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28. Mai 2016 | 02:01 Uhr

Streitbar : Ostern – nur noch das „Hasenfest“?

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Kommerz und religiöser „Analphabetismus“ höhlen die ursprüngliche Bedeutung des höchsten christlichen Festes aus, kritisiert Heinz Kurtzbach

Die Welt ist voller Überraschungen; manches Mal auch voller Wunder. Jedenfalls wird der Schrotthändler aus dem Mittleren Westen der USA ziemlich überrascht gewesen sein, dass er es dieser Tage mit dem vergleichsweise popeligen Einsatz von 13 000 Dollar plötzlich zum mehrfachen Millionär gebracht hat. Wunder gibt es immer wieder; bei diesem spielt ein Ei die Hauptrolle: Wenn man so will, ein Osterei de Luxe.

Dem Mann, ab sofort wird er Ostern lieben, hatte auf einem Flohmarkt ein kleines goldenes Ei, in das eine Uhr eingearbeitet war, so ausnehmend gut gefallen, das er es für eben 13 000 Dollar erstand – viel für einen Schrotthändler, aber wenig für ein lange als verschollen geltendes Ei aus der Werkstatt des Carl Peter Faberge, das der zu Ostern anno 1887 für den russischen Zaren Alexander III. angefertigt hatte. Experten in London schätzen den Wert des Trödel-Eis auf 33 Millionen Dollar. Der Schrotthändler fiel in Ohnmacht.

Bemalte Hühnereier zu Ostern waren fürs Volk – im Zarenpalast freilich durfte es schon mal etwas teurer sein: Gold und Glitzer für die Herrscher. Faberges Prunk-Eier, atemberaubende kleine Kunstwerke, darf man wohl als dekadenten Höhepunkt der bis in die Antike zurückreichende Tradition des Eis als Symbol für die im Frühjahr wieder erwachende Natur ansehen; für die Christen steht das symbolische Ei in festem Zusammenhang mit dem Osterfest – eine Symbiose aus heidnischen Bräuchen und dem Glauben an die Auferstehung des Herren.

Das Ei aber ist nicht allein. Der Osterbräuche sind viele: Das Osterwasser, zu Ostern geweihtes Taufwasser, das von den Christen als Symbol für das Leben gesehen wird, das Osterfeuer als Hinweis auf die Auferstehung Jesu, der als Licht der Welt die Finsternis erhellt; die Osterkerze, das Osterlamm, der Osterspaziergang („Vom Eise befreit sind Strom und Bäche durch des Frühlings holden, belebenden Blick…“ Johann Wolfgang von Goethe) und schließlich auch noch – der Osterhase. Das ist der arme Kerl, der zu Ostern nicht nur die Hühnereier legen muss, sondern sie auch bemalt und in Omas Garten versteckt. Seliger Kinderglaube.

Traditionen muss man pflegen; Glaube muss man leben; sonst gehen beide verloren. Viele Bräuche, viele Traditionen also zu Ostern – aber auch viel gelebter Glaube? Das wohl denn doch nicht. Zu Ostern feiern die Christen, wenn sie es denn tun – abseits von Eiern, Hasen & Co. – die Auferstehung des Herren: Jesus, an Karfreitag gekreuzigt, ist am dritten Tage auferstanden von den Toten und seinen Jüngern erschienen. Er hat den Tod bezwungen; das ist die Verheißung des ewigen Lebens und die Zentrale Botschaft des christlichen Glaubens. Deshalb ist und Ostern der höchste Feiertag der Christenheit. Aber wissen das auch die Christen? Nun ja, so ein bisschen. Noch.

Das Osterfest sieht sich längst der Gefahr ausgesetzt, dass durch die Überfrachtung mit einer Unzahl eher religionsferner, aber tradierter, Symbole seine Botschaft verloren geht und ersetzt wird allein durch geistige Hingabe an das Erwachen der Natur nach unwirtlichem Winter. Während jeder Krokus im Garten, jedes frische Grün auch ansonsten coole Zeitgeistler zu Ausflügen in die Poesie verführen, merkt man nicht einmal, dass es inzwischen manchem leichter fällt, an das Multi-Talent „Osterhase“ zu glauben, als an Christi Auferstehung. Der Auferstandene – umzingelt von hoppelnden Hasen. Der religiöse Hintergrund des Festes ist jedenfalls bei einer Mehrheit der deutschen Bevölkerung längst in den Hintergrund geraten, wie eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Polis ergab. Demnach verbinden nur noch 47 Prozent der Deutschen mit Ostern die Auferstehung Christi.

Daran wird sich wohl auch so schnell nichts mehr ändern. Zwar stellen Soziologen und auch Theologen übereinstimmend eine neue Hinwendung gerade jüngerer Menschen zum Spirituellen fest, das heißt aber nicht unbedingt, dass der christliche Glaube wieder gefestigt würde und die großen Kirschen davon profitieren könnten. Im Gegenteil: Inzwischen sind es nur noch 14 Prozent der Kirchenmitglieder, die einen Besuch ihrer Kirche über Ostern fest eingeplant haben. 62 Prozent werden der Kirche garantiert fernbleiben. Matthias Kopp, der Sprecher der Deutschen Bischofskonferenz, denkt dennoch positiv. Wenn im Umkehrschluss „38 Prozent der Befragten in die Kirche gehen – das sind mehr als doppelt soviel wie an einem normalen Sonntag – ist das ein gutes Zeichen“, sagt er. Man ist bescheiden geworden.

Nicht bescheiden – jedenfalls nicht aus kirchlicher Sicht – ist auf die Sache mit dem „Hasenfest“ und die Diskussion über die gesetzlich bestimmte Ruhe an den stillen Feiertagen, wie Karfreitag zu reagieren. „Hasenfest“ statt Osterfest – dieses Angebot unterschiedlicher atheistischer und linksorientierter Gruppierungen, vereinigt in einem „Aktionsbündnis Kirchenaustritt“, gibt es nun schon seit einigen Jahren, und je mehr Menschen sich nicht nur administrativ (also von den Kirchen), sondern auch geistig-inhaltlich (also von ihrem Glauben) abwenden, desto stärker entfalten die Jünger der Hasen Wirkung.

Einen solcher Frontalangriff auf die Kirchen müssen praktizierende Christen als Provokation, zumindest aber als extrem intolerant, empfinden und es ist der Idee eines multikulturellen, friedlichen Zusammenlebens von Menschen unterschiedlicher Glaubensrichtungen – und letztlich ist auch der Atheismus nur ein Glaube, der Glaube an die Nichtexistenz Gottes – höchst abträglich, wie auch der jährliche Angriff auf das Tanzverbot an Karfreitag nicht sonderlich originell ist. Der Verzicht auf Tanz und öffentliche Feiern an einem Tag im Jahr sollte vor dem Hintergrund der christlichen Tradition dieser Gesellschaft möglich sein und sich eigentlich jedweder Diskussion entziehen. „Lasst mich tanzen – ich lass Euch beten“ ist der einprägsame Spruch jener, die ihre Freiheit in Gefahr sehen, wenn sie ausgerechnet an diesem Tag nicht abtanzen dürfen, weil sie ja an den restlichen 364 Tagen im Jahr zum Tanzen keine Gelegenheit haben. Was ist das denn für ein Freiheitsbegriff? Mein Gott, ist das wahr?

Diese Regelung, heißt es ganz allgemein, passt nicht mehr in diese Zeit. Ganz abgesehen davon, dass natürlich auch die Tänzer und die Hasenfestfeierer und Atheisten die freien Tage, die dem Glauben geschuldet sind wie auch an Weihnachten und zu Pfingsten, gerne in Anspruch nehmen und im Traum nicht daran denken würden, als Konsequenz aus ihrer Abscheu der Religion gegenüber darauf zu verzichten. Dazu ist allerdings nicht zu hören.

Die Hasen jedenfalls bleiben harmlos und man kann – nach dem Kirchgang – daran glauben, dass sie zu Ostern Hühnereier legen, sie bemalen und in Omas Garten verstecken. Oder sie tun es nicht. In letzterem Falle wären sie wohl schon zum Atheismus übergetreten.

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erstellt am 21.Apr.2014 | 09:00 Uhr

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