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Wirtschaft

25. März 2017 | 06:53 Uhr

Tournee abgesagt : Zirkus Probst im Tal der Tränen

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Traditionsunternehmen sagt diesjährige Tournee wegen des Mindestlohns ab

Er war einer der beiden Privatzirkusse in der DDR und hat auch die Wendewirren überlebt. Doch nun, ausgerechnet im 70. Jahr seines Bestehens, fällt die übliche Tournee aus. Ob Zirkus Probst wieder auf die Beine kommt, ist ungewiss. Als Grund für die Misere gilt der Mindestlohn.

Gerade einmal vier Monate ist es her, dass Artisten, Dompteure und Clowns zu Gastspielen in Eberswalde und Strausberg waren. Doch nun muten die Bilder an wie die Geschichten aus einer guten, alten Zeit. Denn Zirkus Probst in seiner gewohnten Form gibt es nicht mehr.

Zum Ende der Tournee haben sich die Familie und die Angestellten Mitte November tränenreich von ihrem Stammpublikum in Stassfurt verabschiedet. „Wir sind hart aufgeschlagen“, sagt Rüdiger Probst, international gefeierter Tiger-Dompteur, über den Moment, als der Zirkus die kommende Tournee endgültig absagen musste. „Wenn die Kosten die Einnahmen übersteigen, geht es nicht weiter.“

Jetzt im Winter ruht der Betrieb ohnehin. Die Tiere stehen im Stassfurter Quartier. Ebenso die modernen Trucks und die klassischen Zirkuswagen – frisch lackiert und fein aufgereiht in Hallen und auf weiten Feldern.

Der 55-Jährige macht keinen Hehl aus seiner Verbitterung, schimpft über Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD), weil der Zirkus vor allem ihr den Mindestlohn von 8,50 Euro pro Stunde samt umfangreicher Dokumentationspflichten zu verdanken habe. „Dabei muss man sich doch hier nur einmal umschauen, um zu verstehen, dass das in dieser Branche nicht funktionieren kann“, klagt Probst. „Zirkus ist kein Job, sondern eine Lebensform.“

Die Angestellten sind während der Tournee 24 Stunden vor Ort, leben in Wohnwagen. Mal kurze, mal längere Wege zwischen den Spielorten, wechselnde technische Herausforderungen in den Städten, all das mache es unmöglich, einem festen Dienstplan zu folgen. Dass die Politik dafür kein Verständnis habe, lässt Rüdiger Probst beinahe verzweifeln.

Vor vier Jahren, nach einer gut gelaufenen Saison, habe man noch einmal in den Fuhrpark investiert, erzählt er. Mit 70 Fahrzeugen und einem Team von bis zu 70 Leuten war man pro Jahr in 70 Städten zu Gast. Er, der Tiger-Dompteur, war mit seinen acht „gestreiften Miezen“ der Höhepunkt einer jeden Show.

Von der großen Vergangenheit, als das Familienunternehmen dem Staatszirkus die Show stahl, als sich sein heute schwer kranker Vater Rüdiger Probst auch von strafrechtlicher Verfolgung durch das Regime nicht kleinkriegen ließ, als der Zirkus schließlich mit seinen Nummern selbst in Monte Carlo gefragt war, von all dem will Rüdiger Probst kaum erzählen.

Zu groß sind die aktuellen Nöte. „Jeder meiner Tiger braucht acht bis zehn Kilo Rindfleisch am Tag“, erzählt er. Seine Rechnung ist erst einmal ganz einfach. „Ich muss pro Monat 2000 Euro einnehmen, um zumindest die Hälfte meiner Unkosten zu decken.“ Ein kleines Zirkuscamp in Stassfurt will er dafür aufbauen, an Wochenenden Kindern erzählen, wie man mit Tigern arbeitet. Mit seinen Kamelen ist er demnächst beim Dreh für einen Kinderfilm dabei. Und seine Frau tritt bei Autohaus-Festen mit ihrer Hundeschau auf. So wollen sie das Jahr überstehen, in der Hoffnung, dass sie danach wieder reisen können, dass die Politik Ausnahmeregelungen beim Mindestlohn zulässt.

Wie groß die Chancen da-rauf sind, vermag niemand zu sagen. Auch nicht Andreas Bleßmann, Schwiegersohn des Zirkus-Gründers und jetziger Geschäftsführer. Die Tourneeabsage sei „eine von der Politik verordnete Krankschreibung“, klagt er. Der Betrieb sei auf Eis gelegt, man suche nach Übergangslösungen, immer wieder tage der Familienrat. „Wir sind stolz auf unsere 70-jährige Tradition. Das gibt man nicht einfach so auf.“ Ein Weihnachtszirkus in Magdeburg sei in diesem Jahr bereits fix, außerdem ziehe man mit einem Projektzirkus samt Haustierschau durch Schulen in mehreren Bundesländern. Mehrgleisig fahren, das könnte ein Rezept für die Zukunft sein, sagt Bleßmann.

Aber über allem steht die Hoffnung auf eine Ausnahmegenehmigung in Sachen Mindestlohn für das Schaustellergewerbe. „Das Problem sind nicht die 8,50 Euro pro Stunde, sondern die Dokumentationspflichten, also die genaue Erfassung der Arbeitszeit“, erklärt der Geschäftsführer. Konkrete Zahlen dazu, was eine Hilfskraft bislang verdient hat und was mit Blick auf das Gesetz künftig drin sei, will Bleßmann nicht verraten. „Aber mit nur 500 Euro im Monat haben wir hier niemanden abgespeist.“

Katharina Spindler vom Circus Berolina erzählt, dass es bislang keine Termine für die Sommertournee gebe. „Wir lassen das auf uns zukommen.“ Nicht nur der Mindestlohn mache ihr zu schaffen, „sondern auch die Tierschützer, die uns die Tiere wegnehmen wollen“. Zuversichtlich klingt indes Bernhard Schmidt, Chef des „Aeros“, der sich als „letzter ostdeutscher Großzirkus“ sieht. „Wir decken zu 99 Prozent alle Arbeiten über die Familie ab. Deshalb ist der Mindestlohn für uns nicht so entscheidend.“

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