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30. August 2016 | 09:19 Uhr

Interview: Gewalt gegen Politiker : Ventil für gefühlte politische Vernachlässigung

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Rostocker Politikwissenschaftlerin beklagt Verrohung der öffentlichen Kommunikation in sozialen Netzwerken

Im vergangenen Jahr erschütterte der Messerangriff auf die damalige Kölner Oberbürgermeisterkandidatin Henriette Reker die Bundesrepublik, am Montag sollen Unbekannte mit rechten Parolen den Kommunalpolitiker der Linken, Julian Kinzel, niedergestochen haben. Mit der Rostocker Politologin, Dr. Gudrun Heinrich sprach Thomas Volgmann.

Haben wir es mit einer Radikalisierung der politischen Auseinandersetzung besonders von rechts zu tun?
Heinrich: Der ohne Zweifel festzustellende Anstieg politisch motivierter Gewalttaten mit fremdenfeindlichem oder rechtsextremem Hintergrund ist erschreckend. Die Angriffe richten sich zumeist gegen die Schwachen in der Gesellschaft, gegen ihre Unterstützer oder gegen ihre Gebäude und Unterkünfte. Auch die Angriffe gegen Politiker und deren Büros entstammen häufig einer rechtsextremen Motivation. Bei Angriffen gegen Politiker scheinen sich die politischen Motive mit einem besonderen Maß krimineller Energie oder persönlicher Bedingungen der Täter zu verbinden.

Politiker beklagen eine zunehmende Hetze in sozialen Netzwerken wie Facebook. Woher kommt dieser Hass?
Wenn man die Arbeitslosenzahlen, die Einkommensentwicklung oder Inflation betrachtet, geht es den Leuten doch so gut wie lange nicht.
Die sozialen Netzwerke üben mit ihrer extremen Schnelligkeit der Weitergabe von Informationen und Stellungnahmen einen enormen Zeitdruck aus – nur wer umgehend kurze und vereinfachende Kommentare abgibt, kann Aufmerksamkeit erhoffen. Ein Nachdenken über die Sinnhaftigkeit und die Verantwortung ist so nur schwer möglich. So scheint sich ein Prozess der Enthemmung in Gang zu setzen, in dem der Ruf nach Besonnenheit verhallt. Das Ergebnis ist eine Verrohung der öffentlichen Kommunikation in den sozialen Netzwerken. Das über längere Zeit aufgebaute Empfinden, von Politik und Gesellschaft vernachlässigt worden zu sein, hat in den sozialen Netzwerken ein Ventil gefunden. Auch wenn die ökonomische Perspektive derzeit besser erscheint, ist das Gefühl der Ausgrenzung und Unzufriedenheit tief verankert.

Sind wir auf dem Weg zu Zuständen wie am Ende der Weimarer Republik?
Geschichte wiederholt sich nie! Wir sind eine starke und stabile Demokratie – das zeigen die klaren Reaktionen auf Gewalttaten von Seiten zahlreicher zivilgesellschaftlicher Gruppen und der Politik. Aus Angst vor einer zunehmenden Polarisierung dürfen wir uns diese Positionierungen nicht verbieten lassen und müssen gleichzeitig immer das Gespräch als Mittel der demokratischen Auseinandersetzung suchen.

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erstellt am 07.Jan.2016 | 00:44 Uhr

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