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Politik

09. Dezember 2016 | 14:38 Uhr

Kommentar zur US-Wahl : Schamloser Präsident

vom
Aus der Onlineredaktion

Trumps Triumph stellt das politische System der freien westlichen Gesellschaft infrage

Political correctness – einst Formel und Inbegriff für zivilisierte, kultivierte politische Auseinandersetzung in einer offenen, demokratischen Gesellschaft, ist zum Kampfbegriff verkommen. Ausgerechnet das liberalste Land der „Freien Welt“ wird nun von einem Mann regiert, der das politisch Unkorrekte, den Tabubruch, zu seinem Markenkern machte. Ein Großkapitalist, Hasardeur, Antisemit und Ausländerfeind triumphiert. Worüber eigentlich? Über eine Kandidatin, die ihrerseits als Verkörperung eines korrumpierten und intriganten Establishments gelten könnte – wenn sie nicht ein Programm verträte, das den Werten der aufgeklärten Gesellschaft verpflichtet ist: Toleranz, Gleichstellung und Minderheitenschutz.

Vereinfacher-Bewegungen sind europaweit auf dem Vormarsch, während globalisierte Dekadenz die „Freie Welt“ diskreditiert. Empfunden wird nicht nur von unterprivilegierten Gesellschaftsschichten, dass Politik sich in ihrer Komplexität zu weit vom Volk entfernt hat, dass Vieles gar jenseits demokratischer Verfahren entschieden wird – nicht nur Freihandelsabkommen wie TTIP.

Populisten haben zwar keine besseren Konzepte, doch bevor jene, die sich zu kurz gekommen fühlen, merken, dass solche Leute keines ihrer Probleme lösen, viele sogar noch verschlimmern werden, hat sich womöglich eine politische (Un-)Kultur etabliert, die eine Rückkehr zur kultivierten, werteorientierten Auseinandersetzung unmöglich macht. Absurderweise kann das Wahlergebnis aber heilsam sein: Russlands Präsident Wladimir Putin erscheint im Vergleich zu Trump als seriöser Staatsmann und Garant für Abkommen wie den Atomdeal mit dem Iran. So könnte ein Trump, der Putin nicht schlechter stellt als arabische Potentaten, geopolitisch wieder eine Balance herstellen, die die Lösung internationaler Konflikte leichter macht. Jedenfalls zwingt das Wahlergebnis westeuropäische Demokratien zur Revision erstarrter Rituale. Sehen wir ihn als Fanal für eine Modernisierung der Demokratie statt für deren Untergang.

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erstellt am 10.Nov.2016 | 05:00 Uhr

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