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Politik

04. Dezember 2016 | 02:56 Uhr

Böhnhardt-DNA am Fundort : NSU-Verbrecher auch Peggys Mörder?

vom
Aus der Onlineredaktion

Eine DNA-Spur es Terroristen Uwe Böhnhardt stellt spektakulär eine Verbindung zu dem ermordeten Mädchen her

Bundesinnenminister Thomas de Maizière drückt in einem Satz aus, was seit Donnerstagabend die Republik bewegt und selbst langgediente Ermittler den Kopf schütteln lässt. „Dass jetzt der Verdacht besteht, dass einer der NSU-Terroristen auch noch der Mörder der kleinen Peggy sein könnte, ist unfassbar“, sagt der CDU-Politiker gestern. Und auch BKA-Präsident Holger Münch sagt: „Der Fall NSU zeigt, dass nichts unmöglich ist.“ Einige zentrale Fragen und Antworten von Christoph Trost.

Waren bisher Verbindungen Uwe Böhnhardts oder aus dem NSU-Umfeld zum Fall Peggy bekannt?

Nein. Im gesamten Komplex Peggy ist niemals der Name eines Mitglieds des sogenannten „Nationalsozialistischen Untergrunds“ oder eines mutmaßlichen Unterstützers aufgetaucht.

Wie kam es jetzt zu der Verknüpfung der beiden Fälle?

15 Jahre nach dem Verschwinden der neunjährigen Peggy aus Lichtenberg in Oberfranken entdeckte ein Pilzsammler im Juli Teile ihres Skeletts in einem Waldstück in Thüringen – nur rund 15 Kilometer vom früheren Heimatort des Mädchens entfernt. Seither wurden die Knochen und zahlreiche weitere Spuren genau untersucht. Am Donnerstagabend dann die spektakuläre Nachricht: Die Polizei und die Staatsanwaltschaft Bayreuth teilen mit, auf einem „Spurenträger“ sei DNA festgestellt worden, „die Uwe Böhnhardt zuzuordnen ist“. Dies ist die erste und bisher einzige Verbindung zwischen den beiden Fällen.

Wo und wann wurde die DNA-Spur gefunden und untersucht?

Der Fund sei im „direkten Zusammenhang“ mit der Entdeckung der Skelettteile erfolgt, sagt der Leitende Oberstaatsanwalt Herbert Potzel gestern. Nach „Spiegel“-Informationen handelt es sich dabei um ein Stück Stoffdecke, laut Bayerischem Rundfunk um ein Stück Stoff von der Größe eines Fingernagels. Untersucht wurde die DNA-Spur jetzt beim Landeskriminalamt in München – also nicht wie die Skelettteile Peggys in der Rechtsmedizin in Jena.

Eine Verunreinigung der  DNA-Probe kann auch zu dem Treffer geführt haben?

Das ist die ganz große Frage, die vor allen anderen beantwortet werden muss. Der Bayreuther Oberstaatsanwalt Herbert Potzel schließt das nicht aus. „Es gibt mehrere Möglichkeiten der Verunreinigung“, sagt er. Die Rechtsmedizin der Uni Jena, wo im November 2011 Böhnhardts Leichnam obduziert wurde und im Juli Peggys Knochen untersucht wurden, legt sich fest: Sie schließt eine zufällige Übertragung von DNA am eigenen Institut aus. Die Spurensicherung am Fundort der toten Peggy und die Untersuchung der dort gefundenen Spuren seien nicht von der Jenaer Rechtsmedizin durchgeführt worden.

War bisher etwas über Verbindungen zwischen dem NSU-Komplex und Fällen von toten Kindern oder Kindesmissbrauch bekannt?

Ja, in mehreren Fällen. In den Akten gibt es mehrere Hinweise auf NSU-Unterstützer, gegen die der Verdacht des Kindesmissbrauchs bestand. Im NSU-Prozess wurden einige Zeugen aus der rechtsradikalen Szene damit konfrontiert. Einer dieser Männer räumte ein, er habe eine Collage gezeichnet, die zerstückelte Kinder zeigte. Der bekannteste Fall ist der des früheren Thüringer Neonazi-Drahtziehers Tino Brandt, der vor zwei Jahren wegen Kindesmissbrauchs in 66 Fällen verurteilt wurde. Ein anderer Zeuge bezichtigte in einer Polizeivernehmung Uwe Böhnhardt, einen neun Jahre alten Jungen in Jena ermordet zu haben. Der Fall ist bis heute nicht aufgeklärt.

Was bedeutet die DNA-Spur? Könnte Böhnhardt Peggys Mörder sein?

Alles völlig offen. In der Pressemitteilung von Polizei und Staatsanwaltschaft heißt es: „In welchem Zusammenhang diese DNA-Spur gesetzt wurde, wo sie entstanden ist und ob sie in Verbindung mit dem Tod von Peggy K. steht, bedarf weiterer umfassender Ermittlungen in alle Richtungen, die derzeit geführt werden und ganz am Anfang stehen.“ Offen bleibt, ob Böhnhardt Peggys Mörder gewesen sein könnte oder ob er „nur“ Kontakt zum Täter hatte?

Was sind die nächsten Ermittlungsschritte?

Erstes Ziel der Ermittler ist es derzeit, eine Verunreinigung der DNA-Probe auszuschließen. Sollte das gelingen, tun sich unzählige weitere Fragen auf. Eine beantwortet das BKA bereits gestern: An Kindersachen aus dem letzten gemieteten Wohnmobil der mutmaßlichen NSU-Terroristen, die in der Asservatenkammer des Bundeskriminalamtes lagern, darunter unter anderem eine Sandale, wurde demnach keine DNA-Spur Peggys entdeckt.

 

Kommentar: Unfassbar

Es wirkt wie das Drehbuch eines düsteren schrecklichen Thrillers: Eine mörderische Bande Rechtsextremer überzieht ein Land jahrelang mit einer Mordserie gegen Migranten, entführt, schändet und tötet auch Kinder. Tun sich jetzt womöglich weitere Abgründe in Verbindung mit der Terrorgruppe „Nationalsozialistischer Untergrund“ auf? Die neue Spur im Fall der vor 15 Jahren ermordeten Peggy legt den unfassbaren Verdacht nahe, dass die Verbrechen, die Deutschland in der jüngeren Vergangenheit wie kaum andere erschüttert haben, zusammenhängen könnten. Die Spur führt zum NSU. In der Vergangenheit hatte es Hinweise auf pädophile Neigungen bei NSU-Terroristen und in ihrem Umfeld gegeben, war dort kinderpornographisches Material sichergestellt worden. Womöglich haben die Ermittler auch diesen Indizien nicht ausreichend Bedeutung geschenkt.

Kommt jetzt Licht ins Dunkel des Mordfalls Peggy? Haben Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe noch weitere Verbrechen begangen? Die Nazi-Morde der Terrorgruppe, die jahrelang unbehelligt geblieben war, die eklatanten Fahndungspannen und das wiederholte Versagen der Ermittlungsbehörden haben nicht nur den Glauben der Angehörigen der Opfer an den Rechtsstaat erschüttert. Bundespräsident Joachim Gauck und Bundeskanzlerin Angela Merkel hatten maximale Aufklärung versprochen. Die lässt auch heute immer noch auf sich warten.

Andreas Herholz

 

 „Ermittler sollten nicht so tun, als wüssten sie alles über NSU“

Mehmet Daimagüler, Rechtsanwalt von NSU-Opfern, über Versäumnisse im Zusammenhang mit den Rechtskriminellen und den nächsten Schritten bei der Aufklärung

Neue Wendung im Fall Peggy: Eine DNA-Spur von Uwe Böhnhardt wirft die Frage nach einer Verbindung der Terrorzelle NSU zu dem Mord an dem Kind auf.  Darüber sprach Andreas Herholz  mit Mehmet Daimagüler, Rechtsanwalt von NSU-Opfern.

Wie bewerten Sie diese neue Spur?

Daimagüler: Zunächst muss zweifelsfrei festgestellt werden, dass es hier nicht zu einer Kontaminierung der DNA gekommen ist. So etwas kann vorkommen, wenn dasselbe rechtsmedizinische Institut die Auswertung vornimmt. Aber es sieht so aus, als sei dies hier nicht der Fall gewesen. Im Kreis der Rechtsterroristen des NSU und deren Umfeld hat es immer wieder Täter gegeben, die im Bereich des Kindesmissbrauchs auffällig geworden sind. Dazu gehört etwa Tino Brandt, der ehemalige Chef des „Thüringer Heimatschutzes“. Er sitzt wegen Prostitution Minderjähriger in Haft. Es gibt auch den Fall des Enrico T., der Anfang der 90er-Jahre verdächtigt worden war, ein Kind ermordet zu haben. Damals war auch Uwe Böhnhardt beschuldigt worden. Auf einem der Rechner des NSU ist kinderpornographisches Material gefunden worden. All diese Indizien und die Tatsache, dass die sterblichen Überreste von Peggy in Thüringen gefunden worden sind, deuten auf eine Verbindung zum NSU hin. Wir müssen das aufklären. Womöglich hat Böhnhardt Peggy entführt, missbraucht und getötet und ein türkischstämmiger Bürger dafür jahrelang unschuldig im Gefängnis gesessen. 

Was muss jetzt geschehen?

Wir müssen diese Spur  gründlich prüfen und Informationen sammeln. Die Ermittler sollten nicht so tun, als wüssten sie alles über den NSU. Vieles im Zusammenhang mit dem NSU bleibt weiter rätselhaft.

Es gibt viele offene Fragen zu den NSU-Morden. Wenn der Staat suggeriert, alle Fragen seien beantwortet, die NSU-Mordserie sei aufgeklärt und es stellt sich heraus, dass es mitnichten so ist, schwindet das Vertrauen der Bevölkerung in Polizei und Justiz.

Wird die neue Spur auch Folgen für das Verfahren gegen das NSU-Mitglied Beate Zschäpe haben?

Ich rechne nicht damit, dass dies große Auswirkungen auf das Verfahren haben wird. Dennoch: Die Strafverfolgungsbehörden müssen jetzt bei allen ungeklärten Tötungsdelikten seit 1990, bei denen ein Migrant oder ein Kind das Opfer war, einen entsprechenden Datenabgleich der DNA-Spuren mit der DNA von Böhnhardt machen. 

 Wie lässt sich dies noch bewerkstelligen?

Seit 1990 hat es mehr als 700 ungeklärte Tötungsdelikte an Migranten gegeben. In diesen Fällen sagt auch das Bundesinnenministerium, dass es einen rechtsradikalen Hintergrund geben könnte. All diese Fälle müssen geprüft und ein DNA-Abgleich mit den NSU-Tätern vorgenommen werden.

Sonst bleibt das Versprechen der vollständigen Aufklärung der NSU-Mordserie nur Makulatur. Das ist mit großem Aufwand verbunden, aber es führt kein Weg daran vorbei. Die Bundeskanzlerin hat umfassende Aufklärung zugesagt. Jetzt müssen die Sicherheitsbehörden dies auch umsetzen. Wir wollen Antworten auf die vielen offenen Fragen haben. Das Bundesinnenministerium, der Generalbundesanwalt und das Bundeskriminalamt sind jetzt hier gefordert.

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