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Wirtschaft

29. September 2016 | 12:10 Uhr

Seefahrt im Wandel : „Auf dem Schiff ist jeder ein offenes Buch“

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Die Seefahrt hat sich in den vergangenen Jahren stark verändert. Drei, die das wissen, sind die Kapitäne Heinrich Möller, Andrej Siebenhaar und Werner von Unruh.

Das Steuerrad der MS Stadt Kiel hielten sie alle schon mal in den Händen. An Bord des historischen Salonmotorschiffs treffen die drei Kapitäne mit ganz unterschiedlicher Erfahrung aufeinander, um für das Wochenend-Magazin über ihren Beruf zu sprechen. Da ist Heinrich Möller, ein alter Hase, der von 1957 bis 1978 auf großer Fahrt unterwegs war, viele Jahre davon als Kapitän. Später arbeitete der Kieler als Lotse und Werftprobefahrer. Seit 2005 ist der 74-jährige Rentner einer von mehreren Kapitänen, die das Motorschiff Stadt Kiel in Bewegung halten. Sein junger Kollege Siebenhaar fährt als 1. Offizier auf Containerschiffen der Reederei Leonhardt und Blumberg. Der gebürtige Wuppertaler, der nun in Hamburg wohnt, ist einer der Kapitäne der Zukunft. Seine Ausbildung absolvierte der 29-Jährige an der Seefahrtsschule in Elsfleth, an der der dritte im Bunde, Werner von Unruh, als Dozent tätig ist. Der Professor steht in gewisser Weise zwischen Möller und Siebenhaar, weil er die alte Seefahrt erlebt hat und seine Erfahrungen an Studierende weitergibt. Früher war er für die Reedereien Hamburg Süd und Hapag Lloyd auf großer Fahrt, heute hat der 61-jährige Kieler das Kommando über Schiffe wie die Stettin und die Cap San Diego, auch auf der MS Stadt Kiel steht er gelegentlich auf der Brücke.

Von Unruh: Es ist für uns alle eher Berufung als Job. Seefahrt ist eine Art Lebensform.
Siebenhaar: Sonst hält man das auch nicht durch. Kollegen, die den Beruf nur wegen des Geldverdienens gewählt haben, halten es nicht durch. Nach ein paar Jahren kommt die schlechte Laune durch, wenn man nicht für die Seefahrt geboren ist.

Aus welchen Gründen haben Sie sich entschieden, zur See zu fahren?
Möller: Ich bin durch die Segelei zur Seefahrt gekommen. Und dann nahm alles seinen Lauf.

Von Unruh: Bei mir war es so, dass ich mit dem Kieler Fördedampfer zur Schule gefahren bin, von Mönkeberg nach Bellevue, um die Hebbelschule zu erreichen. Das gefiel mir so gut. Und später ließ ich mich von einem Bekannten, der ein Kapitänspatent hatte, für die Seefahrt begeistern.

Siebenhaar: Ich bin in Wuppertal groß geworden und wer die Stadt kennt, weiß, dass man dort gerne weg will. Ich wollte nach dem Abitur erstmal raus. Ich bin zufällig über die Seefahrt gestolpert. Bis dahin hatte ich auch abgesehen von Ferien an der Nordsee keine Verbindung zum Meer. Die Seefahrt ist für mich der schönste Weg, was von der Welt zu sehen.

Von Unruh: Es war natürlich interessant, die Welt kennenzulernen, aber spannend fand ich vor allem die Maschine. Der erste Kapitän, unter dem ich fuhr, sagte: „Du willst auch irgendwann einmal diese Orgel spielen, dieses Instrument namens Schiff.“ Das war es tatsächlich. Mich hat immer vielmehr das Objekt Schiff beeinflusst, als die Sehnsucht nach der Ferne.Wenn man auf Großer Fahrt ist, verbringt man eine lange Zeit, meistens mehrere Monate, auf hoher See. Auf begrenztem Raum mit anderen Seemännern.

von Unruh: Wie viel Spaß es macht, steht und fällt mit der Crew, mit den Menschen, mit denen man an Bord ist. Es kann der letzte Kasten sein, auf dem man fährt, aber wenn die Gemeinschaft der Besatzung stimmt, ist es eine tolle Sache. Die Kontakte bestehen bis heute. Das Miteinander verbindet.

Möller: Das ist das Interessante: An Bord kannst Du Deinen Charakter nicht verstecken. Auf einem Schiff kann man sich eine Woche lang verstellen, aber danach ist jeder ein offenes Buch. Menschenführung ist die Aufgabe eines Kapitäns. Eine Gruppe bilden, ein gutes Klima erzeugen. Man muss aufpassen, dass man niemanden überlastet – oder unterlastet.

Siebenhaar: Es kann dabei natürlich zu Konflikten kommen. Meistens nur Lappalien, aber einmal habe ich einen ernsten Fall erlebt: Eine Messerstecherei mit Todesfolge. Das ist absolut das Heftigste, was man erleben kann. Aber man konnte dem Kapitän keinen Vorwurf machen. Nach einem Streit zwischen zwei Männern, bei dem es um eine Frau ging, sollte einer der beiden von Bord gehen. Als er davon erfuhr, ist er ausgerastet und erstach seinen Kollegen.

Ist ein Kapitän heute noch die Respektsperson, die er früher war?
von Unruh: Das hängt von der Persönlichkeit ab.

Möller: Man konnte zu alten Zeiten als Kapitän einen Kritikwall aufbauen. Es gibt doch den Spruch: Der Kapitän hat immer Recht. So war das.

Siebenhaar: Heute ist es ähnlich. Wichtig ist die Kommunikation zwischen Kapitän und Offizieren. Der Kapitän ist auf jeden Fall heute noch die Respektsperson an Bord. Die Schwierigkeiten treten von außen auf: Die Reedereien oder Charterunternehmen üben immer mehr Druck auf Kapitäne aus, mehr Ladung mitzunehmen oder schneller zu laden und zu löschen. Dann wird schnell mal ein Kapitän ausgetauscht. Nicht weil er schlecht ist, sondern um Streit mit einem Charterer beizulegen.

von Unruh: In den Charterunternehmen sitzen häufig studierte Wirtschaftswissenschaftler, die nie selbst zur See gefahren sind. Früher war es so, dass für wichtige Entscheidungen ein erfahrener Kapitän ins Büro kam, um nachzuvollziehen, was ein aktiver Kapitän zu entscheiden hatte.

Siebenhaar: Es kommt dadurch auch dazu, dass die Kollegen an Land Dinge verlangen, die gar nicht möglich sind. So soll man heute mit immer größeren Schiffen in Häfen einfahren. Selbst wenn die Lotsen sagen, dass es physikalisch gar nicht möglich sei – „Wir kommen da nicht rein!“ – wird gesagt, dass es im Schiffssimulator möglich gewesen sei.

Was ist, wenn das schief geht?
Siebenhaar: Dann ist der Kapitän der Verantwortliche. Wenn es schief geht, hat er die Schuld. Er hätte ja sagen können, dass er es nicht so macht, wie es von ihm verlangt wird.

von Unruh: Die Verantwortung nimmt ihm keiner ab. In solchen Fällen haben die Reederei oder der Charterer offiziell auch nie etwas gesagt. Früher gab es mehr Verständnis an Land für die Arbeit der Kapitäne. Es ist zu merken, dass die Wirtschaftler in den Büros keine Vorstellung von der Verantwortung eines Kapitäns haben.

Möller: Selbst vom Wetter und dessen Auswirkung auf die Seefahrt haben die oft keine Ahnung.

Bekommt man durch den Beruf ein anderes Verantwortungsbewusstsein?
Siebenhaar: Ich denke schon. Es fehlt mir aber der Vergleich, wie ein anderer das sieht.

Möller: Wer als Kapitän auf Schiffen gefahren ist, hat irgendwie ein anderes Verantwortungsgefühl und kann sich in andere Kapitäne hineinversetzen. Wenn man nicht die Verantwortung in dem Job kennengelernt hat, kann man nicht so gut beraten.

von Unruh: Man lernt, zwischen wichtig und unwichtig zu unterscheiden. Stichwort: Wettereinflüsse. Hier geht es ums Elementare. Der Kapitän muss abwägen, was möglich ist – bei Nebelfahrten oder Stürmen mit hohen Wellenbergen. Hierbei geht es ja nicht nur um Sachwerte, sondern vor allem auch um Menschenleben.

Die Personenzahl an Bord ist in den letzten Jahren gesunken. Welche Auswirkungen hat das auf die Schifffahrt?
von Unruh: In der Vergangenheit hatte der Kapitän auf See ein angenehmeres Leben. Aufgrund der Personaleinsparungen muss der Kapitän viel mehr Aufgaben übernehmen als früher, zum Beispiel auf Wache gehen. Da hat sich das Arbeitsbild deutlich geändert. Teilweise wird der Kapitän heute mit Aufgaben belastet, die seiner Verantwortung nicht entsprechen. Auf der einen Seite soll er die komplette Verantwortung tragen, auf der anderen Seite muss er nebenbei so viele Dinge machen, dass er überlastet ist.

Siebenhaar: Das Schiff zu fahren, ist heute Nebensache. Hauptaufgabe des Kapitäns ist es mittlerweile, E-Mails zu schreiben – an die Reederei oder den Charterer, um darüber zu informieren, wo das Schiff gerade ist und welches Wetter vor Ort vorherrscht. Der Kapitän sitzt dafür am Computer in seiner Kajüte, während seine Offiziere das Schiff steuern. Er übernimmt nur beim Anlegen die Kontrolle über das Schiff.

Das klingt nach einer dramatischen Veränderung in der Seefahrt, weil die Sicherheit darunter leiden dürfte.
von Unruh: Offiziell ist das ja gar nicht so. Aber es muss bedacht werden, dass die technische Weiterentwicklung so genutzt werden sollte, dass der Kapitän sich wieder auf die Schiffsführung konzentrieren kann. Das ist die Voraussetzung für einen sicheren Schiffsverkehr

Siebenhaar: Die Arbeitsbelastung muss weniger werden. Wir laufen mittlerweile zu jeder Tageszeit ein oder aus. Manchmal ist man dadurch 20 Stunden auf den Beinen, zum Beispiel bei der Fahrt durch den Panama-Kanal.

Möller: Die Überlastung war früher aber ähnlich.

von Unruh: Ein wesentliches Problem in der Schifffahrt – sowohl früher als auch heute – ist die Übermüdung. Das ist ein Sicherheitsrisiko. Selbst wenn die Besatzung gut eingeteilt ist. Denn wenn schlechtes Wetter ist, kann man nicht gut schlafen. Dann fehlt die Erholung trotz gut geplanter Schichten. Es gibt immer wieder die Situation, in der man übermüdet auf der Brücke steht, aber wichtige Entscheidungen zu treffen hat.

Siebenhaar: Wenn man an Land über Milliardenwerte entscheiden muss, kommen Aufsichtsräte zusammen und beraten sich stundenlang. Auf See muss man als Kapitän in Sekundenschnelle eine Entscheidung treffen.
von Unruh: Wenn weniger administrative Tätigkeiten auf den Kapitän fallen würden, dann könnte man die Übermüdung in den Griff bekommen.

Wie ist der Beruf mit dem Familienleben zu vereinbaren?
(allgemeines Lachen)
Möller: Man braucht an Land Verständnis, sonst geht das gar nicht.

Siebenhaar: Man muss eine Partnerin finden, die das versteht. Ich selbst habe es schon erlebt, dass eine Beziehung wegen einer langen Reise zu Ende ging.

von Unruh: Man kann es nicht mit früher gleichsetzen. Damals sagte man: „Ach, stellt Euch nicht so an.“ Das war eine andere Gemeinschaft. Aber in der Seefahrt gibt es Bereiche, zum Beispiel die kleine Fahrt oder die Lotsenarbeit, die das Familienleben erleichtern.

Sie alle haben die ganze Welt gesehen – wo war es am schönsten?
von Unruh: Sydney und Vancouver.

Siebenhaar: Ja, Sydney hat mir auch gefallen. Man kommt mit dem Schiff zwar nicht an der Oper vorbei, aber trotzdem ist die Stadt sehr schön.

Möller: Ich bin ein großer Mexiko-Fan. Dort wäre ich sogar beinahe mal hängengeblieben. (schmunzelt) Beeindruckt haben mich dort die Pyramiden. Es kam auch vor, dass ich einen Anruf bekam: „Mensch, Du musst da mal runterkommen.“ Und dann hat meine Crew das Ausfüllen der Schiffspapiere verzögert, damit ich es rechtzeitig vor dem Auslaufen zum Schiff schaffe.

Es heißt, dass Seemänner abergläubisch sind. Wie sieht es bei Ihnen aus?
Möller: Man muss einen gewissen Respekt vor der Natur haben. Der fliegende Holländer macht mir keine Angst, aber Monsterwellen können gefährlich werden.

Siebenhaar: Es kann einem anders werden, wenn man auf der Brücke steht und eine Welle entgegenkommen sieht, die so hoch ist wie das Schiff. Das knallt dann.

von Unruh: Als Seemann erkennt man, dass der Mensch nicht alles beherrschen kann. Dankbarkeit, wenn alles gut gegangen ist. Denn es kann verdammt viel schief gehen, was nicht in der eigenen Hand liegt.

Siebenhaar: Eine hundertprozentige Sicherheit gibt es nicht, schon gar nicht in der Seefahrt.

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erstellt am 13.Feb.2016 | 16:00 Uhr

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