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Bützower Zeitung

08. Dezember 2016 | 21:11 Uhr

Bützow : Auf kleiner Holzbank viel geklönt

vom
Aus der Redaktion der Bützower Zeitung

Geschichten aus dem Schuhkarton – Teil 132 / Die Kaufmannsfamilie Sievert im Bahnhofsviertel (Teil 4 und Ende)

Wie sonnabends üblich, fegte Fritz Sievert im Frühjahr 1963 morgens die Straße vor seinem Haus und wunderte sich über einen sowjetischen Militärjeep auf der Straßenseite gegenüber in der Auffahrt von Wilhelm Grambow. Sollte etwa der Fuhrunternehmer auch von den Russen Sprit beziehen? Doch je länger der Jeep dort stand, Offiziere und ein Soldat offensichtlich immer wieder zu ihm rüber schauten, desto mulmiger wurde dem Kaufmann. Am Montagmorgen wurde Fritz Sievert von der Polizei abgeholt und auf dem Amt verhört wegen des Kaufes eines 200 Liter-Fasses. Ab und an von sowjetischen Soldaten 20 Liter im Kanister gekauft zu haben, räumte er ein. Aber doch keine 200 Liter in einem großen Fass. Am nächsten Tag sollte er wieder kommen, wegen einer Gegenüberstellung und so. Ein Soldat hätte ihn erkannt. Nun war Eile geboten. Zusammen mit seinem Sohn Detlef wurden 25 Zentner Briketts über das noch dreiviertel volle Fass geschaufelt.


Das Benzinfass unter dem Kohlenberg


Sorglos erschien Fritz Sievert am Dienstagmorgen wieder auf dem Polizeiamt. Geknickt kam er zurück. Als er im stundenlangen Verhör herausgehört hatte, dass die Russen unbedingt das leere Fass wieder haben mussten, hatte Fritz Sievert den Kauf des Fasses eingestanden. Nun musste es wieder freigeschaufelt werden. Von der Firma Altmann, die am Güterbahnhof einen Mineralölhandel betrieb, wurde ein Leeres besorgt und das Benzin umgepumpt. Schon am nächsten Morgen kam Fuhrunternehmer Ilgen aus Wolken mit seinem Traktor vorbei und holte das Fass ab. Vier weitere Fässer hatte er schon auf dem Anhänger geladen, die nun zur Polizei gebracht wurden. Bei Fritz Sievert und seiner Else lagen nach dem ganzen Trubel die Nerven blank. Sie rechneten mit dem Schlimmsten und sahen Fritz schon in einem sibirischen Arbeitslager. Doch alles verlief im Sande.

„Denk ich an Kaufmann Sievert, …föllt mi manchet in“, vollendet Marianne Vernunft, geborene Ahrens, den Satz. „Drullig wier dat jo ümmer, wenn bi Fritz inn‘ Laden siene besten Kunnen up de Bank säten hemmen“, fährt die in der Neuen Bahnhofstraße Aufgewachsene und bis zur Schließung des Geschäfts eine der treuesten Kundinnen fort. Auf einer kleinen Holzbank abseits in der Ecke zum Schaufenster hin, saßen regelmäßig „Charly“ Grunzel, Fritz Tackmann, Willi Breuer und August Höffer mit der dicken Brille und dem schlohweißen Haar. Originale aus dem Bahnhofsviertel, die mit der Flasche Bier und dem keinen Flachmann „Mann un Fru“ in der Hand klönten. „Lüd, gaht up’n Hoff“, bat die resolute Else Sievert die Trinkfreudigen nach draußen auf den Hof, wenn sie zu laut und unangenehm wurden. Hier hielten die Kaufleute eine Sitzecke parat. Auch bei diesen Hallodries, reichte das Geld oft nicht bis zum nächsten Zahltag. Aber dafür hatte Fritz Sievert ja das Schwarze Buch.


Aus Kaufmannsladen wird wieder Wohnhaus


Viel zu jung verstarb Fritz Sievert 1971 mit 57 Jahren. Seine Witwe durfte noch ein Jahr das Lebensmittelgeschäft als privates Unternehmen weiterführen. 1972 schloss Else Sievert mit der Konsumgenossenschaft einen Konzessionsvertrag ab. Nach ihrer schweren Krankheit mit anschließender Invalidisierung wurde das Geschäft endgültig geschlossen.

Glück für Detlef und Brigitte Sievert. Nach dem Abschluss ihres Studiums kehrten sie 1973 nach Bützow zurück und suchten dringend eine Wohnung. Die Konsumgenossenschaft hatte Jahre zuvor schon auf der anderen Straßenseite in einer neu erbauten kleinen Baracke einen Selbstbedienungsladen eingerichtet. Im Neubaugebiet entstand eine Kaufhalle der HO. Der Sievertsche Laden wurde vom sozialistischen Handel zur „Versorgung der Bevölkerung“ nicht mehr gebraucht. So konnten die „örtlichen Staatsorgane“ der Nutzungsänderung vom Verkaufsladen in Wohnraum bedenkenlos zustimmen. Aus dem Kolonialwarenladen des Großvaters beziehungsweise Lebensmittelgeschäft des Vaters wurden wieder Wohnräume.


Kautabakdosen erinnern an den Großvater


Geblieben sind Detlef Sievert Erinnerungen an eine schöne Kindheit in der Ernst-Thälmann-Straße, wie die Straße zu DDR-Zeiten hieß. Die Gartenbank auf dem Hof, auf der „Charly“ Grunzel & Co. bei Bier und Schluck einst geklönt haben und die Eltern nach einem langen Arbeitstag in der Abendsonne die Beine baumeln ließen, hat Detlef Sievert frisch verzinken lassen und mit neuen Latten versehen. Als Rentner möchte der ehemalige Bauingenieur mit seiner Brigitte noch viele Jahre auf der Bank sitzen und mindestens so alt werden wie sein Urgroßvater Friedrich. Und er holt zwischen alten Papieren einen Zeitungsausschnitt hervor. Im Januar 1935 schrieb die Bützower Zeitung: „Der frühere Bauunternehmer Friedrich Sievert konnte dieser Tage im Kreise seiner Kinder, Enkel und Urenkel seinen 95. Geburtstag in seltener Rüstigkeit begehen.“ Und da war doch noch etwas. Aus einem Karton auf dem aufgeräumten Stallboden holt er sorgfältig eingewickelte keramische Kautabakdosen seines Großvaters, dem Begründer des ersten Kaufmannladens im Bahnhofsviertel, hervor. „Aus großer Zeit“, meint der Enkel verschmitzt.

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