zur Navigation springen
Neue Artikel

31. März 2017 | 02:36 Uhr

Erinnerungen an Gauck : Herr Ebel harkt

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Günter Ebels Hände umfassen das Ende einer Harke. Dabei harkt Ebel gar nicht. Er sticht in den Boden, immer wieder. Als wolle er seinen Worten Nachdruck verleihen. Traurig sei er, dass Joachim Gauck in ein paar Tagen das Amt des Bundespräsidenten niederlegt. Gaucks Biografie, Gaucks Toleranz, das Gespür für Probleme in Deutschland: Vielleicht gab es seit Roman Herzog keinen so prägenden Präsidenten, sagt er.

Jeden Mittwochvormittag ist Ebel auf dem St. Marien-Kirchhof in Wismar. Zusammen mit anderen Rentnern kümmert er sich um die Grünanlagen rund um die Marienkirche. Zurzeit meist Unkraut beseitigen. Dass Gauck in ein paar Minuten mit großem Gefolge nur wenige Meter an ihm vorbeigehen wird, ja, davon habe er gehört. Sei ihm aber nicht wichtig. Zu ihm komme er sowieso nicht.

Ebel fängt wieder an zu harken und packt Gestrüpp in einen Metalleimer. Dann hört er auf. Ebel sticht wieder in den Boden. „Auch der Steinmeier wird das schon machen. Aber wir leben in unruhigen Zeiten. Diese Populisten...“, sagt er. Ebel will weiter erzählen, aber dann wischt er mit der rechten Hand durch die Luft. Zu denen will er sich dann lieber nicht äußern. Es sei ein Glück, findet Ebel, dass die in Deutschland nichts zu sagen haben. Amerika sei das warnende Beispiel. „Trump, der müsste einen Tag nach dem anderen zurücktreten.“

Groß geworden ist Ebel in der DDR. Er studierte in Wismar, Schiffsmaschinenbau. Später fuhr er als Ingenieur zur See. Einmal war er in Liverpool, noch zu Ost-Zeiten, auf dem Schiff „Frieden“ zusammen mit seiner Frau. Irgendwie schaffte es der Kapitän, sie an Land zu bringen. Dabei hatten sie keine Visa. Der Kapitän organisierte sogar ordentlichen Schnaps. Aber das ist lange her. Ebel ist 81 Jahre alt. „Damals freute man sich noch anders über die Dinge. Heute ist so etwas selbstverständlich. Ich habe den Krieg noch in Teilen erlebt. Europa darf nicht auseinanderbrechen! Uns geht es so gut!“ Er stößt mit der Harke auf den mittlerweile vom Unkraut befreiten Boden.

Ein Foto von sich will Günter Ebel lieber nicht in der Zeitung sehen. Bei so einem Thema muss es nicht sein. Aber die Frage nach Joachim Gauck habe er ja beantwortet, auch zum Abschluss gerne nochmal. „Schade, dass er weg ist.“ Ebel nimmt den Mülleimer, geht zum nächsten Beet und harkt. Das Unkraut muss weg. Er merkt nicht, dass Gauck schon auf dem St. Marien-Kirchhof ist.


zur Startseite

von
erstellt am 15.Mär.2017 | 20:45 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen