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Wirtschaft

04. Dezember 2016 | 00:51 Uhr

Ende des Bargeldes? : „Money, Money, Money“

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Banker und Politiker haben das Bargeld auf dem Kieker. Das hätte Auswirkungen nicht nur auf den Zahlungsverkehr, denn mit Geld kann man so viel spannendere Sachen machen.

Es gab mal zwei verrückte Briten, die nicht wirklich verrückt waren, sondern einfach Popmusiker mit Hang zur radikalen Konsequenz. Bill Drummond und Jimmy Cauty alias The KLF hatten sich, wie so viele, der universellen Pop-Idee vom Reich- und Berühmtwerden verschrieben – und sie verwirklichten sie auf provozierend-geniale Weise. In Nullkommanichts schufen sie einen Top-Hit, exakt nach einem Plan, dessen wichtigste Regel lautete: Klaue stets das Beste vom Erfolgreichen, also von früheren Hits! 1988 eroberten die Rave-Pioniere mit der Single „Doctorin The Tardis“ erstmals die Spitze der UK-Charts. Es folgten noch ein paar Dancepopkracher, ehe sie ihre kurze Popkarriere mit einem Knall beendeten: Die beiden Herren verbrannten ihr locker verdientes Geld 1994 bei einem Happening auf einer kleinen Insel vor der schottischen Küste. Eine Million Pfund in kleinen Scheinen – Asche zu Asche.

Das schöne Geld!, hört man noch 22 Jahre später die Menschen fassungslos rufen. Nicht nur im Osten, wo zur Wendezeit Sprechchöre über die Straßen schallten: „Kommt die D-Mark, bleiben wir, kommt sie nicht, geh’n wir zu ihr!“ Nein, überall dürften all die Inhaber des berühmten gesunden Menschenverstandes die Augen verdrehen und stöhnen: Oh, diese Künstler, dafür ham’se Geld!

Noch, darf man den besorgten Bürgern zurufen, denn dem Geld in seiner verbrennbaren Form soll es ja nun peu á peu an die Existenz gehen. Und den Münzen gleich mit. Am liebsten würden die Banken das Bargeld ganz abschaffen, schließlich ist es als verdinglichtes Zahlungsmittel auch nur ein Kostenfaktor. Als der fällt vor allem das Kleingeld negativ ins Gewicht. Es muss geprägt und gedruckt sowie sicher hin und her transportiert werden. In Ländern wie Norwegen, Finnland und Kanada haben sie deshalb schon die Kleinstmünzen abgeschafft. Und auch in der ersten deutschen Stadt, Kleve, haben etliche Händler vor kurzem die Ein- und Zwei-Cent-Münzen aus dem Zahlungsverkehr gezogen. Stattdessen wird nun auf- oder abgerundet.

Das Papiergeld wiederum missfällt den alten und neuen Finanzkrisenmachern ausgerechnet aus Sorge ums Gemeinwohl. Das Bargeld würde doch vor allem den Ganoven bei ihren Schwarzgeschäften helfen. All den Dieben und Hehlern und finsteren Gestalten des klassischen kriminellen Sektors. „Bargeld braucht nur noch deine Oma – und der Bankräuber“ – den Slogan bekamen die Schweden schon 2010 ins Auge gedrückt und inzwischen glaubt selbst Ex-Abba-Star und „Money, Money, Money“-Schöpfer Björn Ulvaeus dran. Er hat ein Jahr ohne Bargeld gelebt, fand’s toll und gehört nun zur Hälfte aller Schweden, die an die bargeldlose Gesellschaft in 20 Jahren glauben.

Den Deutschen brauchte man mit diesem Auswuchs des technischen Fortschritts lange nicht zu kommen, aber inzwischen verschließen auch sie sich immer weniger der Bezahlbequemlichkeit. Anderen graust dagegen vor der schönen neuen bargeldlosen Welt: den Datenschützern, den Schuldenberatern und den Sammlern. Geldsammeln ist ja nicht nur im Allgemeinen seit Ewigkeiten Menschheitsvolkssport. Es ist auch ein Sammlersport, seit der römische Kaiser Augustus vor rund 2000 Jahren damit als einer der Ersten begonnen haben soll. Allerdings scheint die aktuelle Sammlerszene momentan im Abschwung, wie man auf der weltgrößten Münzmesse in Berlin, der World Money Fair, erfuhr. „Normale Sammler sind bei uns, genau wie in der Briefmarkenszene, ein Auslaufmodell“, grummelte ein bayerischer Altmünzenhändler. „Junge Leute interessieren sich nicht für Münzen, sondern nur Handys und so ein Zeug.“

So ein Zeug, das mit seriöser Numismatik nicht viel zu tun hat, ist zum Beispiel, was an einem Stand feilgeboten wurde: vergoldete Euro-Scheine! Fünfer, Zehner, Hunderter, auch der Fünfhunderter, den die Europäische Zentralbank (EZB) abschaffen will. Die güldenen Fake-Scheine, von Gag-Suchenden gern gekauft, kosten echte 9,90 Euro das Stück.

Würde das Bargeld wirklich allmählich abgeschafft, wäre quasi eine ganze Kunstgattung auf Abstellgleis der Kunstgeschichte geschoben, denn viele Künstler haben sich mit dem Geld künstlerisch befasst, mit teils skurrilen Ergebnissen. Der Maler und Mitbegründer der Konzeptkunst, Marcel Duchamp, beglich 1911 mit einem gezeichneten übergroßen Scheck, der das Wort „Original“ enthielt, eine Rechnung über 115 Dollar bei seinem Zahnarzt Dr. Daniel Tzank. Weil das Kunstwerk natürlich viel mehrt Wert war als das aufgedruckte Geld, gab es logischerweise keine Beanstandungen – und die Bezahlform zog Kreise. Besonders exzessiv bediente sich ihrer Pablo Picasso, der seine Rechnungen, und für seine Freunde gleich mit, in den besten Restaurants nie in bar beglich, sondern stets per Scheck. Weil er wusste, das der Scheck mit seiner Unterschrift allemal mehr wert, als der Rechnungsbetrag, musste er noch nie die Einlösung des Schecks befürchten. Auch nicht dumm, was Andy Warhol machte, als er sich Bares verschaffte, indem er Dollarnoten malte und sie zum Nennwert der gemalten Scheine verkaufte. Klar, dass die heute ein Vielfaches wert sind.

In Kunstmuseum ist das Künstler-Geld gern gesehen, klar. Aber eine populäre Massenkultur wie die Popmusik braucht echtes Bargeld, um sich auszudrücken. Das Klimpern in der Ladenkasse bei „Money“ von Pink Floyd – es steht zugleich für das Klang gewordene Sinnbild des Kapitalismus. Oder das Geld auf Plattencovern. Warum auf dem legendären „Nevermind“-Album ein nacktes Baby im Pool mit einem Dollar-Schein an der Angel geködert wird, wissen vielleicht nur die Nirvana-Musiker selbst. Was die vielen Gangsta-Rapper mit lauter Dollarpaketen auf ihren Coverartworks verbreiten wollen, dürfte jedoch klar sein: Kohlemachen als Lebensziel. Der Greenback als Wahrzeichen, es geschafft zu haben.

Gewitzte Rappergesellen können natürlich auch anders. So gab der Berliner Romano seinen eigenen Dollar heraus, samt seines Konterfeies. Es passte halt gut zu seiner Single „Brenn die Bank ab“, was er im Übrigen nicht wörtlich verstanden wissen will. Außerdem konnte er mit den Fake-Dollars schön sein Publikum bewerfen. Das scheint für Musiker, die mit ihrer Kunst nicht reich geworden sind, offenbar ein besonderer Spaß zu sein. Auch Knorkator ließen schon ihre Eigenwährung Knork, die sie passend zu ihrem Lied „Geld“ erfunden hatten, auf die armen Fans rieseln.

Dagegen wäre die Fake-Dollar-Performance von US-Rapper 50 Cent fast nach hinten losgegangen. Vor einigen Monaten hatte er auf Instagram Fotos gepostet, auf denen er Hunderter-Bündeln zum Wort „broke“ zusammengelegt hat, zu deutsch „pleite“. Das ist er nämlich, nachdem er im Juni 2015 Insolvenz angemeldet hatte. Dummerweise war das Foto auch seiner Richterin nicht entgangen, die prompt wissen wollte, woher all das Geld stamme. 50 Cent versicherte daraufhin schriftlich, dass es sich nur um Blüten handelte. Die Fotos habe er nur gepostet, um im Gespräch zu bleiben, was bei HipHop-Fans nur ginge, wenn man als Rapper seinen Reichtum zeige. Das sei quasi unter Künstler-Markenpflege gelaufen, wie sein Verteidiger meinte. Wohl selten gab es ein kunstsinnigeres Plädoyer zur Notwendigkeit von Geld im Allgemeinen und Banknoten im Besonderen – und einen schöneren Appell zur Bewahrung der HipHop-Kultur. Es sollte den Gegnern des Bargelds, ob echt oder gefälscht, zu denken geben.

 


 

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