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Politik

24. August 2016 | 10:38 Uhr

Angst vor Anschlägen wächst : „Terrorismus kann nicht gewinnen“

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Soziologe Horx im Interview: Die Menschen rücken zusammen

Terroristen werden unser Alltagsleben nicht entscheidend verändern können – davon zeigt sich der Zukunftsforscher Matthias Horx (60) überzeugt. Eine Bedrohung führe immer auch zu einer Gegenreaktion von Liebe und Empathie, wie sich in Paris gezeigt habe, sagt der Leiter des Zukunftsinstituts in Frankfurt im Interview mit Jörn Perske.

Die Flüchtlingskrise ist eines der beherrschenden Themen. Wie wird der Zustrom von Asylbewerbern die Gesellschaft in Deutschland beeinflussen?
Horx: Deutschland wird vielfältiger, reichhaltiger, komplexer - aber eigentlich ist das nichts Neues. Weil Deutschland ja nie ein kulturell oder ethnisch „reines“ Land war wie etwa Japan oder Island, ist unsere Kultur aus ständiger Einwanderung entstanden. Die Hugenotten, die Polen im Ruhrgebiet, die Gastarbeiter in den 1960ern, und so weiter und so fort.

Was resultiert aus dieser Einwanderung?
Unsere Kultur wird langsam mit höherer kultureller Vielfalt angereichert. Zwischen Ost und West gab es immer ein großes Gedränge und Geschiebe. Jetzt verschiebt sich das in den globalen Rahmen, und es herrscht große Unruhe. Aber das ist einfach eine neue Normalität. Allerdings stellen wir nun fest, dass wir im eigenen Land unintegrierbare Inländer haben: Menschen, die Hass und Abneigung predigen und sich seltsamen „Reinheitsideologien“ anschließen. Stichwort Pegida.

Terroranschläge haben die Welt 2015 in Atem gehalten. Wird die potenzielle Bedrohung das Leben künftig in Deutschland verändern?
Nicht mehr als der 11. September, von dem ja auch alle behauptet haben, es würde danach auf der Welt nie mehr so sein wie vorher. Das stimmte im Groß-Politischen - aber es stimmte auf der Alltagsebene eben nicht, da gelten ganz andere Gesetze. Um die Welt tatsächlich zu verändern, ist der Terrorismus viel zu schwach, deshalb wählt er ja den Weg der psychischen Verunsicherung, was bei vielen Menschen offensichtlich klappt. Es gibt aber auch eine Gegenreaktion von Liebe und Empathie, die sich wieder einmal in Paris gezeigt hat. Der Terrorismus kann nicht gewinnen, weil Bedrohung immer als Gegenreaktion Solidarität, Zusammenschluss, Wir-Gefühl erzeugt. So sind wir evolutionär als Menschen geprägt. Wenn die Terroristen das verstehen würden, würden sie aufhören: Sie fördern letzten Endes das existenziell Zwischenmenschliche.

Welche gesellschaftlichen Phänomene werden Menschen in Deutschland 2016 verstärkt beschäftigen?
Wir kommen in eine Zeit, in der die Gegentrends stärker werden als die Trends. Jede große Trendentwicklung erzeugt ja einen Widerstand. Globalisierung führt zu einer verstärkten Sehnsucht nach Heimat und Region. Individualisierung führt zu einer Suche nach Gemeinschaft. Immer mehr leerer Konsum führt zu einer neuen Sinnsuche.

Was resultiert daraus?
Jetzt entwickelt sich eine echte Bewegung zur Achtsamkeit - oder „Mindfulness“ auf Englisch. Das ist der Trendbegriff der kommenden Jahre. In einer überreizten und übervernetzten Welt versuchen immer mehr Menschen, ihre eigene mentale Souveränität wieder herzustellen. Zum Achtsamkeitstrend gehört der Yoga-Boom ebenso wie der Trend zu einer konstruktiv-positiven Psychologie, in der wir unsere Selbstwirksamkeit wiederfinden können.

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erstellt am 30.Dez.2015 | 21:00 Uhr

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