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Egon Krenz im Interview : Frieden in Europa ist nur mit Russland möglich

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Egon Krenz hat eine enge Beziehung zu Russland. Als führendes Mitglied der SED  war er stets nahe am Kreml und verfolgte die Geschichte zunächst der Sowjetunion und später von Russland. Krenz kritisiert im Interview mit Joachim Mangler die deutsche Politik gegenüber Russland.

Die Nato hat mit ihren Truppen, darunter auch der Bundeswehr, ihre Präsenz im Baltikum ausgeweitet. Wie beurteilen Sie das?
Krenz: Das ist eine provokative Machtdemonstration. Sie verschärft die ohnehin zugespitzte Situation auf unserem Kontinent und darüber hinaus. Bekanntlich wurde die Sowjetunion am  22. Juni 1941 von Hitler-Deutschland überfallen. Dieses Datum ist für die meisten Russen mit dem damals geleisteten Schwur verbunden, der bis heute gilt: „Nie wieder sollen fremde Truppen so nahe an unserer Grenze stehen wie an jenem 22. Juni 1941.“ Der Krieg kostete 27 Millionen Sowjetbürgern das Leben. Dieses Trauma ist bis heute in fast jeder russischen Familie präsent. Aber just zum 75. Jahrestag des Überfalls deutscher  Truppen auf die Sowjetunion wurden 2016 an Russlands Grenzen Manöver der Nato abgehalten. Das nenne ich geschichtslos. Im Verhältnis zu Russland kann das verhängnisvoll werden.

 

Manche osteuropäischen Länder haben seit dem Konflikt um die Ost-Ukraine und der Annexion der Krim Angst vor Russland und fürchten um ihre Souveränität? Ist da das Verhalten der Nato nicht verständlich, die eigenen Nato-Partner zu unterstützen?
Die Ereignisse in der Ost-Ukraine und auf der Krim sind unter anderem Folgeerscheinungen der Politik des Westens, der sich nicht an die internationalen Abmachungen hält, die im Zusammenhang mit der Herstellung der deutschen Einheit getroffen wurden.

Die sowjetischen Soldaten sind in den 90er-Jahren aus Deutschland  abgezogen, ohne dass auch nur ein Schuss fiel. Sie hätten dies bestimmt nicht getan, wenn sie gewusst hätten, dass ihnen Nato-Streitkräfte, darunter deutsche, bis an ihre Staatsgrenze nachrücken.

Die Auflösung des Warschauer Vertrages hätte ein Signal zur Schaffung einer gesamteuropäischen Friedensordnung sein müssen.

Stattdessen wurde es der Auftakt zur Demütigung Russlands, wogegen die Russen sich zu Recht wehren.

Wie beurteilen Sie die momentane Verbindung zwischen Deutschland und Russland?
Leider hat Bundespräsident Gauck in seiner Amtszeit etwas für Deutschland Wesentliches unterlassen: Er ist seit Jahrzehnten der einzige Bundespräsident, der während seiner Amtszeit Moskau keinen Besuch abstattete. Als 1988 die Beziehungen der Bundesrepublik zur Sowjetunion auf einem Tiefpunkt waren, weil Kanzler Kohl Gorbatschow mit Goebbels verglichen hatte, fuhr Bundespräsident Richard von Weizsäcker nach Moskau und brachte alles wieder ins Lot. Schade, dass Herr Gauck zu einer solchen Geste nicht  fähig war. Für Deutschland war das nicht gut. Seit Otto von Bismarck wissen Realpolitiker, dass Frieden in Europa nur mit und nicht gegen Russland möglich ist.

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erstellt am 14.Mär.2017 | 05:00 Uhr

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