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Politik

09. Dezember 2016 | 03:00 Uhr

Anti-Terror-Einsatz in Sachsen : Was wir wissen und was nicht

vom

Bei einem Anti-Terror-Einsatz in Chemnitz werden in einer Wohnung 1,5 Kilogramm hochexplosiver Sprengstoff gefunden. Nach zweitägiger Fahndung ist der verdächtige Bombenbauer gefasst, ein 22-jährigen mutmaßliche Islamist aus Syrien. Vieles an dem Fall ist weiter unklar.

WAS WIR WISSEN:

- Dschaber al-Bakr, geboren am 10. Januar 1994 südlich von Damaskus, hat laut Bundesanwaltschaft einen «islamistisch motivierten» Anschlag «geplant und bereits konkret vorbereitet». Die Ermittler gehen davon aus, dass der Syrer Kontakt zur Terrororganisation Islamischer Staat (IS) hatte. Verhalten und Vorgehensweise des 22-Jährigen sprächen dafür. Demnach hat Al-Bakr zur Herstellung von Sprengsätzen im Internet recherchiert und die Grundstoffe dafür beschafft.

- Die Bundesanwaltschaft hat «wegen der besonderen Bedeutung des Falles» die Ermittlungen übernommen. Den Ausschlag gab die Art und Menge des in einer Chemnitzer Wohnung gefundenen Sprengstoffs. Nach ihren Angaben agierte der Beschuldigte überaus professionell, Erkenntnisse über ein konkretes Ziel für den von Al-Bakr geplanten Sprengstoffanschlag liegen derzeit nicht vor.

- In der Chemnitzer Wohnung, in der sich der 22-Jährige zuletzt aufhielt, wurden laut den Ermittlern «rund 1,5 Kilogramm extrem gefährlicher Sprengstoff» gefunden. Dabei handele es sich um TAPT, das auch bei den Terroranschlägen in Brüssel und Paris benutzt wurde. Das laut den Spezialisten «äußerst sensible, hochexplosive und instabile» Material wurde in einem ausgehobenen Erdloch kontrolliert vernichtet, die Detonation war noch in deutlicher Entfernung spürbar.

- Hinweise auf Al-Bakr kamen vom Bundesnachrichtendienst und vom Bundesamt für Verfassungsschutz. Den Hinweis auf die später vom SEK gestürmte Wohnung gab am Freitag der Verfassungsschutz, der ihn seit Mitte September beobachtete. In den vergangenen Tagen hatten sich die Hinweise verdichtet, dass sich der Mann in der Wohnung aufhält. Es bestand der Verdacht, dass möglicherweise ein Sprengstoffgürtel kurz vor der Fertigstellung oder gar einsatzbereit ist.

- Al-Bakr kam am 19. Februar 2015 nach Deutschland, wurde in München registriert und in die Erstaufnahme nach Chemnitz weitergeleitet. Im Oktober 2015 erhielt er eine befristete Anerkennung für drei Jahre. Ab 10. März 2016 war er in Eilenburg nordöstlich von Leipzig gemeldet und bisher nicht auffällig.

- Die Festnahme des 22-Jährigen am Samstag scheiterte. Der erste Zugriff des SEK in dem nicht geräumten Plattenbau im Chemnitzer Fritz-Heckert-Viertel wurde abgebrochen. Es war nicht klar, in welcher Wohnung er sich aufhält. Später war das SEK nicht nah genug dran, um Al-Bakr zweifelsfrei zu identifizieren. Ein Mann verließ das Haus noch während der Umstellung des SEK auf Evakuierung und flüchtete trotz Warnschuss. Ein gezielter Schuss war laut LKA zu riskant, da Unbeteiligte sich in der Nähe befanden.

- Al-Bakr wurde erst in der Nacht zum Montag im Leipziger Plattenbauviertel Paunsdorf gefasst. Nach Angaben der Dresdner Ermittler haben drei Landsmänner ihn in ihrer Wohnung überwältigt, gefesselt und die Polizei informiert, die ihn abholte. Nach dpa-Informationen hatte Al-Bakr einen Syrer am Hauptbahnhof angesprochen und gefragt, ob er bei ihm schlafen könne.

- Den Mieter der erstürmten Chemnitzer Wohnung halten die Ermittler nach derzeitigem Stand für einen Mittäter. Khalil A. war am Samstag am Chemnitzer Hauptbahnhof festgenommen worden. Gegen ihn wurde Haftbefehl wegen Beihilfe zur Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat erlassen. Er soll Al-Bakr seine Wohnung überlassen, von dessen Anschlagsplänen gewusst und für ihn Substanzen im Internet bestellt haben.

- Khalil A. kam am 25. November 2015 nach Deutschland, beantragte in Bad Berleburg (Nordrhein-Westfalen) Asyl und lebte seit Juli 2016 in Chemnitz. In seiner Wohnung wurden neben dem Sprengstoff weitere Materialien zur Herstellung einer Sprengstoffweste gefunden und sichergestellt.

- Zwei Landsleute des Gesuchten, die am Samstag in der Siedlung und am Chemnitzer Hauptbahnhof festgenommen worden waren, kamen am Sonntag wieder frei. Der Verdacht, Kontakt zu dem Terrorverdächtigen gehabt zu haben, bestätigte sich nicht.

- Befragt wurde ein weiterer Mann, der ebenfalls Kontakt zu ihm gehabt haben soll. Das Spezialeinsatzkommando hatte auch seine Wohnung im Chemnitzer Yorckviertel gestürmt. Die Ermittlungen dazu dauern an.

- Seit Freitag arbeiten rund 700 Ermittler an dem Fall, unterstützt von Bereitschaftspolizei, Bundeskriminalamt (BKA), Bundespolizei sowie Beamten aus Bayern, Brandenburg, Thüringen und Berlin sowie vom Verfassungsschutz. Gemeinsam mit dem BKA wird nun eine Ermittlungsgruppe eingerichtet.

WAS WIR NICHT WISSEN:

- Handelte Al-Bakr aus eigenem Antrieb oder wurde er aus dem Ausland gesteuert? Ein im September in Köln festgenommener 16-jähriger Syrer hatte nach Ermittler-Angaben von einem Chatpartner im Ausland Anweisungen zum Bombenbau erhalten.

- Unklar ist, ob Al-Bakr zum Zeitpunkt des Anti-Terror-Einsatzes überhaupt in dem Haus im Chemnitzer Fritz-Heckert-Viertel war. Die Ermittler wissen auch nicht, wer der Mann war, der nach dem Warnschuss weggerannt ist.

- Noch unbekannt ist, wie genau sich der Verdächtige und die Syrer, die ihn überwältigten, getroffen haben.

- Unklar ist auch noch, ob Al-Bakr allein handelte oder Mittäter hatte.

- Offen ist, wo sich der Terrorverdächtige seit Freitag aufgehalten hat, ob er bewaffnet war und wie er von Chemnitz nach Leipzig kam. Sprengstoff hatte er bei der Festnahme nicht bei sich.

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erstellt am 10.Okt.2016 | 19:31 Uhr

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