommen. Im März 1877 ließ er sich einen amerikanischen Reisepass ausstellen. Ein doppeltes Spiel im Zeitalter ohne digitale Vernetzung sollte beginnen.


(Fortsetzung folgt)

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erstellt am 18.Nov.2016 | 21:00 Uhr

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