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Politik

25. Mai 2016 | 07:15 Uhr

Richard von Weizsäcker : Versöhner von Geist, Macht und Nation

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Deutschland trauert um Richard von Weizsäcker: Altbundespräsident stirbt im Alter von 94 Jahren – Trauerstaatsakt am 11. Februar

Wenn er einen Raum betrat, spürte man die Aura, seine Energie. Die Augen leuchteten, strahlten, wirkten stets hellwach. Der Blick war meist freundlich, aber auch bestimmt. Jetzt, mit 94 Jahren, haben ihn die Kräfte verlassen. Sonnabend ist Richard Freiherr von Weizsäcker zu Hause in seiner Villa in Berlin-Dahlem verstorben. Die Krankheit hatte ihm bereits seit Monaten zugesetzt und zuletzt in den Rollstuhl gezwungen.

Trauer und Anteilnahme sind groß. Staats- und Regierungschefs aus aller Welt würdigten den großen deutschen Staatsmann. Über alle Partei- und Fraktionsgrenzen hinweg loben Politiker hierzulande Leben und politische Leistung des früheren Bundespräsidenten und eines der bedeutendsten deutschen Staatsmänner. Am 11. Februar will die Staatsspitze in Berlin mit einem Gottesdienst und anschließendem Trauerstaatsakt Abschied von Weizsäcker nehmen.

Joachim Gauck stockt die Stimme. „In tiefer Dankbarkeit verneige ich mich vor einem großen Deutschen“, erklärt der Bundespräsident am Samstag nach Bekanntwerden der traurigen Nachricht im Schloss Bellevue. „Er war ein Welt- und ein Staatsbürger im besten Sinne“, lobt Gauck den Mann, der für das Amt des ersten Mannes im Staate Maßstäbe gesetzt hat.

Von Weizsäcker gilt als „Über-Präsident“, als Idealbesetzung für diese Aufgabe. Der frühere CDU-Politiker hat dem Amt wieder die Würde und Bedeutung gegeben, die unter manch einem seiner Vorgänger nicht immer erkennbar war. Und dies nicht in erster Linie durch seine Erscheinung, sein Charisma und sein tadelloses und formvollendetes Auftreten, sondern vor allem durch seine Wortgewalt, seinen Esprit und Verstand, den Mut, auch zum Unbequemen und den Willen zur Versöhnung.

Es würde seiner großen politischen Karriere nicht gerecht, ihn nur auf diesen einen Satz und diese eine historische Rede im Deutschen Bundestag am 8. Mai 1985 zum 40. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs zu reduzieren. Doch gerade und allein schon für diesen Satz müssen ihm Deutschland und die Deutschen unendlich dankbar sein. „Der 8. Mai war der Tag der Befreiung“, sagte von Weizsäcker damals. Es sei Hitler gewesen, der zur Gewalt gegriffen habe. Der 8.  Mai, die Befreiung durch die Alliierten, habe Deutschland von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft erlöst. Er bekannte sich zur kollektiven Schuld und zur Verantwortung für das Unrecht der Vergangenheit.
Eine Definition, mit der sich damals noch immer viele schwertaten, die das Kriegsende als Niederlage und schmachvolle Katastrophe empfanden.

Seine Rede gilt bis heute als rhetorisches Meisterwerk und pädagogisches Lehrstück, eine Art zweiter Befreiung. „Er hat damit ganz wesentlich dazu beigetragen, dass die große Mehrheit der Deutschen der schrecklichen Wahrheit des Nationalsozialismus ungeschminkt ins Gesicht gesehen hat“, sagt sein langjähriger Vertrauter, früherer Redenschreiber und Sprecher, Professor Friedbert Pflüger.

Die Diktatur der Nationalsozialisten, der Zweite Weltkrieg und die historischen Folgen waren wohl von Weizsäckers großes Lebensthema. Sechs Jahre diente er im Potsdamer Elite-Infanterie-Regiment 9, erlebte sechs Jahre lang den Schrecken des Krieges in Polen und Russland, musste den Tod des geliebten Bruders im Felde betrauern. Nach dem Krieg half von Weizsäcker als junger Jurist, seinen Vater Ernst in den Nürnberger Prozessen zu verteidigen, der als Diplomat und Staatssekretär im Auswärtigen Amt dem Nazi-Regime gedient hatte.

Helmut Kohl soll Richard von Weizsäcker schließlich in den sechziger Jahren für die Politik und die CDU entdeckt haben. Er hatte inzwischen als erfolgreicher Jurist Erfahrungen in der Wirtschaft gesammelt, war Präsident des evangelischen Kirchentages und als geistreicher Kopf aufgefallen.

„Ritschie“, wie ihn Parteifreunde nannten, wurde CDU-Bundestagsabgeordneter und schließlich 1981 zum Regierenden Bürgermeister von West-Berlin gewählt. Vier glückliche Jahre in der geteilten Stadt, die ihn auch für das spätere Präsidentenamt prägen sollten. Bis heute mögen und schätzen die Berliner ihn. „Berlin im Herzen und im Sinn“, titelte die Presse zum Abschied.

Das geteilte Deutschland war ein weiteres großes Thema seines politischen Lebens. Die deutsche Frage, mahnte er, sei offen, solange das Brandenburger Tor geschlossen sei. Er habe sich auch vor 1989 und dem Fall der Mauer als Präsident aller Deutschen verstanden und sich für die Überwindung der deutschen Teilung eingesetzt, als andere schon nicht mehr daran geglaubt hätten, erinnert sich sein enger Vertrauter Pflüger.

Nach zunächst vergeblichem Anlauf wurde er schließlich 1984 zum Bundespräsidenten gewählt, und war für viele von da an als „Präsident aller Deutschen“ (Weizsäcker über Weizsäcker) nicht mehr aus der Bonner Villa Hammerschmidt und später aus dem Schloss Bellevue wegzudenken. Die Rückkehr ins vereinte Berlin war für ihn, den „Preußen aus Stuttgart“ wie ihn Altkanzler Helmut Schmidt beschrieben hat, die Erfüllung eines Lebenstraumes. „Ich werde nie seine Ansprache am 3. Oktober 1990 vergessen, und meinen inneren Jubel, als er sagte: ‚So erleben wir den heutigen Tag als Beschenkte. Die Geschichte hat es diesmal gut mit uns Deutschen gemeint‘“, erinnerte Kanzlerin Angela Merkel am Samstag an den Verstorbenen.

Mit seiner Kritik am Parteienstreit, an „Machversessenheit statt konzeptioneller Führung“, brachte von Weizsäcker als Bundespräsident vor allem die CDU und seinen früheren Förderer Helmut Kohl gegen sich auf. Weizsäckers Amtsverständnis als überparteiliches Staatsoberhaupt kam dafür bei den Bürgern umso besser an. Von Weizsäcker, ein „Versöhner von Geist, Macht und Nation“, ein Glücksfall für Deutschland und darüber hinaus.

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