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Politik

03. Dezember 2016 | 12:34 Uhr

Sterben im Erdloch : Ruksanas Tod und die Taliban

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Die Taliban kehren zurück und damit ihre Rechts- und Moralvorstellungen. Frauen werden gesteinigt, ausgepeitscht, erschossen

Herat Ruksana stirbt in einem Erdloch außerhalb des Dorfes Kalmi Abdak in der entlegenen afghanischen Provinz Ghor. Männer mit schwarzen Turbanen gehen gemessenen Schrittes um sie herum und schleudern Steine. Von Ruksana ist nur ihr Kopf zu sehen. Sie betet.

Mit jedem Stein, der ihre Stirn, ihre Ohren, ihren Hinterkopf trifft, wird ihre Stimme höher und spitzer. Es ist eine Szene aus einem verschwommenen Schwarzweißvideo aus dem Oktober 2015. Es bricht ab, bevor das Mädchen tot ist.

Es ist auch ein Fall eines „neuen, verstörenden“ Trends, wie die Vereinten Nationen in Afghanistan es nennen. 15 Jahre, nachdem die internationale Gemeinschaft einmarschiert war, um die Islamisten und ihr steinzeitliches Regime zu vertreiben, steigt die Zahl der Steinigungen, Auspeitschungen, Tötungen von Frauen und Mädchen wieder.

Das gewinnt besondere Bedeutung angesichts der internationalen Geberkonferenz für Afghanistan in dieser Woche in Brüssel. Die Frauen des Landes zu „befreien“ war ein Hauptziel der internationalen Gemeinschaft seit 2002 – es war auch eine gerne genutzte und emotional aufgeladene Rechtfertigung des Einsatzes, der Milliarden kosten sollte. Aber zwischen Brüssel und den afghanischen Provinzen klaffen Welten.

In einem Bericht der Aufsichtsbehörde für den afghanischen Wiederaufbau des US-Senats (Sigar) heißt es im Juli, die afghanische Regierung kontrolliere nur noch rund 65 Prozent der Bezirke. Im Januar waren es noch 70. Folgt man dem, kontrollieren oder beeinflussen die Taliban rund 35 Prozent des Landes. Was bedeutet das für die Frauen? Für Ruksana bedeutete es den Tod in einem Erdloch.

Ruksana war ein lebenslustiges Mädchen, sagt der Vater. Ein Jahr nach ihrem Tod sitzt er in einem Hotelzimmer in der westafghanischen Provinz Herat und weint. Nur ein Bild gebe es von ihr, sagt er, ein Verwandter hat es auf sein billiges Handy geladen. Ein rundes Gesicht, ein schwarz-weiß geblümter Schal – mehr ist von Ruksana nicht zu sehen. Sie habe mit den Tieren geholfen, erzählt Abdul Karim. Er ist Schafbauer. Ruksana habe den selbstgemachten Joghurt der Familie gemocht, er und sie hätten manchmal zusammen ein wenig davon aus dem Topf geklaut. Sie habe Kleider geliebt, dreimal am Tag habe sie sich umgezogen. Ein Familienwitz. „Ein Fleckchen auf dem Ärmel, und sofort hat sie ihr Kleid gewaschen.“ Ein gutes Kind.

Es ist leicht, ein gutes Kind zu verheiraten. Ruksana war 15 Jahre alt. Der Ehemann war ein Blutsverwandter, eine gute Wahl, sagt der Vater. Ruksana sei nicht unglücklich damit gewesen. Sie lebte noch daheim, als im Dorf der Neffe des Mullahs zu Besuch kam. Einen Monat später meldete ein Verwandter, er habe das Mädchen auf dem Rücksitz eines Motorrades gesehen, zusammen mit dem Neffen des Mullahs.

Fünf Tage später findet der Vater Ruksana. Die Tochter küsst seine Hand und weint. Nie wieder will sie so etwas tun. Abdul Karim ist ein nachsichtiger Vater. Nur: Ruksanas Ehemann ist wütend. Er will das befleckte Mädchen nicht mehr.

Sieben Lak Schadenersatz will er für den Gesichtsverlust, 70 000 Afghani (knapp 950 Euro). Die hat Abdul Karim nicht. Er muss stattdessen Ruksanas Schwester, Fatima, in die Ehe geben. Sieben Jahre alt ist sie da. Seit drei Jahren hat Abdul Karim sein Kind nicht gesehen. Grausam? Das sei eben so, wo er lebt.

Es dauert ein Jahr, aber dann kann der Vater Ruksana wieder verheiraten. Nun muss sie eine Zweitfrau werden; sie ist „beschädigt“. Ihre Seite der Geschichte wird für immer im Dunkeln bleiben, aber einen Monat nach ihrer Hochzeit läuft Ruksana wieder davon. Mit einem Nachbarn.

Nein, Ruksana war nicht schuld – an nichts von alledem, sagt der Vater bestimmt. Der Neffe des Mullahs war moralisch verdorben, der zweite Ehemann war grausam, die Mädchen im Dorf haben zu ihr gesagt, pah, Zweitfrau, das ist doch kein Leben, und ihr Dummheiten in den Kopf gesetzt. Anderswo bekommt ein dummes Mädchen einen schlechten Ruf. Ein dummes Mädchen, das im Taliban-kontrollierten Afghanistan zum zweiten Mal mit einem Mann davonläuft, muss sterben.

Der Ehemann, so erzählt es der Vater, hatte die Taliban zu Hilfe gerufen. „Er hätte auch die Polizei gerufen, aber zwischen dem Dorf und der nächsten Polizeistation liegt ein großes Taliban-Lager.“ Die verfügbare Gerichtsbarkeit im Dorf, in vielen Dörfern in Ghor und anderswo, sind nun wieder die Islamisten.

Ruksana ist tot. Fatima verloren. Auch der Hof ist weg. Der Vater hat es einfach nicht mehr ausgehalten im Dorf, wo der Mann, mit dem Ruksana die Ehe gebrochen hat, weiterleben darf – er war mit Peitschenhieben davongekommen. Wo die Erinnerungen an sein Kind lebendig sind, und wo die Taliban zu Besuch kommen und nach Tee und Brot fragen, als sei nichts geschehen.

Christine-Felice Röhrs

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