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Wirtschaft

04. Dezember 2016 | 23:22 Uhr

100 Jahre Mitropa : „Und alle essen Bockwurst“

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Es gab Zeiten, da war eine Reise ohne Mitropa kaum denkbar

Grüner, brauner, blauer Rand, Tasse, Kännchen, Zuckerzange: Die Mitropa ist überall. Besser gesagt: Das Geschirr, mit dem die Mitteleuropäische Schlaf- und Speisewagen AG (Mitropa) jahrzehntelang Kaffee und Hackbraten servierte. Im Internet handeln Sammler mit den Keramikschätzen von einst – denn die Mitropa selbst ist längst untergegangen. 100 Jahre nach ihrer Gründung bleibt von dem Konzern, der mal Zehntausende Beschäftigte hatte, nur die Erinnerung an Rinderrouladen im Speisewagen, an die Trockenhaube beim Bahnhofsfriseur und an Nächte in Mitropa-Hotels an Flughäfen und Autobahnen.

Heute sagt kaum noch jemand „Speisewagen“, die Deutsche Bahn spricht von „Bordrestaurants“ und „Bordbistros“. Sein Nachtzug-Geschäft gibt der Bundeskonzern jetzt ab, doch immerhin: Inzwischen besinnt sich die Deutsche Bahn wieder der Bedeutung des Essens auf Rädern. So wie vor 100 Jahren wird es aber nicht mehr werden.

<p>Die Bremerinnen Maren Feuerle, Inga Böhmer und Alexandra Schmidt (v.l.) beginnen am 02.09.1998 ihre Ausbildung zur Fachkraft für Systemgastronomie im ICE-Speisewagen auf dem Bremer Hauptbahnhof. Am 24. November vor 100 Jahren wurde die Mitropa gegründet. Am 24. November vor 100 Jahren wurde die Mitropa gegründet. </p>

Die Bremerinnen Maren Feuerle, Inga Böhmer und Alexandra Schmidt (v.l.) beginnen am 02.09.1998 ihre Ausbildung zur Fachkraft für Systemgastronomie im ICE-Speisewagen auf dem Bremer Hauptbahnhof. Am 24. November vor 100 Jahren wurde die Mitropa gegründet. Am 24. November vor 100 Jahren wurde die Mitropa gegründet.

Foto: dpa
 

Am 24. November 1916 wurde die Mitropa gegründet. Über die Jahrzehnte wuchs die Mitteleuropäische Schlaf- und Speisewagen AG zu einem Konzern heran, der Reisende in Deutschland und teilweise Österreich und der Schweiz versorgte, der Schlaf- und Speisewagen betrieb, Hotels und Raststätten. Die Suche nach den Überbleibseln des Unternehmens gestaltet sich schwierig.

Die Bahn hat die Mitropa vor zwölf Jahren mit noch knapp 2000 Beschäftigten verkauft. Die Namensrechte gehören heute der Eschborner Gesellschaft Select Service Partner (SSP) – einem Unternehmen, das kaum jemand kennt, obwohl jeden Tag Zehntausende Bahn- und Flugreisende bei ihm essen oder einkaufen: Es führt als Franchisenehmer Restaurants von Burger King bis Pizza Hut.

Denn die Mitropa und ihre bordeauxroten Wagen sind zwar weg. Doch die Bahnhöfe sind noch da – und angesichts wachsender Reisendenzahlen sind das gute Standorte, auch wenn deutsche Bahnpassagiere vergleichsweise knauserig sind, wie die britische Konzernmutter im Geschäftsbericht bemerkt. „Wir repräsentieren einige der weltweit bekanntesten und vertrauenswürdigsten Gastronomiemarken“, betont SSP. Die Mitropa aber wird als „inactive company“ geführt.

Erinnerungen an Mitropa

Sitzplatz im überfüllten Zug

Wer am späten Freitag- oder Sonntagnachmittag eine längere Fahrt mit dem D-Zug vor sich hatte, war gut beraten, nahe dem Mitropa-Wagen einzusteigen. Denn sich durch die zu der Zeit meist hoffnungslos überfüllten Gänge zu drängeln, war kaum möglich. Doch im Speisewagen ließ sich zuweilen sogar ein Sitzplatz ergattern.

Das hieß zwar, dort etwas zu essen, was kein Hochgenuss, aber so schlecht auch nicht war, zumal es oft ein gutes Bier dazu gab, ob Radeberger oder Ur-Krostitzer. Das wurden häufig auch einige mehr, um die Zeit bis zur Ankunft zu verkürzen oder nicht höflich gebeten zu werden, anderen Reisenden Platz zu machen.

Der D-Zug zwischen Rostock und Leipzig hatte allerdings nicht selten nur ein Mitropa-Verkaufsabteil. Das reichte jedoch allemal, um sich auf der Heimfahrt von der Arbeit in Schwerin nach Ludwigslust das begehrte Radeberger, das es hier sonst nirgends gab, mit nach Hause nehmen zu können. rump

 

Gelbe Gardinen und verrauchte Säle

Dass es einen Service in einem fahrenden Zug überhaupt geben kann, das habe ich erst nach der Wende so richtig erleben dürfen. Jeder, der sich über den heutigen Service bei der Deutschen Bahn beschwert, der hat die alte Mitropa nicht erlebt. Wer   als Student in den Zug stieg, der erwartete früher in Sachen Service eigentlich wenig bis nichts. Und wurde weder überrascht noch enttäuscht. Eine löbliche Ausnahme bildeten dabei die Sonderzüge, die jede Bezirkshauptstadt in den Morgenstunden nach Berlin entsandte. Dorthin fuhren die meisten, um H-Milch, Gurken oder Joghurt zu kaufen. Dinge, die es in Schwerin selten oder nie gab. Vorteil für Biertrinker: Im Petermännchen-Zug, so hieß die Schweriner Variante, gab es das Edelbier „Obotrit“. Das war zwar teuer aber durchaus trinkbar.

Mitropa, das waren ansonsten schale Biere in den großen verrauchten Räumen in den Bahnhöfen, die unvermeidliche Bockwurst für 85 Pfennige, gelbe Vorhänge und vor allem das unnachahmlich schlichte Geschirr mit dem Logo und das Besteck, das viele ganz gerne mitnahmen. mayk

Einfach traumhaft...

1984. Meine Schwester und ich wollen  unsere Mutter  am  Berliner  Ostbahnhof vom Zug abholen.  Natürlich sind  wir rechtzeitig da, weil, man kann ja nie wissen.  Obwohl, dass der Zug früher  ankommen würde, als im Fahrplan stand, war  eigentlich nicht wirklich  zu erwarten.  Aber egal. Sicher ist sicher.   Warten und  die Beine in den Bauch stehen? Nö. Wir  steuern die Mitropa an und  essen gerade eine Kleinigkeit,  als die Durchsage (vielleicht war’s auch ’ne Anzeige)  kommt, dass der Zug aus Karlovy Vary  Verspätung hat.  Wie viel? Keine Ahnung. Wir trinken einen Kaffee, bestellen beim netten Mitropa-Personal einen zweiten, dann einen dritten. „… Zug aus  Karlovy Vary  hat weitere… Stunden  Verspätung“, höre ich noch, als mir die Augen zufallen. 

Irgendwann werde  ich  durch ein Rütteln an der Schulter wach „Mädels  aufstehen, Euer Zug läuft  gerade ein“, sagt die Frau, bei der wir  den Kaffee bestellt hatten, die  uns schlafen  ließ (meine Schwester hatte es nach dem dritten  Käffchen  auch  dahingerafft) und aufgepasst hatte, dass wir rechtzeitig an der Bahnsteigkante stehen. siha

Als Mitropa die Zahnpasta mitlieferte

Gefühle gehen ja bekanntlich durch den Magen. Ein Kollege hat da so seine eigenen Erfahrungen mit der reinigen den Kraft der Mitropa. Oft war es ja so, dass die Mitropa Gourmet-Tempel die naheliegende Rettung für ein warmes  Mittag- oder Abendessen boten. So bestellte der Kollege, was eigentlich alle gern essen, nämlich Nudeln mit Tomatensoße und Hackbällchen. „Schmeckt doch ganz gut“, lobte er und verzog dann plötzlich eine Miene, die so  gar nicht zum Gesagten passte. Was war passiert? Ganz einfach: Einer der Hackbällchen war pures Ata, bestes Scheuerpulver aus dem VEB Waschmittelwerk Genthin. Seitdem denken wir bei Mitropa an Nudeln a la Ata. Der Kollege bekam übrigens eine neue Mahlzeit. umit

Süppchen für den Bundeskanzler

Der berühmteste auswärtige Gast in der Güstrower Mitropa war zweifelsohne Bundeskanzler Helmut Schmidt. Für ihn wurde die Lokalität sogar extra mit Teppichen ausgelegt. Denn Schmidt schlürfte dort nach dem Besuch der Barlachstadt in den Abendstunden des 13. Dezember 1981 ein Süppchen bevor er von SED-Chef Erich Honecker auf dem Bahnsteig 1 verabschiedet wurde. Bedient wurde er allerdings nicht von Mitropa-Mitarbeitern. „Die wurden am 12. und 13. Dezember über Nacht und ohne Begründung von ihrer Arbeit freigestellt. Ihre Posten nahmen von der Stasi ausgesuchte Leute ein“, erzählt der Güstrower Reinhard Linda, damals Betriebsleiter der Mitropa in Güstrow und Bützow.  Auch der heute 64-Jährige, der von 1975 bis 1989 dort arbeitete, durfte erst wieder am 14. Dezember die Mitropa betreten.

Das ist Reinhard Linda natürlich besonders in Erinnerung. Aus Erzählungen seiner Vorgänger weiß er auch, dass Ernst Barlach regelmäßig in die Mitropa kam, um hier seinen Kaffee zu trinken, oft in Begleitung von Marga Böhmer, seiner Lebensgefährtin. „Aber im Alltag sollten die 70 Mitarbeiter vor allem für die Reisenden im Einsatz sein. Diese Anordnung konnte jedoch nicht umgesetzt werden, da die Mitropa  ein zentraler Treffpunkt für die Einheimischen, quasi das Wohnzimmer von Güstrow, war,  um ihr Bier und ihren Köm zu trinken, ihren Kaffee und Kuchen zu genießen oder etwas Deftiges zu essen“, erinnert sich Linda. Die Bedienung sei aber auch eine Art Klagemauer gewesen, die sich täglich die Probleme und Sorgen der Gäste anhören musste, so der Güstrower. Geöffnet war die Mitropa von 6 bis 22 Uhr. Ab 22 Uhr wurde der Wartesaal bewirtschaftet. Viele Nachtschwärmer nutzten dort nach Tanzveranstaltungen die Versorgung,  um eine kräftige Brühe mit Ei oder Kassler mit Kartoffelsalat zu essen. Reinhard Linda kennt noch heute die beliebtesten Speisen und Getränke und ihre Preise: Bauernfrühstück (2,40 Mark), Roulade mit Rotkohl und Kartoffeln (3,80),  Soljanka (1,10), Bier (51 Pfennig), Deutscher Weinbrand (1,20), Brause (20 Pfennig).

„Die Mitropa war aber nicht nur das gemütliche Wohnzimmer von Güstrow, sondern hier gab es auch schon mal ein Satz heiße Ohren, wenn der Alkoholpegel überschritten war“, erlebte Linda oft genug. Sehr beliebt war der Außer-Haus-Verkauf. Täglich gingen kalte und warme Platten über die Küchentheke oder wurden den Kunden geliefert. Auch deshalb, weil die Mitropa Sonderkontingente bekam. „Darunter waren ungarische Salami, ungarische Knacker, Champignons in Dosen, Rumpsteak und Schildkrötensuppe“, zählt der Ex-Mitropa-Chef auf. Am 1. Mai, dem Kampftag der Arbeiterklasse, wussten die Güstrower, dass es in der Mitropa immer tschechisches Budweiser-Bier gab, ansonsten nur „Bückware“ – mit Beziehungen unterm Ladentisch zu haben.

Es gab aber auch Zeiten, in denen Sonderkontingente nichts nutzten, weil ganz einfach unzureichend Ware vorhanden war. Linda: „Hinzu kamen irrsinnige staatliche Anweisungen, z.B. in der Zeit als der Kaffee knapp war. Sämtliche Kännchen wurden aus dem Bestand genommen und es durften nur Tassen mit Kaffee verkauft werden.“ Das sei natürlich Schwachsinn gewesen, weil die Gäste sich dann zwei Tassen statt eines Kännchens bestellten“, erzählt Linda kopfschüttelnd. Schlimm war auch der Bierausschank. Das Bier lief in Strömen, aber es gab keine Kühlung. Linda: „Warmes Bier und kalter Schnaps. Aber trotzdem liefen schon mal vier Hektoliter am Tag durch die warme Bierleitung.“

Der strenge Winter 1978 stellte auch die Mitropa in Güstrow auf die Probe ihrer Belastbarkeit. „Es gab die staatliche Anweisung, alle Reisenden kostenlos mit warmen Getränken und warmen Decken zu versorgen. Reisende saßen bis zu zwei Tage in der Mitropa fest. Alles klappte sehr gut“, was Linda trotz vieler Versorgungsengpässe auf die hohe Motivation der  Belegschaft zurückführt. hjko

 

Die Kaffeekännchen und Alulöffel von einst, die Speisekarten und Reklameschilder gibt es noch. Sie finden sich in Inseraten und Ausstellungen, von denen manche nostalgisch sind, andere auch ostalgisch. Denn im geteilten Deutschland gab es die Mitropa nur in der DDR. Die Bundesbahn im Westen hatte ihre eigene Speisewagengesellschaft. Die Mitropa als einer der größten DDR-Betriebe, bekochte sogar Ausflugsschiffe und Flugzeuge. Zum Ende der DDR hin aber gab es immer häufiger Kritik an Angebot und Service.

Die Band Goyko Schmidt punkte sich in den 90ern durch die verblichene Mitropa-Welt und ließ sie nicht gut aussehen: mit warmem Bier, bitterem Kaffee, Stasispitzeln und – immerhin – Honecker-Witzen. Refrain: „Und alle essen Bockwurst.“

Eine Postkarte  um 1930 zeigt Fahrgäste beim Frühstück in einem Mitropa-Speisewagen
Eine Postkarte um 1930 zeigt Fahrgäste beim Frühstück in einem Mitropa-Speisewagen Foto: DB Archiv

Den besonderen Klang ihres Namens hatte die Mitropa vor dem Zweiten Weltkrieg erworben. Da gab es Rheinlachs im berühmten Rheingold-Zug, Clubsessel und Silbergeschirr. Mitropa servierte auch bei der Lufthansa und der Donaudampfschifffahrtsgesellschaft. Ein dunkler Fleck auf ihrer Geschichte bleibt der Ausschluss jüdischer Gäste aus den Speisewagen in der Nazi-Zeit.

Nach der Wende schien es lange, als schenke die Bahn der Gastronomie an Bord nur wenig Beachtung. Die Reisenden haben sich daran gewöhnt, dass Kühlschränke und Kaffeemaschinen häufig ausfallen. Wiederholt überlegte der Konzern, die Speisewagen abzuschaffen.

Doch seit sich der Bahn-Vorstand mit dem Programm „Zukunft Bahn“ gegen die Konkurrenz stemmt, besinnen die Manager sich darauf, dass Komfort Kunden bringt. Und dazu gehört das Speisen auf Reisen.

 

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erstellt am 24.Nov.2016 | 04:45 Uhr

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